Unter den Betroffenen befinden sich etwa 13.800 Erwachsene – aber auch mehr als 3.000 Kinder, die gemeinsam mit ihren Eltern in prekären Situationen leben. Damit ist mehr als jede vierte betroffene Person minderjährig.
Die Zahlen zeigen ein differenziertes Bild: Wohnungslosigkeit bedeutet nicht nur das Leben auf der Straße. Tatsächlich machen Menschen ohne Unterkunft im öffentlichen Raum nur rund sieben Prozent aus. Der größte Teil – etwa 38 Prozent – lebt vorübergehend bei Freunden oder Verwandten. Andere finden Unterschlupf in Notunterkünften oder Übergangswohnungen. „Diese Erhebungen machen den verborgenen Teil des Eisbergs sichtbar“, erklärt der Forscher Martin Wagener von der Uni Neu-Löwen (UCLouvain). Viele Betroffene seien im Alltag kaum sichtbar.
Auch ländliche Regionen betroffen
Die Problematik beschränkt sich nicht auf Großstädte. Rund ein Viertel der Betroffenen lebt in kleineren Gemeinden mit weniger als 15.000 Einwohnern.
Auffällig ist zudem die Altersstruktur: Etwa jede fünfte betroffene Person ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Ein Drittel der Betroffenen sind Frauen – häufig mit Kindern. Rund die Hälfte dieser Frauen lebt mit einem oder mehreren Kindern in prekären Wohnsituationen.
Komplexe Lebenslagen
Die Lebensrealitäten der Betroffenen sind vielfältig. Etwa ein Drittel kämpft mit Suchtproblemen, knapp ein Viertel mit psychischen Erkrankungen. Gleichzeitig zeigt sich, dass viele Betroffene keine gesundheitlichen Probleme haben – ein Hinweis darauf, wie breit das Phänomen gefächert ist.
Insgesamt wurden bei den jüngsten Zählungen in mehreren Regionen – darunter auch im Raum Lüttich – über 4.000 Menschen in entsprechenden Situationen erfasst, darunter fast 1.000 Kinder.
Politik will stärker reagieren
Der wallonische Minister Yves Coppieters (Les Engagés) sieht in den Zahlen einen klaren Handlungsauftrag: „Diese Erhebung zeigt die vielen Gesichter der Wohnungsnot – von alleinstehenden Frauen über junge Menschen bis hin zu Familien mit Kindern. Es sind oft unsichtbare, komplexe Lebensrealitäten, auf die wir gemeinsam reagieren müssen.“
Die Regionalregierung will deshalb unter anderem soziale Hilfsangebote ausbauen, mehr Unterkünfte schaffen und verstärkt auf das Konzept „Housing First“ setzen – also den direkten Zugang zu Wohnraum mit begleitender Unterstützung. Dieses Modell zeigt laut Angaben eine Erfolgsquote von rund 90 Prozent. (belga/calü)

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