Verlernen wir die Toleranz? Offenheit und Respekt sind nicht selbstverständlich

<p>Homophobe Sprüche, Nazi-Provokationen und Hass gegen Vielfalt: Was sagen solche Vorfälle über unsere Gesellschaft aus?</p>
Homophobe Sprüche, Nazi-Provokationen und Hass gegen Vielfalt: Was sagen solche Vorfälle über unsere Gesellschaft aus? | Illustration: picture alliance/dpa

Und trotzdem bleiben Fragen. In St.Vith wurden in mehreren Nächten hintereinander die Werbebanner für den Christopher-Street-Day beschädigt und zerstört. Selbst ein Bettlaken mit der Aufschrift „So sieht Hass gegen Vielfalt aus“ verschwand. Vor einigen Wochen wurden auf einer Klassenfahrt Hitler und andere Nazi-Größen vor dem Eiffelturm nachgestellt. Aus Schulen hört man zudem von Jugendlichen, die den Hitlergruß als Provokation oder vermeintlichen Scherz benutzen. In dieser Woche beschäftigte sich auch das Parlament der DG mit Grenzüberschreitungen unter Jugendlichen. Anlass waren Berichte über heimliche Aufnahmen, Deepfake-Nacktbilder und andere Formen digitaler Demütigung. Bildungsminister Jérôme Franssen betonte dabei, die Würde eines Menschen ende weder an der Schultür noch im digitalen Raum. Gleichzeitig war in der Debatte von „digitaler Ethik“ die Rede. Beides weist weit über die konkrete Diskussion hinaus. Jeder dieser Vorfälle mag für sich genommen erklärbar sein. Jugendliche provozieren. Sie testen Grenzen aus. Sie machen Fehler. Das war schon immer so. Doch vielleicht liegt das eigentliche Problem woanders: Haben wir die Offenheit unserer Gesellschaft für selbstverständlich gehalten? Lange Zeit schien gesellschaftlicher Fortschritt fast selbstverständlich. Die Akzeptanz von Homosexuellen nahm zu, Diskriminierung wurde stärker geächtet. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus schien fest verankert. Die Gesellschaft wurde offener. Doch inzwischen wirkt manches weniger selbstverständlich als früher. Nicht, weil plötzlich eine intolerante Generation heranwächst. Dafür gibt es keine Belege. Die große Mehrheit der jungen Menschen ist respektvoll und offen. Aber gleichzeitig tauchen Dinge auf, die man längst überwunden glaubte. Homophobe Sprüche werden wieder hörbar. Nationalsozialistische Symbolik wird als Provokation oder Witz benutzt. Die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Respektlosigkeit scheint mancherorts zu verschwimmen.

Soziale Medien mögen dazu beitragen. Ebenso gesellschaftliche Gegenbewegungen oder schlicht jugendliche Provokationslust. Doch die Ursachen sind letztlich zweitrangig. Entscheidend ist, diese Signale ernst zu nehmen. Respekt und gegenseitige Achtung wachsen nicht automatisch von Generation zu Generation. Einer der Irrtümer unserer Zeit ist der Glaube, Offenheit und Toleranz würden sich von selbst durchsetzen. Das tun sie nicht. Die offene Gesellschaft muss ihre Werte immer wieder erklären und bewahren. Nicht mit Moralpredigten. Sondern mit Haltung, Vorbildern und der Bereitschaft, Widerspruch zu leisten, wenn Grenzen überschritten werden. Eine offene Gesellschaft verteidigt sich nicht von selbst.

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