40 Jahre nach dem Krimi von León: Das WM-Märchen von 1986

<p>Die belgische Nationalmannschaft vor dem Achtelfinale gegen die Sowjetunion bei der WM 1986 in Mexiko.</p>
Die belgische Nationalmannschaft vor dem Achtelfinale gegen die Sowjetunion bei der WM 1986 in Mexiko. | Foto: Photo News

Bis heute gilt das epische Spiel als einer der größten Abende des belgischen Fußballs. Die Erinnerung blendet dabei viele Schattenseiten aus. Geblieben sind vor allem die großen Bilder: der spektakulär fliegende Jean-Marie Pfaff, der jubelnde Jan Ceulemans und der junge Enzo Scifo auf dem Weg zum Star. Wer heute an Mexiko 1986 denkt, denkt vor allem an diese Bilder und an den vierten Platz. Für mich war es die erste WM, an die ich mich bewusst erinnere. Das fröhliche Maskottchen Pique mit seinem Sombrero blieb ebenso hängen wie ein alter Zahnputzbecher mit seinem Bild, den ich bis heute aufbewahre. Was aber oft vergessen wird: Der spätere Erfolg begann eher als Krisengeschichte. Die Vorbereitung verlief enttäuschend. Nach dem letzten Testspiel gegen Jugoslawien (1:3) gab es Pfiffe. Die WM-Vorrunde überstand Belgien nur mit Mühe und fußballerischer Magerkost.

<p>Jan Ceulemans (links) im Achtelfinale der WM 1986 in Mexiko gegen die Sowjetunion. Mit seinem Treffer zum 2:2 leitete der Kapitän legendären 4:3-Sieg von León ein, über den 40 Jahre später noch immer gesprochen wird.</p>
Jan Ceulemans (links) im Achtelfinale der WM 1986 in Mexiko gegen die Sowjetunion. Mit seinem Treffer zum 2:2 leitete der Kapitän legendären 4:3-Sieg von León ein, über den 40 Jahre später noch immer gesprochen wird. | Archivfoto: belga

Im Mannschaftslager knirschte es, Spieler kritisierten sich gegenseitig und Zeitungen berichteten über Spannungen. Vor dem Spiel gegen die UdSSR rechneten viele mit der Heimreise. Der Gegner hätte kaum beeindruckender sein können. Die Sowjetunion galt als Titelkandidat, hatte Ungarn in der Vorrunde mit 6:0 überrollt und Frankreich ein Remis abgetrotzt. Viele Spieler kamen vom Europapokalsieger Dynamo Kiew, Trainer Lobanowski war seiner Zeit voraus. Dann begann der verrückte Fußballabend von León. Die UdSSR ging zweimal in Führung, doch Belgien kam zweimal zurück. Scifo traf zum 1:1, Ceulemans zum 2:2. Die Favoriten scheiterten zudem an Pfosten und Latte, Belgien hielt dagegen. In der Verlängerung sorgten Stéphane Demol und Nico Claesen für die Entscheidung. Belanows dritter Treffer kam zu spät. Pure Dramatik über 120 Minuten. Natürlich gehörte auch Glück dazu. Die Sowjets beklagten danach Schiedsrichterentscheidungen und waren überzeugt, besser gewesen zu sein. Wahrscheinlich hatten sie damit sogar recht.

<p>Ein kleines Erinnerungsstück an Mexiko 1986: ein Zahnputzbecher mit dem WM-Maskottchen Pique</p>
Ein kleines Erinnerungsstück an Mexiko 1986: ein Zahnputzbecher mit dem WM-Maskottchen Pique | Foto: privat

Doch in Belgien interessierte das kaum jemanden. Die Zeitungen überschlugen sich. Das GrenzEcho schrieb über die „Helden von Mexiko“ und die „göttlichen Teufel“. Radsportlegende Eddy Merckx sprach von einem der schönsten Fußballabende seines Lebens. Die Geschichte war damit noch nicht zu Ende. Belgien bezwang Spanien im Viertelfinale im Elfmeterschießen und erreichte erstmals das Halbfinale einer WM. Dort beendete Diego Maradona mit zwei Toren den Traum der Roten Teufel. Am Ende blieb Platz vier.

Spätere belgische Nationalmannschaften waren stärker. Die Goldene Generation holte bei der WM 2018 sogar den dritten Platz und übertraf damit das Ergebnis von Mexiko. Doch die Mannschaft von 1986 schenkte einem ganzen Land einen WM-Sommer, von dem vier Jahrzehnte später noch immer erzählt wird. Manche Erfolge gerieten in Vergessenheit, dieser wurde zur Legende.


In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der Fußball-Weltmeisterschaft auf die Geschichten des Turniers – auf und neben dem Platz.

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