Das Raerener ÖSHZ hatte sich gemeinsam mit der Gemeinde auf die Fahne geschrieben, allen Senioren in der Kommune Hilfe anzubieten. Ganz konkret wurde das Angebot gemacht, Einkäufe und Botengänge zu erledigen oder das „Essen auf Rädern“ zu liefern. Wie aber herausfinden, wer etwas braucht?
Ferdy Leusch, Präsident des Raerener ÖSHZ, spricht von einer „umfassenden Bedarfsanalyse“. Tatsächlich wurden keine Mühen gescheut, um sämtliche in der Gemeinde lebenden Senioren zu erreichen. Zuerst wurde, nach einem allgemeinen Aufruf in der Presse, ein Schreiben an die 2.027 Raerener verschickt, die ihren 65. Geburtstag bereits hinter sich haben. Es folgte eine Telefonaktion, um besonders bei den alleinstehenden Senioren nochmals gezielt den Bedarf abzuklopfen und nachzuhören, ob Hilfe benötigt werde. Bei den 400 der 500 alleinstehenden Senioren, die den Hörer nicht abnahmen, wurde dann persönlich an die Türe geklopft. „Es war ein sehr arbeitsintensives und zeitaufwendiges Unterfangen. Zeitweise kam es dem Team wie eine Sisyphusarbeit vor“, umschreibt ÖSHZ-Sekretärin Claudia Kirschfink-Fonk. Anders als bei dem griechischen Helden konnten die Raerener ihr Werk allerdings erfolgreich beenden.
Antriebsfeder war laut Ferdy Leusch „die Sorge um die älteren Mitbürger in der Coronazeit“. Der ÖSHZ-Präsident führt aus: „Wenn man sich die Statistik mit dem Pro-Kopf-Einkommen anschaut, ist Raeren eine der reichsten Gemeinden. Aber es gibt auch andere Probleme als die finanzielle Notlage: Einsamkeit und Isolation. Und genau da ist das ÖSHZ gefragt.“ Bürgermeister Erwin Güsting (Mit Uns) fügte während des Pressetermins am Donnerstag hinzu, dass auch die Grenzlage der Gemeinde eine Rolle spiele. „Viele Senioren haben Kinder und Enkel, die jenseits der Landesgrenze leben und sind allein.“ In den letzten Wochen habe die Raerener Verwaltung 350 Passierscheine ausgestellt.
18,8 Prozent der Raerener Bevölkerung ist älter als 65 Jahre. Das ist die Zielgruppe.
Der Rücklauf dieser aufwendigen Befragung blieb allerdings überschaubar. Insgesamt nehmen 16 Personen das Angebot an, einmal wöchentlich mit Einkäufen beliefert zu werden. 28 Personen haben sich zusätzlich für das „Essen auf Rädern“ eingetragen. Auch andere Botengänge, wie Besorgungen bei der Bank oder Apotheke, wurden vereinzelt wahrgenommen. Die relativ kleine Menge an Hilfsanfragen sieht Bürgermeister Güsting jedoch positiv. „Zum Glück sind es nur so wenige. Das ist ein gutes Zeichen“, freut er sich. „Es zeigt doch, dass die älteren Bürger Hilfe aus ihrem Umfeld und von ihrer Verwandtschaft bekommen. Es geht ihnen also gut.“ Er ist aber auch der Meinung, dass die Aktion des ÖSHZ „ein Weckruf für so manchen war, der jetzt die Augen öffnet, nach rechts und links schaut und den anderen helfen will“. Ein Anstoß zur Nachbarschaftshilfe.
Projektleiterin Mary Vollmer koordiniert die rund 15 Ehrenamtlichen, die sich bereit erklärt haben, Einkäufe zu erledigen. Sie stellt sich allerdings auch selber in die Schlange vor den Supermärkten, um für Senioren die unterschiedlichsten Waren zu besorgen. Es konnten Vereinbarungen mit den Eynattener Supermärkten geschlossen werden, um die Bezahlung per Rechnung abzuwickeln.
Mary Vollmer mag den Kontakt, der entsteht, wenn die Einkaufsliste am Telefon durchgegeben wird oder die erledigten Einkäufe abgestellt werden. „Es ist eine schöne Erfahrung. Man macht sich gegenseitig Mut und tauscht sich aus. Wenn ich die Einkäufe bringe, lauern manche Senioren schon am Fenster, um sich zu bedanken und einen kleinen Plausch zu halten – mit Distanz natürlich. Ich habe schon Gartentipps und Rezeptideen auf diesem Weg erhalten“, lacht die Sozialassistentin. Sie ist überzeugt, dass viele ältere Menschen gerade in Coronazeiten ein offenes Ohr und Ansprache brauchen. Es sind manchmal aber auch ganz kleine und banale Dinge, an denen es mangelt. Wer kann meinen Rasen mähen? Wo kriege ich eine Neon-Röhre her? Diese und andere Fragen beschäftigen die Menschen. Mary Vollmer und ihre Kollegen versuchen, Antworten zu finden und Unterstützung zu bieten. Und wenn es gar nicht anders geht, rückt sogar das Gemeindeoberhaupt aus. Erwin Güsting hat bereits eine Birne gewechselt, einen Fernseher repariert und eine durchgeschmorte Steckdose unter die Lupe genommen. Sein Motto: schnell und unkompliziert reagieren. Das hat auch in Sachen „Essen auf Rädern“ funktioniert. Dem Küchenpersonal des Marienheims, wo die Mahlzeiten zubereitet werden, wuchs die Arbeit wegen der zusätzlichen Bestellungen über den Kopf. Kurzerhand konnte das Schulküchenpersonal, das zurzeit nicht viel zu tun hat, mit anpacken. Um das zusätzliche Essen an den Mann zu bringen, wurde auf die Schnelle ein Wärmeschrank angemietet.
„Das Projekt läuft in jeder Hinsicht gut und die Arbeit war auf keinen Fall vergebens“, so die erste Schlussfolgerung der Beteiligten. Es soll aber keine Eintagsfliege sein. Das ÖSHZ möchte das Angebot auch nach der Krise weiterführen – allerdings in leicht abgeänderter Form. „Es geht nicht darum, den Senioren die ganze Arbeit abzunehmen, während sie untätig rumsitzen und warten. Wir wollen sie einbinden. Die Menschen sollen merken, was sie noch alles können.“
Was den Projektplanern vorschwebt: Das angestoßene Projekt soll bestenfalls zum Selbstläufer werden. Unter Begleitung und Koordination des ÖSHZ könnten Ehrenamtliche nach der Coronakrise gemeinsam mit den Senioren einkaufen gehen, zur Bank fahren oder „Papierkram“ im Gemeindehaus erledigen. Leusch sieht das auch als einen Baustein, der dazu beitragen kann, dass die Menschen länger zu Hause leben können.
Somit könne ein gemeinsamer Weg aus der Isolation, hin zu noch mehr Gemeinschaft und Solidarität gefunden werden. Das beste Beispiel dafür, dass es möglich sein könnte, ist das Angebot eines 91-Jährigen, der im Rahmen der Umfrage erklärte: „Vielen Dank für Ihren Anruf. Ich brauche momentan keine Hilfe. Aber wenn ich Ihnen helfen kann, können Sie sich gerne melden.“

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