IEA gibt wegen Irankrieg Rekordmenge Ölreserven frei

<p>IEA-Chef Fatih Birol</p>
IEA-Chef Fatih Birol | Foto: ap/dpa

Die Freigabe soll für einen je nach Land angebrachten Zeitraum gelten, hieß es von der IEA. Einige Länder würden zudem weitere Notmaßnahmen treffen. „Die Herausforderungen auf dem Ölmarkt, denen wir gegenüberstehen, sind in ihrem Ausmaß beispiellos“, zitierte die IEA ihren Chef Fatih Birol. Er sei deshalb über die Maßnahme im Rekordumfang froh. Ölmärkte seien global. Deshalb müsse auch die Antwort auf große Störungen global sein.

Bereits bevor die Entscheidung der IEA offiziell bekannt wurde, begrüßte US-Innenminister Doug Burgum nach entsprechenden Medienberichten den Vorschlag einer Freigabe von Rohölreserven. „Nun, sicherlich sind dies die Momente, für die diese Reserven genutzt werden, denn wir haben es hier nicht mit Energieknappheit in der Welt zu tun“, sagte er dem Sender Fox News. Man habe vielmehr ein vorübergehendes Problem beim Transport, das man lösen werde. Das sei der perfekte Zeitpunkt, um über die Freigabe eines Teils der Reserven nachzudenken, um die Ölpreise zu senken, sagte Burgum.

Ölpreis seit Kriegsbeginn teils rasant gestiegen

Der Krieg im Nahen und Mittleren Osten beeinträchtigt die Energiemärkte enorm. Der Transport von Energierohstoffen aus den Förderregionen am Persischen Golf durch die wichtige Straße von Hormus ist praktisch zum Erliegen gekommen. Berichte über angeblich vom Iran in der Straße von Hormus verlegte Seeminen befeuerten Sorgen um die Sicherheit der internationalen Energieversorgung zuletzt noch.

Die Angst vor einer längeren Unterbrechung von Öllieferungen durch die Straße von Hormus hat die Ölpreise am Mittwoch wieder nach oben getrieben. Die Freigabe strategischer Ölreserven drückte die Preise nicht nachhaltig, auch weil der Schritt bereits antizipiert worden war. Ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent kostete zuletzt 92,44 Dollar und damit gut 5 Prozent mehr als am Vortag. Am Montag war der Preis nach einem starken Anstieg bis auf mehr als 120 Dollar wieder gesunken und hatte sich am Dienstag stabilisiert.

Seltenes Krisenmittel zuletzt 2022 genutzt

Um auf Krisen vorbereitet zu sein, müssen alle 32-IEA-Mitglieder von Österreich bis Südkorea Notreserven anlegen. Insgesamt verfügen sie über Reserven in Höhe von 1,2 Milliarden Barrel (je 159 Liter) und 600 Millionen Barrel Industrievorräten. Dass zu einer gemeinsamen Freigabe von Reserven gegriffen wird, ist selten. Von der kurzfristigen Aktivierung zusätzlicher Produktionskapazitäten hin zur Aussetzung von Qualitätsstandards listet die IEA etliche weitere Maßnahmen, um auf Engpässe zu reagieren.

Seit Gründung der IEA Mitte der 1970er Jahre als Reaktion auf die damalige Ölkrise wurden fünfmal in koordinierter Weise Reserven freigegeben. Anlass waren der Golfkrieg 1990/91, die von den Hurrikans „Katrina“ und „Rita“ 2005 angerichteten Schäden in den USA sowie der Ausfall libyscher Ölexporte im Jahr 2011. Zuletzt wurden 2022 wegen des Ukraine-Kriegs nationale Ölreserven freigegeben und das gleich zweimal.

Was bringt die neue Freigabe von Reserven?

Für Thomas Puls vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gilt als sicher, dass eine Freigabe die Märkte beruhigt. „Auf einem Knappheitsmarkt senkt jede Freigabe potenziell den Preis. Einen solchen physischen Mangel gibt es derzeit vor allem in Asien.“ In Europa hingegen gebe es keine Knappheit. „Hier sind die Preise das Problem, die vom Ölmangel in Asien nach oben getrieben werden.“

Der Mineralölwirtschaftsverband en2x sieht hingegen europaweit eine „große Knappheit beim Angebot an Kraftstoffen selbst sowie weiteren Mineralölprodukten wie Flugtreibstoffen“. Freigaben könnten zwar zu einer Entspannung beitragen, wenn auch die Produktpreise für Benzin und Diesel sinken würden. Das könnte wiederum auf die Tankstellenpreise durchschlagen. Noch könne man aber nicht abschätzen, ob und wann ein Entlastungseffekt eintrete. Das hänge auch vom weiteren Verlauf des Krieges ab.

Weil noch nicht absehbar ist, wie lange der Krieg dauern wird, mahnt IW-Experte Puls trotz der von ihm erwarteten positiven Effekte, nur in Maßen Reserven freizugeben. „Zieht sich der Konflikt über Monate, werden wir uns über jedes Fass freuen, das wir nicht zur Preissenkung verbraucht, sondern für die Versorgungssicherheit zurückgehalten haben.“

Belgische Ölreserven für drei Monate werden vorerst nicht angezapft.

Belgien hält strategische Ölreserven für rund 92 Tage, um Versorgungsstörungen auszugleichen – etwa 3,5 Millionen Tonnen oder rund 25,7 Millionen Barrel. Auf diese Reserve werde noch nicht zurückgegriffen, sagte Energieminister Mathieu Bihet (MR) am Mittwoch. Mehr als die Hälfte dieser Vorräte befinde sich allerdings nicht im Inland, schreibt die Zeitung „De Standaard“. Rund 55 Prozent der belgischen Reserven bestehen aus Rohöl, das unter anderem in unterirdischen Salzkavernen in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden gelagert wird. Solche Kavernen entstehen, indem Salz aus dem Boden gespült wird und große Hohlräume entstehen, in denen Öl langfristig gelagert werden kann. Die restlichen 45 Prozent bestehen aus bereits raffinierten Produkten wie Diesel, Benzin und Kerosin. Diese werden in großen Tanks auf belgischem Boden gelagert, häufig in Depots von Treibstoffhändlern. Insgesamt lagern dort Mengen, die etwa 70.000 Tanklastwagen entsprechen. Dass ein Teil der Rohölreserven im Ausland liegt, gilt dennoch nicht als strategischer Nachteil. Belgien verfügt über zwei große Raffinerien und spielt damit selbst eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Rohöl zu fertigen Produkten. (dpa/gz)

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