Glücklich ist, wer vergisst: Wie die „Waldheim-Affäre“ Österreich veränderte

<p>Der spätere österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim auf einer Archivaufnahme aus seiner Zeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen. Die „Waldheim-Affäre“ wurde zum Wendepunkt im Umgang Österreichs mit seiner NS-Geschichte.</p>
Der spätere österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim auf einer Archivaufnahme aus seiner Zeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen. Die „Waldheim-Affäre“ wurde zum Wendepunkt im Umgang Österreichs mit seiner NS-Geschichte. | Archivfoto: picture-alliance/dpa

Ausgelöst wurde die Affäre durch Enthüllungen über Waldheims Zeit als Offizier der deutschen Wehrmacht auf dem Balkan und durch den Vorwurf, Teile seiner Kriegsbiografie verschwiegen oder beschönigt zu haben. Die Frage war weniger, ob Waldheim selbst schuldig geworden war, sondern vielmehr, was er wusste und warum er darüber jahrzehntelang nicht die ganze Wahrheit sagte. Dem ehemaligen UN-Generalsekretär wurden keine Kriegsverbrechen nachgewiesen. Sein berühmter Satz, er habe wie Hunderttausende andere Österreicher lediglich seine Pflicht als Soldat erfüllt, traf jedoch einen Nerv. Das trug auch zu seinem Wahlsieg 1986 bei. Die Folgen waren gravierend: International erlitt Österreich einen erheblichen Imageschaden. Waldheim blieb als Bundespräsident außenpolitisch weitgehend isoliert. Die USA verweigerten ihm die Einreise, zahlreiche Staatsbesuche blieben aus. Der Präsident eines Landes, das sich gerne als Brückenbauer verstand, wurde zur diplomatischen Belastung. Zugleich setzte seine Wahl einen Prozess in Gang, der lange verdrängt worden war. Jahrzehntelang verstand sich Österreich als erstes Opfer Hitlers und blickte durch diese Perspektive auf seine NS-Geschichte. Diese Sichtweise half nach 1945 beim Wiederaufbau und bei der Wiederherstellung der Eigenstaatlichkeit. Mit der Zeit wurde daraus jedoch eine bequeme Selbstbeschreibung. Das eigene Leid rückte in den Mittelpunkt, die Rolle österreichischer Nationalsozialisten, Mitläufer und Profiteure blieb dagegen oft ausgeblendet.

Kurt Waldheim brachte diese Widersprüche ans Licht – wenn auch ungewollt. Plötzlich wurde öffentlich über Verantwortung, Wegsehen und Verdrängung diskutiert. Die Auseinandersetzung war schmerzhaft, polarisierend und für viele Österreicher unbequem. Aber sie fand endlich statt. Die Wahl war gut für Österreich. Nicht wegen des Präsidenten selbst, sondern wegen der Debatte, die sie auslöste. Seine Amtszeit schadete dem internationalen Ansehen des Landes. Diese Auseinandersetzung veränderte jedoch den Blick auf die eigene Geschichte nachhaltig. Sie brachte die Erzählung von der eigenen Unschuld ins Wanken und machte eine ehrliche Auseinandersetzung mit den dunklen Kapiteln der eigenen Vergangenheit unausweichlich. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht mehr zu ändern ist“, heißt es in der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss. Lange schien dieser Satz auch das inoffizielle Motto Österreichs zu sein. 40 Jahre nach Waldheims Wahl lässt sich jedoch festhalten: Nicht das Vergessen hat Österreich weitergebracht, sondern der schonungslose Blick auf die eigene Historie. Das ist das bleibende Vermächtnis des 8. Juni 1986.

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