Panik vor dem Chaos-Brexit

<p>Menschen mit Pro-Brexit Plakaten stehen vor dem britischen Parlament. Acht Wochen vor dem geplanten EU-Austritt Großbritanniens am 31. Oktober geht das Ringen um den Brexit in die heiße Phase.</p>
Menschen mit Pro-Brexit Plakaten stehen vor dem britischen Parlament. Acht Wochen vor dem geplanten EU-Austritt Großbritanniens am 31. Oktober geht das Ringen um den Brexit in die heiße Phase. | Foto: Alberto Pezzali/AP/dpa

Das ist natürlich nicht wörtlich gemeint, die 24-Jährige sitzt trocken und behütet in einem sonnigen Großraumbüro an der Avenue de Cortenbergh in Brüssel. Aber sie weiß: „Was in den Nachrichten läuft, löst hier ganz schön was aus. Die Leute rufen an.“ Werde ich nach einem Brexit noch ohne Visum reisen können? Darf ich Hund oder Katze mitnehmen? Was wird aus meinem Erasmus-Stipendium? Werde ich abgeschoben? All diese Fragen hört Martina an ihrer Leitung bei Europe Direct, dem telefonischen EU-Kummerkasten, bei dem jeder gebührenfrei anrufen kann. Nach dieser Woche mit dem verworrenen Machtkampf in London und der enormen Unsicherheit dürften dort die Telefone wieder Sturm klingeln. „Mit Blick auf einen möglichen Brexit ohne Vertrag geraten die Leute in Panik, und das ist ja auch verständlich“, sagt Martina, die sich im Call Center auf Brexit-Fragen spezialisiert hat und gerne nur ihren Vornamen genannt wissen möchte. „Wir wollen den Leuten helfen, ruhig zu bleiben.“

Panik? Ist das angebracht? Muss man wirklich zittern vor den Plänen der Herren in der Downing Street? Oder ist es an der Zeit, einen Strich unter das Drama zu machen? Fakt ist: Der Brexit ist für den 31. Oktober angesagt, aber noch immer ist kein Austrittsvertrag ratifiziert. Auch nach dem Votum des britischen Parlaments gegen den No-Deal und trotz der möglichen Aussicht auf Neuwahlen in Großbritannien: Die Gefahr, dass das Land in acht Wochen ohne Abkommen „über die Klippe stürzt“, ist nicht gebannt. Ohne Vertrag, das heißt, es gibt keine Übergangsfrist und keine Rechtssicherheit. Von einem Tag auf den anderen ist zwischen der EU und Großbritannien alles anders - neue Regeln, neue Vorschriften, neue Kontrollen an den Grenzen. Im Amtsdeutsch der EU-Kommission klingt das so: „Dies würde natürlich erhebliche Störungen für Bürger und Unternehmen mit sich bringen und schwerwiegende negative wirtschaftliche Auswirkungen haben, die im Vereinigten Königreich im Verhältnis viel stärker wären als in den Mitgliedstaaten der EU-27.“

Hunderte Seiten sind darüber geschrieben worden, was das genau bedeuten wird. Kurzfristig werden bei einem Chaos-Brexit stunden- oder tagelange Wartezeiten für Lastwagen an der Grenze erwartet. Die britische Regierung befürchtet Lieferengpässe bei Lebensmitteln und Arzneien. Etliche Briten haben längst begonnen, Vorräte zu horten. Mittelfristig sagen Studien einen Konjunktureinbruch voraus oder gar eine Rezession. Exportverluste, Währungsverfall, Fabrikschließungen, Arbeitslosigkeit. Experten der Bertelsmann-Stiftung kamen in Modellrechnungen für den Fall eines No-Deal-Brexits auf Einkommensverluste von fast 100 Milliarden Euro pro Jahr - davon allein 57 Milliarden Euro für Großbritannien.

Viele haben versucht, sich für den Tag X zu wappnen. Die EU-Kommission hat Dutzende von Handreichungen veröffentlicht, erst diese Woche wieder eine Checkliste mit Regeln, Hinweisen, Neuerungen. Einiges lässt sich aber ohne Absprachen mit den Briten kaum regeln, etwa die Fangrechte für europäische Fischer. Das macht Uwe Richter große Sorgen. „Unser Fang an Nordseehering kommt zu 100 Prozent aus der britischen Zone“, sagt der Geschäftsführer der Doggerbank Seefischerei GmbH in Bremerhaven. „Wir werden ab 1. November nicht mehr in britischen Gewässern fischen können.“ Ohne Einigung mit London müssten deutsche Fangschiffe womöglich zeitweise oder ganz aus dem Dienst genommen werden. An Land setzt sich die Misere fort. Richter leitet zugleich die Fischfabrik Euro Baltic in Saßnitz-Mukran auf Rügen. „Wir sind zu 100 Prozent angewiesen auf Hering aus der britischen Zone. Das stellt die Existenz des Werkes in Frage.“ 250 Jobs bei Euro Baltic seien in Gefahr und weitere Stellen bei kooperierenden Firmen.

Dass der Brexit Arbeitsplätze kosten wird, ist seit langem klar. Die Dimension beleuchtet eine Studie der Katholischen Universität Löwen (KUL). Demnach wären bei einem No-Deal 1,2 Millionen Jobs in der EU der 27 in Gefahr und weitere 525.000 in Großbritannien. Bei solchen Risiken für Konjunktur und Wohlstand ist für Bertelsmann-Forscher Ponattu klar: „Es ist immer noch von Vorteil für alle Seiten, wenn der 'Hard Brexit' abgewendet wird. Mehr Zeit, um ein Abkommen zu verhandeln, wäre es definitiv wert.“

Chaos an den Grenzen am 1. November? Das muss nicht sein, wenn beide Seiten Kontrollen und Zölle auf das Nötigste beschränken, meinen Experten. Auch die EU habe ja ein Interesse an flüssigen Abläufen. Großbritannien wegen des Austritts das Leben schwer zu machen, sei unsinnig. (dpa)

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