„Kannst du mir mal verraten, was genau das werden soll?“ Heinrich schüttelte ungeduldig den Kopf. „Du kannst doch hier nicht im vierten Gang um die Kurven fahren, Margarethe. Da schaltet man runter.“ Er klappte die Sonnenblende herunter und warf einen Blick in den kleinen Spiegel. Ein tiefergelegter Golf mit belgischem Kennzeichen klebte an ihrer Stoßstange. Der Fahrer ließ den Motor aufheulen und zog hupend an ihnen vorbei. „Was macht denn der!“, rief Margarethe neben ihm. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest hielt sie das Lenkrad umklammert. „Ja, was macht der wohl.“ Heinrich schnaubte. „Dem bleibt doch nichts anderes übrig als zu überholen, so wie du fährst.“
Er klappte die Sonnenblende ungeduldig wieder nach oben. Es war ihm schleierhaft, warum seine Frau nach mehr als 40 Jahren Fahrpraxis immer noch so unsicher Auto fuhr. Er wusste schon, weshalb er sonst immer selbst hinterm Steuer saß. Aber das entzündete Handgelenk solle er schonen, hatte sein Orthopäde gemeint. „Bis Monschau sind es nur noch ein paar Kilometer“, meinte Heinrich. „Die wirst du ja wohl noch schaffen.“ Als sie den Wagen endlich auf dem Parkplatz des Hotels Michel & Friends geparkt hatte, lehnte Margarethe sich erschöpft zurück. Ihr Unterhemd klebte schweißnass am Rücken.
„Willst du etwa so stehen bleiben?“ Heinrich wartete ihre Antwort gar nicht erst ab. Mit einem Knall fiel die Beifahrertür ins Schloss. Margarethe zuckte zusammen. Sie schloss einen Moment die Augen, dann setzte sie ein Lächeln auf und stieg ebenfalls aus. Sie sah sich um. Das Hotel war umgeben von Bäumen, neben dem Parkplatz gluckerte ein kleiner Bach. „Da hat dein Chef nicht zu viel versprochen, es ist ja traumhaft hier. Und das Essen soll richtig gut sein, hat seine Frau erzählt.“ Sie hörte selbst, wie gepresst ihre Stimme klang. „Naja, erst mal abwarten.“
Nach einem köstlichen Vier-Gänge-Menü mit Senfkreationen aus der Monschauer Senfmühle brauchte Margarethe dringend einen Moment Ruhe. Sie trat auf den Balkon. Im Dämmerlicht konnte sie die Umrisse der Bäume erkennen, der Wind rauschte durch die Blätter. Das Zimmer hatte Heinrichs Firma sich bestimmt einiges kosten lassen. Abschiedsgeschenk zum Ruhestand. Sie hielt ihr Gesicht in den kühlen Abendwind. Ihre Wangen glühten noch immer vor Scham über den abfälligen Kommentar zur „mittelmäßigen Qualität“ der Speisen, den ihr Mann an der Bar hatte fallen lassen. Da sei ja sogar das Essen, das sie ihm zu Hause vorsetze, deutlich besser. Beifall heischend hatte er sich umgesehen. Und sie war auf ihrem Barhocker immer kleiner geworden.
Margarethe versuchte, tief einzuatmen. Ständig hatte sie in letzter Zeit das Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen. „Wie lange brauchen wir wohl für die 15 Kilometer?“ Margarethe setzte ihren Wanderrucksack auf. Genervt verdrehte Heinrich die Augen. „Hörst du überhaupt mal zu, wenn ich mit dir rede? Das sind 20 Kilometer. Hab ich dir beim Frühstück schon gesagt.“ Sie sah ihn an, schon wieder mit diesem verkrampften Lächeln. „Entschuldige bitte.“ „Hör einfach zu, dann musst du dich auch nicht entschuldigen.“ Er warf einen Blick in den Wanderführer.
„Der Eifelsteig bei Monschau ist anspruchsvoll und führt Sie durch eine beeindruckende Landschaft, teilweise über schmale Pfade und an steilen Hängen entlang.“ Das war ganz nach seinem Geschmack. Von wegen nun gehöre er zum alten Eisen. Die markigen Sprüche der Kollegen bei seinem Ausstand waren total daneben gewesen.
„Beschwer dich ja nachher nicht, dass dir die Füße wehtun.“ Margarethe versuchte, Heinrichs Stimme auszublenden. Seit fünf Stunden lag er ihr damit in den Ohren, dass sie ihre Füße falsch abrolle. Und ihre Wanderstöcke falsch einsetze. Zum Glück war es nicht mehr weit. „Ich wäre froh, wenn ich meine Stöcke dabei hätte“, meckerte er weiter. „Aber mit der Bandage an der Hand…“ Sie blieb stehen und schloss für einen Moment die Augen. „Merkst du eigentlich nicht, dass er dich ständig runterputzt?“, hatte sie plötzlich die Stimme ihrer Nachbarin im Ohr. „Das darfst du dir nicht gefallen lassen.“ Brigitte hatte leicht Reden. Sie wusste ja nicht, wie Heinrich sich aufregte, wenn sie ihm widersprach. Dann diskutierte er so lange, bis sie gar nicht mehr wusste, worum es eigentlich ging.
„Willst du da Wurzeln schlagen?“, riss Heinrich sie aus ihren Gedanken. Er war auf dem schmalen Pfad stehen geblieben und stützte sich an der Felswand ab. Links von ihnen ging es bestimmt 30 Meter hinab. Der Steilhang war mit Bäumen bewachsen. „Wir sind gleich an einer Schutzhütte, da können wir kurz Pause machen. Und jetzt konzentrier dich gefälligst mal.“ Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ein falscher Schritt, und du stürzt ab.“ Margarethe umklammerte ihre Wanderstöcke. Die Wut krampfte ihren Brustkorb zusammen, sie konnte kaum atmen. Brigitte hatte völlig Recht. „Da ist die Hütte“, rief Heinrich Margarethe über die Schulter zu. Auf einmal wummerte laute Musik durch den Wald. „Was ist das denn?“ Fassungslos blickte er seine Frau an. Die zuckte nur mit den Schultern, war ja klar. Zu der Musik kam nun noch lautes Grölen. Männerstimmen. „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ Heinrich schüttelte den Kopf. „Was für Asoziale machen denn hier so einen Radau?“ Er straffte die Schultern. Die konnten was erleben. Empört stapfte auf die Hütte zu, als er plötzlich eine Stimme hörte. „Sach mal, hat der uns gerade asozial genannt?“
Heinrich blieb erschrocken stehen. Hinter einem Felsvorsprung saßen zwei junge Männer mit Bierdosen in der Hand auf dem Boden. „Ich glaub` schon.“ Einer der beiden rappelte sich auf. Schwankend stand er vor Heinrich und pustete ihm seinen säuerlichen Atem ins Gesicht. „Du häls dich wohl für was Besseres, was?“ „Klar hält der sich für was Besseres, Mann!“ Der Zweite kam nun ebenfalls auf die Beine, ein wahrer Hüne. Er machte einen Schritt auf Heinrich zu. „Was `n dein Problem, Alter? Ey, Leute!“, rief er in Richtung Hütte. „Hier will einer Ärger.“ Heinrich stemmte die Hände in die Seiten. „Die Einzigen, die hier Ärger bekommen, sind Sie! Das ist Ruhestörung! Ich rufe jetzt die Polizei!“ Er zog sein Handy aus der Jackentasche. Den Stoß, den der Hüne ihm versetzte, sah Heinrich nicht kommen. Er taumelte. Spürte, wie sein Fuß ins Leere trat. Warf sich instinktiv nach vorne. Und fiel trotzdem. Schrammte mit dem Oberkörper und dem Gesicht den Fels entlang. Schrie. Und bekam etwas zu fassen, das seinen Sturz stoppte.
Regungslos presste Margarethe sich an die Felswand. Die beiden Männer schienen sie gar nicht wahrgenommen zu haben. Innerhalb weniger Sekunden hatten sie mit den anderen aus der Hütte das Weite gesucht. Margarethe löste sich langsam von der Wand. Sie zuckte zusammen, als sie Heinrichs Stimme hörte. „Hilfe!“ Mit zitternden Beinen trat sie an die Steilkante. Er hing etwa einen Meter unter ihr und klammerte sich mit seiner gesunden Hand an einer Wurzel fest. Die bandagierte Linke hing nutzlos herab. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Verzweifelt versuchte er, mit den Füßen Halt zu finden. „Jetzt hilf mir doch endlich! Ich kann mich nicht mehr halten!“ Margarethe sah ihm in die Augen. „Los, mach schon!“, brüllte er. Sie trat einen Schritt zurück. Legte den Kopf in den Nacken und sah zu den Baumwipfeln hinauf. Hörte, wie er abrutschte. Wie er schrie. Danach war es still. Margarethe holte tief Luft und lächelte.

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