Der niederländische Fußballverband KNVB zeigte den Zweitligisten die kalte Schulter - trotz klarer Tendenz: 16 von 34 Klubs hatten trotz des Saisonabbruchs für jeweils zwei Auf- und Absteiger gestimmt, nur neun dagegen und ebenfalls neun enthielten sich in der Abstimmung. Der KNVB wertete das Ergebnis in einer Stellungnahme jedoch ganz nach seinem Gusto: „Die Abstimmung zeigt, dass es keine eindeutige Mehrheit gibt.“ Ansichtssache.
Während bei den akut abstiegsbedrohten Erstligisten ADO Den Haag und RKC Waalwijk der Klassenerhalt in der Eredivisie gefeiert wurde, regte sich an der Spitze des niederländischen Unterhauses (Eerste Divisie) großer Unmut nach der KNVB-Entscheidung: Der SC Cambuur und De Graafschap, die beiden besten Vereine der 2. Liga, kündigten prompt an, rechtliche Schritte einzuleiten. „Das fühlt sich wie die größte Schande in der Geschichte des niederländischen Sports an“, sagte Cambuur-Manager Henk De Jong im niederländischen Fernsehen. Seine Mannschaft hatte elf Punkte Vorsprung auf die Play-off-Plätze, als die Liga unterbrochen wurde.
Volle Rückendeckung und Empathie erhielt De Jong auch vom Geschäftsführer der Eerste Divisie, Marc Boele. „Es fühlt sich so an, als würden wir nicht ganz ernst genommen werden“, sagte Boele enttäuscht: „So, als ob wir eine Art abgewerteter Wettbewerb sind. Das ist bitter.“
Doch nicht nur in den Niederungen ist der Aufschrei groß, auch im Kampf um die Meisterschaft und die internationalen Plätze sind die Gemüter erhitzt. Vor allem beim Tabellenzweiten AZ Alkmaar, aber auch beim Pokalfinalisten FC Utrecht. Alkmaar, das bei Unterbrechung der Saison wegen des Coronavirus punktgleich mit Tabellenführer Ajax Amsterdam an der Spitze lag, will laut AZ-Sportdirektor Robert Eenhoorn gegen die KNVB-Entscheidung vorgehen.
Aber auch Ajax muss weiter auf seinen 35. Titel warten. Der Rekordmeister belegte nach 25 Ligaspielen nur aufgrund der besseren Tordifferenz Rang eins, Alkmaar gewann aber das Hin- und Rückspiel gegen den Rekordmeister - und dürfte bei einem Verfahren entsprechend argumentieren. Hinzu kommt: Ajax wurde für die Play-offs der Champions League nominiert, Alkmaar nimmt hingegen erstmal „nur“ an der zweiten Qualifikationsrunde zur Königsklasse teil.
„Als Spieler und als Verein willst du natürlich Meister werden“, sagte Ajax-Geschäftsführer Edwin van der Sar und besänftigte: „Es ist schade, dass wir nicht zum Meister erklärt worden sind, aber in dieser Situation mag das verständlich sein. Es gibt im Moment wichtigere Dinge als Fußball.“
Weil auch das Pokalfinale zwischen Feyenoord Rotterdam und dem FC Utrecht abgesagt wurde, droht dem KNVB eine weitere Klage. Wie Utrechts Mehrheitsaktionär Frans van Seumeren dem niederländischen TV-Sender NOS sagte, wolle er „die besten Rechtsanwälte des Landes“ engagieren, um vor Gericht zu ziehen sowie bei den entsprechenden Instanzen der Europäischen Fußball-Union (UEFA) gegen den KNVB zu klagen.
Van Seumeren fühlt sich benachteiligt, weil Utrecht sich im Falle eines Pokalsieges für die Europa League qualifiziert hätte. Den Vorschlag, das Pokalfinale nach dem 1. September zu spielen, hatte der KNVB abgelehnt. Die niederländische Regierung hatte zuvor Großveranstaltungen bis zum 1. September verboten.
Zudem ging der FC Utrecht als Sechster der Eredivisie mit einem Spiel weniger ebenfalls leer aus, denn nur die ersten fünf sind für das internationale Geschäft qualifiziert. Bei einem Sieg im Nachholspiel hätte Utrecht den Fünften Willem II Tilburg verdrängt. „Ich verstehe die Enttäuschung in Utrecht, aber in der derzeitigen Situation ist es nicht möglich, eine Entscheidung zu treffen, mit der alle happy sind. Bei einer anderen Entscheidung wären wir vielleicht die Dummen gewesen“, sagte Willem-II-Torhüter Timon Wellenreuther bei Sport1.
Der KNVB folgte bei der Vergabe der Tickets für die internationalen Wettbewerbe den Vorgaben der UEFA. (sid)

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