Fünfeinhalb Wochen Fußball am Stück seien schließlich genug. Endlich könne man sich wieder anderen Dingen widmen, heißt es da. Das ist Unsinn! Denn mit einer WM verändert sich der Alltag. Morgens der Blick auf den Spielplan, tagsüber Diskussionen, abends Fußball. In der Vorrunde gleich mehrere Spiele am Tag, später in der K.-o.-Phase zwar weniger Begegnungen, dafür umso größere Dramen. Und jetzt? Plötzlich herrscht Stille. Ich ertappe mich dabei, morgens automatisch nachschauen zu wollen, wer heute spielt. Bis mir dann einfällt: niemand. Mit der WM hatten die Tage Struktur. Man wusste, worauf man sich freuen konnte. Aus einem gewöhnlichen Werktag wurde ein kleiner Feiertag.
Natürlich hatte die WM auch im GrenzEcho ihren eigenen Rhythmus. Während die Leser das Spiel genossen, hatte die Sportredaktion den Redaktionsschluss im Hinterkopf. Der Fan freut sich möglicherweise über zehn Minuten Nachspielzeit. Der Sportredakteur beginnt hingegen zu rechnen.
Zwar wurden Redaktionsschluss und Druckzeiten wegen der späten Anstoßzeiten bereits deutlich nach hinten verlegt. Doch irgendwann ist auch diese Reserve aufgebraucht. Alles, was den Schlusspfiff weiter hinauszögert, sorgt dann für leicht erhöhten Puls. Denn die Druckmaschine kennt keine Zugabe. Trotzdem funktionierte das während dieser WM sehr gut. Abend für Abend. Was die Leser am nächsten Morgen ganz selbstverständlich in der Zeitung vorfanden, ist oft unter erheblichem Zeitdruck entstanden. Berichte wurden geschrieben, Ergebnisse kontrolliert, Seiten umgebaut und Überschriften bis zur letzten Minute angepasst.

Dass das meistens reibungslos klappt, erscheint selbstverständlich, ist es aber keineswegs. Diese WM wurde sogar mehrmals zur Nachtschicht. Weil die Roten Teufel in der Gruppenphase gegen Neuseeland am frühen Morgen und im Achtelfinale gegen die USA mitten in der Nacht spielten, wurde das E-Paper des GrenzEcho jeweils noch einmal auf den neuesten Stand gebracht. Während die meisten längst schliefen, saßen Kollegen erneut am Rechner und sorgten dafür, dass unsere Leser am Morgen eine möglichst vollständige Ausgabe vorfanden.
Deshalb ist diese Kolumne auch eine Verneigung vor allen Kolleginnen und Kollegen im GrenzEcho, die diese WM begleitet haben – und ganz besonders vor den Kollegen der Sportredaktion. Sie haben in den letzten Wochen großartige Arbeit geleistet. Etwas ruhigere Abende haben sie sich redlich verdient. So ganz vorbei ist der Sportsommer natürlich noch nicht. Die Tour de France läuft noch bis zum 26. Juli. Mitte August richtet Belgien gemeinsam mit den Niederlanden die Feldhockey-WM aus. Und Ende August steht im Tennis mit den US Open das letzte Grand-Slam-Turnier an. Stoff für spannende Sportseiten gibt es weiterhin reichlich. Der WM-Kater wird bald nachlassen. Fußballfans wissen das. Dagegen hilft kein Dafalgan, sondern nur der nächste Anpfiff. Und der lässt in Europas Ligen zum Glück nicht mehr lange auf sich warten.
In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der Fußball-Weltmeisterschaft auf die Geschichten des Turniers – auf und neben dem Platz.

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