Die 70. Jubiläumsausgabe des Eurovision Song Contest ist schon vor dem großen Finale in der Wiener Stadthalle als denkwürdig verbucht. Allerdings nicht unbedingt aus den Gründen, die sich die Europäische Rundfunkunion EBU erhofft hatte. „Manchmal fühlt es sich an, als müsse man die Sauerstoffpumpe anschließen“, sagt Peter Van de Veire, der langjährige ESC-Kommentator des flämischen Rundfunks (VRT).
Immerhin gibt es aus belgischer Sicht eine gute Nachricht: Entgegen den Erwartungen vieler Beobachter hat Essyla den Sprung ins Finale geschafft. Doch wie groß sind ihre Chancen am Samstagabend wirklich?
Dass diese Ausgabe für Belgien eine besondere werden würde, stand bereits fest, bevor die Debatte um die Teilnahme Israels den Wettbewerb in den Griff bekam. Vor genau 40 Jahren gewann die damals erst 13-jährige Sandra Kim den Eurovision Song Contest für Belgien. Seither warten die belgischen Fans auf einen zweiten großen Triumph. Nach Gustaphs starkem siebten Platz im Jahr 2023 gelang es Belgien zuletzt nicht mehr, das Finale zu erreichen.
Essyla hat nun Freund und Feind überrascht. Die Sängerin aus der Provinz Wallonisch-Brabant überzeugte mit ihrer winterlichen Popballade „Dancing on the Ice“ nicht nur die europäischen Wohnzimmer, sondern offenbar auch die Fachjurys. Diese entscheiden in den Halbfinals in diesem Jahr wieder zur Hälfte mit – eine Reaktion auf die Televoting-Kontroverse rund um Israel.

Van de Veire bleibt dennoch vorsichtig. „Ich wäre schon zufrieden, wenn sie auf der linken Seite der Tabelle landet. Das ist vielleicht sehr bescheiden – eigentlich müsste man sagen: Wir gewinnen. Aber wir werden nicht gewinnen, daran glaube ich wirklich nicht. Ein Platz unter den ersten 15 wäre schön“, sagt er.
Dass Essyla überhaupt im Finale steht, war keineswegs selbstverständlich. „Ich hatte auch die Juryprobe am Montagabend gesehen. Da war sie noch immer etwas nervös, etwas unsicher, und nicht alle Töne saßen. Aber am Nachmittag war sie so gut, dass wir dachten: Wenn sie das heute Abend abrufen kann, dann kommt sie wirklich weiter.“
Die Wettbüros hatten Essyla und ihren atmosphärischen, frostigen Popsong lange als chancenlos abgestempelt. Ob der Finaleinzug also vor allem der Rückkehr der Jurys zu verdanken ist? „Das werden wir erst in der Nacht von Samstag auf Sonntag sehen, wenn alle Zahlen bekannt sind“, sagt Van de Veire. „Vorher weiß man es nicht. Aber die Buchmacher liegen öfter daneben.“
Als Beispiel nennt er Gustaph. „Bei ihm war es ähnlich. Er stand zeitweise ganz hinten und wurde am Ende Siebter.“ Auch im vergangenen Jahr hätten die Prognosen getäuscht: „Red Sebastian lag ständig in den Top Ten, war sogar ein paar Mal auf Platz eins – und hat das Finale nicht erreicht.“
Essylas Auftritt wirkt im Vergleich zu manch schriller Konkurrenz fast zurückhaltend. Während das Vereinigte Königreich mit einer Art bösartiger Furby-Ästhetik auffällt und Griechenland auf hyperaktive TikTok-Energie setzt, bleibt Belgien eher nüchtern und elegant. Könnte ihr diese Zurückhaltung zum Verhängnis werden?
Van de Veire verweist auf die unterschiedlichen Voraussetzungen. „Griechenland geht sehr weit. Und man muss wissen: Der griechische Beitrag ist dort seit Wochen Thema in allen möglichen Talkshows. Jeden Tag wird im Fernsehen darüber gesprochen, das ist dort fast eine Staatsangelegenheit.“ Trotz wirtschaftlich schwieriger Jahre investiere Griechenland weiterhin viel Geld in den Wettbewerb. „Bei uns sind die Budgets einfach viel begrenzter. Dadurch bekommt man automatisch einen schlichteren Auftritt.“
Bei Essyla sei das Konzept bewusst auf ihre Stärken zugeschnitten worden. „Sie hat selbst gesagt, dass sie keine große Tänzerin ist. Sie muss über ihre Stimme kommen. Also hat man gut überlegt: Wie können wir starke Tänzer um sie herum platzieren?“
An der Spitze der Buchmacher liegt weiterhin Finnland. Linda Lampenius und Pete Parkkonen treten mit „Liekinheitin“ an, auf Deutsch „Flammenwerfer“. Für Van de Veire ist Finnland der klare Favorit. „Das bleibt der große Favorit, weil es im Grunde ein sehr klassischer ESC-Song ist. Es ist lange her, dass so etwas noch einmal so gut funktioniert hat.“
Besonders mache den finnischen Beitrag, dass die Violine live gespielt werde und wie ein Dialog mit der Stimme wirke. Direkt hinter Finnland folgt Frankreich mit der erst 17-jährigen Sopranistin Monroe. Doch Van de Veire sieht dort einen Haken: „Wenn Frankreich gewinnt, hätten wir drei Jahre in Folge denselben Typ Song als Sieger. Das wäre ein bisschen schade.“
Auch Griechenland behält er im Auge, vor allem wegen des „hohen TikTok-Faktors“. Als Außenseiter nennt er Italien. „Der Mann singt nicht immer besonders sauber oder tonsicher, aber man wird einfach glücklich davon.“
Der große Schatten über dem Wettbewerb bleibt jedoch die Teilnahme Israels. Für Van de Veire ist die Atmosphäre rund um den ESC dadurch schwer belastet. „Manchmal fühlt es sich an, als müsse man die Sauerstoffpumpe anschließen. Und das ist schade für das Festival selbst.“
Damit meint er vor allem den Umgang der EBU mit der Kontroverse. Die Rundfunkunion versuche, Probleme auszusitzen, statt sie klar zu benennen. Wegen des Boykotts Spaniens sprechen die Moderatoren in diesem Jahr nur noch von den „Big Four“ statt von den „Big Five“ – ohne weitere Erklärung.
„Die EBU benennt nie etwas“, kritisiert Van de Veire. „Nicht, als der frühere Chef Martin Österdahl ausgebuht wurde. Nicht bei der Disqualifikation von Joost Klein. Und jetzt bei der ganzen Kontroverse um Israel auch nicht. Die Moderatoren dürfen das vermutlich schlicht nicht.“
Über dem Wettbewerb schwebt deshalb eine größere Frage: Kehren Island, Irland, die Niederlande, Slowenien und Spanien im kommenden Jahr zurück? Van de Veire will sich nicht festlegen. Viel werde davon abhängen, was in der Finalnacht passiert. Sollte Israel gewinnen – für viele das Horrorszenario –, würde die Sackgasse noch größer.
Eine Austragung in Israel selbst hält er für ausgeschlossen, da das EBU-Protokoll einen sicheren Gastgeber verlangt. Deutschland wird als möglicher Ersatz genannt, doch Van de Veire hält das für wenig wahrscheinlich. Eine Grundsatzlösung, alle Länder in Konflikten auszuschließen, überzeugt ihn ebenfalls nicht. „Dann hätte man die Ukraine auch nie mehr teilnehmen lassen dürfen.“
Bleibt also die Hoffnung, dass die Verantwortlichen der Rundfunkanstalten weiter miteinander sprechen. „Ich habe keine Glaskugel“, sagt Van de Veire. „Aber ich vermute, dass uns dieses Thema noch ein paar Jahre begleiten wird.“ (belga/calü)

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