[Update] Waldbrand Hohes Venn: Wildtiere offenbar rechtzeitig geflohen

Eine positive Nachricht kommt am Sonntagnachmittag von Innenminister Bernard Quintin (MR). Wie er auf X mitteilt, seien die Feuerfronten in Richtung Jalhay und Monschau inzwischen unter Kontrolle. Entwarnung bedeutet das allerdings noch nicht: Auch am dritten Tag der Brandbekämpfung bleiben sämtliche verfügbaren Kräfte vor Ort mobilisiert. Die Löscharbeiten im Hohen Venn gehen damit weiterhin mit großem Einsatz weiter.

<p>Mit Löschflugzeugen soll das Feuer eingedämmt werden.</p>
Mit Löschflugzeugen soll das Feuer eingedämmt werden. | Foto: Photo News/ David Hagemann

Weitere gute Neuigkeiten: Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass Wildtiere dem Waldbrand zum Opfer gefallen sind. Das teilten die Dienste des Gouverneurs der Provinz Lüttich am Sonntag mit. Die Tiere konnten den Angaben zufolge rechtzeitig vor den Flammen fliehen. Die Lage unterscheide sich von der bei manchen Großbränden in Südfrankreich, wo Tiere von schnell vorrückenden Feuerfronten überrascht worden seien, hieß es. Im Hohen Venn hätten mehrere Wildschweine und kleine Hirsche die betroffenen Gebiete demnach von selbst und ohne erkennbare Probleme verlassen können.

Weiterhin sind jedoch mehrere Brandherde aktiv. Das schwer zugängliche Gelände erschwert die Löscharbeiten erheblich, weshalb der Brand auch aus der Luft bekämpft wird.nSeit Samstag beteiligen sich zwei niederländische Chinook Transporthubschrauber an der Bekämpfung des Großbrandes. Unterstützt werden die Hubschrauber auch von der belgischen Armee: Auf dem Flugplatz von Spa steht ein Tankfahrzeug mit Personal bereit, um die Maschinen mit Treibstoff zu versorgen.

Das belgische Militär hat seinen Einsatz unterdessen ausgeweitet. Nach Angaben von Jan Van Camp, Sprecher von Verteidigungsminister Theo Francken, sind mittlerweile sechs Panther Löschfahrzeuge und 19 Feuerwehrleute im Einsatz. Die Mannschaften werden alle zwölf Stunden abgelöst. Die Fahrzeuge können jeweils 10.500 Liter Wasser aufnehmen und Wasser bis zu 90 Meter weit spritzen. Sie sollen mindestens bis in die Nacht von Montag auf Dienstag vor Ort bleiben.

Auch die Wallonische Region reagiert auf die starke Rauchentwicklung durch den Brand im Hohen Venn. Gesundheitsminister Yves Coppieters lässt den strategischen Vorrat von rund 100.000 FFP2 Masken mobilisieren, wie die wallonische Gesundheitsbehörde Aviq mitteilt. Die Masken sollen zunächst vor allem die Einsatzkräfte schützen, die an der Brandbekämpfung beteiligt sind. Bis Montagabend sollen dafür mehr als 9.000 Masken zur Verfügung stehen. FFP2 Masken können vor Feinstaubpartikeln in der Luft schützen, die beim Einatmen gesundheitsschädlich sein können.

Über dem Brandgebiet wurde zudem ein in Belgien äußerst seltenes Wetterphänomen beobachtet. Über dem Feuer bildete sich ein sogenannter Pyrocumulus, nach bisherigen Erkenntnissen erstmals über einem Wald oder Naturbrand in Belgien. Solche Wolken entstehen durch die enorme Hitze eines großen Feuers, wenn warme Luft, Rauch und möglicherweise auch brennende Partikel in große Höhen aufsteigen.

Für die Bewohner anderer Ortschaften gibt es weiterhin keine Entwarnung. Wie Malmedys Bürgermeister Jean Paul Bastin der Nachrichtenagentur Belga mitteilte, ist eine Rückkehr nach Sourbrodt, Leykaul und Küchelscheid derzeit nicht vorgesehen. Rund 50 Menschen seien nach der Evakuierungsentscheidung zunächst im Aufnahmezentrum in Malmedy angekommen, etwa 20 von ihnen hätten dort übernachtet. Solange die weitere Entwicklung des Brandes nicht klarer abzusehen sei, komme eine Rückkehr in die Dörfer nicht infrage, erklärte Bastin.

Die lokale und die föderale Polizei überwachen weiterhin die evakuierten Gebiete. Bislang seien keine Wohnhäuser von den Flammen betroffen. „Das Feuer ist jedoch weiterhin in der Nähe, und die Rauchentwicklung ist erheblich“, heißt es in der Mitteilung. „Die Sicherheit der Bevölkerung hat weiterhin oberste Priorität“, erklärt der Gouverneur der Provinz Lüttich.

Für die Evakuierten wurde in der Sporthalle von Malmedy ein Aufnahmezentrum eingerichtet. Die meisten Betroffenen kamen bei Angehörigen oder Bekannten unter. Rund 20 Menschen verbrachten nach Angaben des Roten Kreuzes die Nacht in der Sporthalle. Dort stehen Schlafplätze, Verpflegung und sanitäre Einrichtungen zur Verfügung, außerdem wird psychologische Unterstützung angeboten.

Der Großbrand wirkt sich auch auf Ferienangebote für Kinder aus. Das Naturzentrum Haus Ternell hat das für Montag geplante Kinderlager aus Sicherheitsgründen abgesagt. Ob das Lager am Dienstag beginnen kann, hängt von der weiteren Entwicklung der Situation und den geltenden Sicherheitsmaßnahmen ab.

Ein Ferienlager von Kazou bei Ovifat mit 53 Kindern im Alter von neun und zehn Jahren wurde unterdessen vorzeitig beendet. Die Gruppe war bereits am Samstag vorsorglich nach Wanne bei Trois-Ponts gebracht worden. Da eine Rückkehr nach Ovifat in den kommenden Tagen ausgeschlossen ist, wurde das ursprünglich bis zum 21. August geplante Lager abgebrochen.

Kritisch hatte sich die Lage in der Nacht an der deutsch-belgischen Grenze entwickelt. Wegen der weiteren Ausbreitung des Feuers hatten die belgischen Behörden die Evakuierung von Küchelscheid angeordnet. Der Ort grenzt unmittelbar an den Monschauer Ortsteil Kalterherberg. Die Feuerfront befand sich zeitweise nur noch rund 1,5 Kilometer von der deutschen Grenze und etwa 1,8 Kilometer von der nächstgelegenen deutschen Bebauung entfernt.

<p>Im Sportzentrum von Malmedy wurde ein Aufnahmezentrum für die wegen des Vennbrands evakuierten Menschen eingerichtet. Rund 40 Betroffene verbrachten dort die Nacht zum Sonntag.</p>
Im Sportzentrum von Malmedy wurde ein Aufnahmezentrum für die wegen des Vennbrands evakuierten Menschen eingerichtet. Rund 40 Betroffene verbrachten dort die Nacht zum Sonntag. | Foto: belga

Die Stadt Monschau hatte deshalb rund 5.000 Einwohner von Kalterherberg und Mützenich aufgefordert, sich vorsorglich auf eine mögliche Evakuierung vorzubereiten. Eine Evakuierung wurde auf deutscher Seite allerdings nicht angeordnet.

Wegen der erwarteten starken Rauchbelastung wurde Bewohnern besonders grenznaher Bereiche empfohlen, ihre Häuser vorübergehend zu verlassen und möglichst bei Angehörigen oder Freunden unterzukommen. Für Menschen, die nicht eigenständig eine Unterkunft finden konnten, richtete die Stadt ab 7 Uhr eine Anlaufstelle im Bürgercasino Imgenbroich ein.

Die Feuerwehr traf zudem Vorsorgemaßnahmen entlang der Grenze. Gemeinsam mit dem Technischen Hilfswerk wurden unter anderem Flächen bewässert, um bei einer weiteren Annäherung des Feuers Zeit zu gewinnen und eine Ausbreitung der Flammen zu erschweren.

<p>Die Lage bleibt auch am Sonntagnachmittag besorgniserregend.</p>
Die Lage bleibt auch am Sonntagnachmittag besorgniserregend. | Valentin Bianchi/AP/dpa

Selbst im rund 80 Kilometer vom Hohen Venn entfernten Dinant ist der Brand offenbar deutlich zu riechen. Erik Wildemeersch, der dort mit seiner Familie in einem Wohnmobil übernachtete, berichtete dem flämischen Rundfunk VRT: „Wir sind von dem durchdringenden Brandgeruch aufgewacht, weil die Fenster unseres Wohnmobils offen standen.“ Die Familie entschied sich daraufhin, früher als geplant nach Hause zu fahren.

Bereits am Samstagabend hatte der Rauch zeitweise auch das Zentrum von Malmedy eingehüllt. Die Stadt riet den Einwohnern, Fenster geschlossen zu halten, körperliche Aktivitäten im Freien auszusetzen und unnötige Wege zu vermeiden. Wenn möglich, sollen mechanische Lüftungsanlagen abgeschaltet werden. Bei starker Rauchbelastung werden FFP2-Masken empfohlen.

Die weiträumige Rauchentwicklung sorgt inzwischen auch für eine hohe Belastung der Notrufzentralen. Seit Sonntagmorgen gingen in der Provinz Namur zahlreiche Anrufe bei der 112 ein, weil Bürger Brandgeruch wahrgenommen hatten. Nach Angaben des Gouverneurs der Provinz dürfte dieser höchstwahrscheinlich auf das Feuer im Hohen Venn zurückzuführen sein.

Die Behörden appellieren deshalb eindringlich an die Bevölkerung, die 112 nicht allein wegen Rauchgeruchs anzurufen. „Die Vielzahl dieser Anrufe bindet die Mitarbeiter unnötig und kann dazu führen, dass Menschen in tatsächlichen Notlagen nicht schnell genug Hilfe erhalten“, heißt es in einer Mitteilung.

Die 112 soll ausschließlich gewählt werden, wenn ein neuer Brandherd oder Flammen entdeckt werden oder eine unmittelbare Gefahr für Menschen oder Sachwerte besteht. Für allgemeine Informationen über die aktuelle Lage steht die Nummer 1771 zur Verfügung.

Internationale Hilfe bei den Löscharbeiten

Die Bekämpfung des Großbrandes bleibt trotz der Entspannung an der deutschen Grenze eine enorme Herausforderung. Mehr als 15 belgische Hilfeleistungszonen waren bereits am Samstag an den Löscharbeiten beteiligt. Hinzu kommen der Zivilschutz, die Föderalpolizei, die belgische Armee und Mitarbeiter der Forstverwaltung. Unterstützung kommt außerdem aus Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden.

Eine besondere Bedeutung hat die Brandbekämpfung aus der Luft, da weite Teile des Hohen Venns für schwere Einsatzfahrzeuge kaum oder überhaupt nicht zugänglich sind. Auch die belgische Armee ist mit vier Panther-Löschfahrzeugen vor Ort. Zahlreiche Landwirte aus der Region unterstützen die Einsatzkräfte ebenfalls mit Wasser- und Güllefässern und helfen bei der Versorgung mit Löschwasser.

Um ausreichend Wasser für die Löschhubschrauber zur Verfügung zu halten, gelten am Robertville-See Einschränkungen. Touristische Aktivitäten sind lediglich im Bereich von Robertville-les-Bains erlaubt. Boote und andere Aktivitäten auf dem See bleiben bis auf Weiteres untersagt.

De Wever dankt den Einsatzkräften.

Auch auf politischer Ebene gibt es zahlreiche Reaktionen. Premierminister Bart De Wever (N-VA) äußerte sich erstmals auf X zu der Katastrophe: „Seit Freitag wüten Brände im Hohen Venn. Ich möchte die bemerkenswerte Arbeit aller Einsatzkräfte vor Ort würdigen, die aus allen Teilen des Landes angereist sind, um die Flammen zu bekämpfen. Mein Dank gilt auch unseren europäischen Partnern für die Unterstützung, die sie uns leisten. Meine Gedanken sind bei allen Betroffenen.“

Flanderns Ministerpräsident Matthias Diependaele (N-VA) teilte DG-Ministerpräsident Oliver Paasch (ProDG) mit, dass Flandern bereitstehe, bei Bedarf weitere Hilfe zu leisten. Auch König Philippe informierte sich über die Entwicklung der Lage und dankte den Rettungsdiensten sowie allen Menschen, die an der Bekämpfung des Feuers beteiligt sind. Ausdrücklich würdigte er den Einsatz der Armee, der Landwirte aus der Region und der zur Unterstützung angerückten deutschen Feuerwehrleute.

Wie sich der Großbrand im weiteren Verlauf des Sonntags entwickelt, hängt weiterhin wesentlich von Wind und Wetter ab.

(belga/sc/nico/dpa)

Kommentare

Kommentar verfassen

0 Comment