Wegen der 39 Toten hat die Polizei inzwischen fünf Verdächtige festgesetzt, darunter den Fahrer des Lastwagens. Ihnen wird Menschenhandel und Totschlag beziehungsweise Mord vorgeworfen. Die Zugmaschine war aus Irland gekommen, der Auflieger kam über den belgischen Hafen Zeebrugge nach England – per Schiff wurde er von Belgien in den Hafen Purfleet gebracht. Auch Tage nach dem grausigen Fund in der Nacht zum Mittwoch war unklar, wann und wo die Menschen in den Lkw gelangten.
Neuer Verdächtiger festgenommen
Der fünften Verdächtige wurde am Samstag von der Polizei festgenommen. Es handelt sich dabei um einen Mann aus Nordirland, der Anfang 20 sein soll. Er wurde im Hafen von Dublin fetsgenommen. Das berichteten mehrere britische Medien am Samstag. Diese erhielten die Informationen von der Polizei in Dublin.
Der Mann war zu Fuß unterwegs, und gegen ihn habe es einen Haftbefehl wegen einer mutmaßlichen Straftat in Irland gegeben. Die Polizei in Essex habe jedoch Interesse bekundet, den Mann zu befragen, heißt es in einer Mitteilung der Dubliner Polizei vom Samstag. Nach Angaben des irischen Rundfunks RTE war der Mann mit einer Fähre aus Frankreich in Dublin angekommen. Er erscheint noch Samstag vor einem Richter, so SkyNews.
Wahrscheinlich Vietnamesen unter den Opfern
Nach der finsteren Entdeckung am Mittwoch sagte die Polizei am Donnerstag, dass sie davon ausgegangen sei, dass alle Todesfälle Chinesen seien. Aber jetzt scheint es wahrscheinlicher, dass die Mehrheit Vietnamesen sind. Die Umstände deuten stark darauf hin, dass es sich bei den Opfern um ins Land geschleuste Migranten handelt.
VietHome, eine Organisation, die die vietnamesische Gemeinschaft in Großbritannien vertritt, behauptet, Fotos von fast zwanzig vermissten Personen erhalten zu haben. Das berichtete der britische öffentlich-rechtliche Sender BBC am Samstag. VietHome berichtete kurz nach der Entdeckung der Leichen, dass Berichte über vermisste Personen eingegangen sind, die zwischen 15 und 45 Jahre alt seien.
In Vietnam selbst sagte der katholische Priester Anthony Dang Huu Nam, dass ihm von „mehr als hundert Menschen“ erzählt worden sei, die die Provinz Yen Thanh „auf dem Weg in ein anderes Leben“ verlassen hätten, so die BBC und Sky News. Familien aus der Region denken, dass Verwandte Opfer der „tragischen Reise“ sind.
Nach Angaben der Lokalzeitung VnExpress berichten insgesamt zwölf Familien aus Zentralvietnam, dass ihre Kinder seit dem 23. Oktober vermisst werden.
Bui Huy Cuong, stellvertretender Vorsitzender des Volkskomitees im Bezirk Can Loc, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Samstag, er habe Informationen über acht vermisste Personen. „Fünf Familien wandten sich an uns und baten um Hilfe (bei der Suche nach ihren vermissten Kindern)“. „In unserer Stadt sind viele Menschen illegal nach Europa gegangen und vor allem nach Deutschland ausgewandert. Wir haben versucht, sie legal nach Japan oder Südkorea zu schicken, aber viele Familien wollen immer noch illegal nach Deutschland gehen, wo sie Verwandte haben, die dort arbeiten“, sagte Cuong.
Pham Van Nho, ein vietnamesischer Student in London, der der Polizei dabei half, die Leichen zu identifizieren, berichtete auf Facebook, dass 24 Opfer aus Vietnam zu kommen scheinen.
Am Samstag sagte ein 57-Jähriger Vietnamese, Nguyen Dinh Gia, der Deutschen Presse-Agentur, sein Sohn sei 2017 nach Frankreich ausgewandert und habe ihn informiert, dass er als Teil einer Gruppe nach Großbritannien geschmuggelt werden solle. Der Vater sagte, er haben einen Anruf bekommen und sei über die Todesfälle informiert worden. Er sei aber nicht sicher gewesen, wer der Anrufer überhaupt war und ob es sich um einen Schleuser gehandelt habe. Er habe nun kaum noch Hoffnung, dass sein Sohn am Leben sei. „Ich bin sicher, dass er tot ist, aber ich versuche, das eine Prozent an Hoffnung zu behalten, dass er noch lebt“, sagte der Mann über seinen Sohn.
Am Freitag enthüllte eine Menschenrechtsaktivistin, dass sie Textnachrichten von der 26-jährigen Pham Thi Tra My an ihre Mutter in Vietnam erhalten habe, mit der Botschaft, dass sie „sterben werde“, weil sie „nicht atmen kann“.

Nguyen Xuan Quang, Vizepräsident der Gemeinde Hung Dong in der Nähe der Stadt Vinh in der Provinz Nghe An, wo das junge Mädchen Tran My Ngoc als vermisst gilt, sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass Ngoc Frankreich am selben Tag wie My mit dem Ziel Großbritannien verlassen habe.


In Sozialen Medien kursierten zahlreiche Informationen darüber, wie sich die Tragödie zugetragen haben könnte. Unter anderem hieß es, der Lastwagen mit den 39 Menschen sei von Frankreich aus über Belgien nach Großbritannien gelangt. Diese Informationen waren aber zunächst nicht zu verifizieren. Die Polizei in der Grafschaft Essex sprach am Freitagabend von einem sich noch entwickelnden Bild, was die Nationalitäten der Opfer angehe. Zunächst war die Polizei davon ausgegangen, dass es sich um Chinesen handele.
Die Leichen wurden in die Gerichtsmedizin gebracht
„Ich lege den Fokus im Moment auf die vietnamesische Gemeinschaft“, sagte Martin Passmore, bei der Essex Police zuständig für die Identifizierung der Opfer. Andere Herkunftsländer kämen jedoch weiterhin auch in Frage.
Es sei ein Problem, dass möglicherweise Verwandte der Opfer selbst illegal in Großbritannien lebten und Angst hätten, sich bei der Polizei zu melden. Passmore sicherte deshalb zu, seine Behörde werde niemanden verfolgen, der sich in dem Fall an die Polizei wende. In den vergangenen Tagen hatten sich Angehörige mit teils schockierenden Schilderungen an britische Medien gewandt.
Inzwischen seien alle Leichen aus dem Lkw in die Gerichtsmedizin gebracht worden, sagte Passmore. Anschließend sollen an den Leichen gefundene Besonderheiten mit den Informationen abgeglichen werden. Er habe sich auch mit dem vietnamesischen Botschafter getroffen, um die Zusammenarbeit mit den Behörden in dessen Land zu vertiefen. „Wir alle wollen vor allem das Eine: Dass die Toten identifiziert und zu ihren Angehörigen gebracht werden.“
Die Leichen waren in der Nacht zum Mittwoch im Laderaum des Lastwagens im Ort Grays entdeckt worden. Möglicherweise sind die Menschen im Laderaum erfroren, da der große Lkw-Sattelauflieger zur Kühlung geeignet ist. Offiziell bestätigt wurde die Todesursache zunächst nicht. Die Polizei hat inzwischen vier Verdächtige festgenommen, darunter den Fahrer des Lastwagens.
Jedes Jahr werden Hunderte von Vietnamesen nach Großbritannien geschmuggelt, sagt die Hilfsorganisation Ecpat. Sie müssen unter Bedingungen arbeiten, die an Sklaverei erinnern. (dpa/belga/alno)

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