Ende Mai rückte die Kampagne „Built to build“ Frauen im Bau- und Handwerkssektor stärker in den Mittelpunkt. Mit Bauzaunbannern, Videos, Porträts und Aktionen in Schulen wollen Embuild Verviers-Ostbelgien, Constructiv und ihre Partner mehr Frauen für technische und handwerkliche Berufe begeistern. Hintergrund sind der Fachkräftemangel und die weiterhin geringe Zahl von Frauen in der Branche.
Im Video: Werkstattleiter Sebastian Hamacher spricht im Interview über den steigenden Anteil von Mädchen in handwerklichen Berufen und die Veränderungen in der Ausbildung.
Wie sich diese Entwicklung bereits heute in der Ausbildung bemerkbar macht, zeigt ein Besuch in der 4. Klasse TB Holztechnik des RSI. Von den zwölf Schülerinnen und Schülern der Klasse sind inzwischen fünf Mädchen. Noch vor einigen Jahren wäre das außergewöhnlich gewesen. Die Entwicklung ging sogar so weit, dass die Schule die Umkleiden erweitern musste, weil die vorhandenen Spinde für die steigende Zahl an Schülerinnen nicht mehr ausreichten. Für Sebastian Hamacher kommt diese Entwicklung nicht überraschend. Der Werkstattleiter am RSI beobachtet seit Jahren, dass sich immer mehr Mädchen für handwerkliche und technische Berufe interessieren. „Ich denke auf jeden Fall, dass wir da positive Entwicklungen haben“, sagt er im Gespräch mit dem GrenzEcho. „Immer mehr Frauen trauen sich ins Handwerk, weil sich die Bedingungen wesentlich verbessert haben.“ Dabei beginne die Arbeit schon früh. Bereits Kinder im Primarschulalter kämen über verschiedene Projekte und Aktivitäten mit handwerklichen Tätigkeiten in Berührung. Besonders sichtbar wird diese Entwicklung derzeit im Schreinerbereich. Warum gerade dort mehr Mädchen landen als beispielsweise in der Maschinenbautechnik, der Zerspanung oder der Automation und Industrierobotik, kann auch Sebastian Hamacher nicht eindeutig erklären. „Vielleicht ist es der Umgang mit Holz, mit dem Produkt, mit den Gerüchen in der Werkstatt“, sagt er. Eine klare Antwort darauf gebe es jedoch nicht.

Fest steht für den Werkstattleiter allerdings, dass viele Vorstellungen über handwerkliche Berufe längst nicht mehr der Realität entsprechen. Wer an Baustellen oder Werkstätten denkt, hat häufig noch das Bild körperlich schwer arbeitender Männer vor Augen. Genau dieses Bild sei jedoch vielerorts überholt. „Die alten Vorurteile – anstrengend für den Rücken, viel Heben, schwere Lasten – sind eigentlich nicht mehr gegeben“, erklärt Sebastian Hamacher. Moderne technische Hilfsmittel ermöglichten heute ein deutlich rückenschonenderes Arbeiten. „Frauen können in diesem Bereich genauso gut mithalten wie Männer – oft bringen sie sogar besondere Stärken mit. Auf Baustellen ist hohe Präzision gefragt. Daraus ergeben sich für Frauen keinerlei Nachteile – im Gegenteil.“ Tatsächlich dokumentiert schon ein Rundgang durch die Werkstätten, wie vielfältig technische Berufe inzwischen geworden sind.

Neben der Schreinerei bietet das RSI Ausbildungswege in den Bereichen Maschinenbautechnik, Zerspanung, Bauzeichnen, Informatik-Elektronik sowie Automation und Industrierobotik an. Die Bandbreite reicht von traditioneller Handwerksarbeit über technische Planung und Konstruktion bis hin zu Programmierung, Robotik und digitalen Steuerungssystemen. Beim Besuch der Holzklasse zeigt sich, dass die Frage nach dem Geschlecht kaum eine Rolle spielt. Eine Schülerin berichtet, dass manche Dinge ursprünglich eher auf Jungen ausgerichtet gewesen seien und teilweise angepasst werden mussten. Im Alltag funktioniere das Miteinander jedoch problemlos. „Das Schöne ist, dass die Zusammenarbeit zwischen Jungen und Mädchen völlig unproblematisch ist“, sagt sie. Vorbehalte erleben die Schülerinnen nach eigenen Angaben eher außerhalb der Schule als in der Werkstatt. Die Entscheidung für einen handwerklichen Beruf sei im privaten Umfeld gelegentlich mit Skepsis aufgenommen worden – etwa mit der Frage: „Bist du dir sicher?“ Für die jungen Frauen ist das ein Hinweis darauf, dass traditionelle Rollenbilder noch nicht überall verschwunden sind. Anderen Mädchen, die mit dem Gedanken spielen, einen handwerklichen Beruf zu erlernen, möchten sie deshalb Mut machen. „Keine Angst haben, einfach machen. Immer nachfragen, wenn was ist“, sagen die Schülerinnen.

Genau darauf zielt auch die Kampagne „Built to build“ ab. Sie will Frauen in handwerklichen und technischen Berufen sichtbarer machen und jungen Mädchen zeigen, dass diese Wege längst keine Ausnahme mehr sein müssen. Am RSI scheint dieser Wandel bereits begonnen zu haben. Werkstattleiter Sebastian Hamacher spricht noch vorsichtig von einer Entwicklung und nicht von einem endgültigen Trend. Die 4. Klasse TB Holz zeigt jedoch, dass sich etwas bewegt. Zwischen Werkbänken, Maschinen und Holzspänen arbeiten heute selbstverständlich Jungen und Mädchen Seite an Seite. Für die Schülerinnen ist das ohnehin keine besondere Geschichte mehr – sondern einfach die Ausbildung, die sie machen möchten.

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