Anfang des 20. Jahrhunderts war politische Teilhabe für Frauen in Belgien völlig undenkbar. Das Wahlrecht erhielten sie erst 1948. Es dauerte noch deutlich länger, bis sie in Parlamenten und Regierungen sichtbar wurden. 1984 lag der Anteil an Frauen im Parlament der DG bei nur 4 %, Ministerinnen oder Bürgermeisterinnen gab es lange Zeit keine. Politik war bis vor gut 20 Jahren noch eindeutig Männersache.
Erste Schritte in den 2000er
Als Teil der 5. Staatsreform 2001 wurde verankert, dass in der DG-Regierung beide Geschlechter vertreten sein müssen. Das öffnete den Weg für die erste DG-Ministerin, Isabelle Weykmans, die mit 24 Jahren die jüngste Ministerin Europas wurde. Auf parlamentarischer Ebene wirkt seit 2003 die Listenparität: Parteien müssen ihre Wahllisten gleichmäßig mit beiden Geschlechtern besetzen.
Der Effekt ist deutlich: Der Frauenanteil im PDG-Parlament stieg von unter 10 % in 2003 auf heute 48 %. Die DG ist mit diesem Anteil übrigens belgischer Spitzenreiter! Außerdem sind aktuell vier von sechs Fraktionsvorsitzenden im Parlament der DG Frauen. Das sind Ergebnisse, auf die wir stolz sein können. Eine Quote hat also deutliche, messbare Effekte. Sie ist keine dauerhafte Lösung, sondern ein Werkzeug für eine Übergangszeit. Sie hilft, einen historischen Nachteil auszugleichen, der über viele Generationen entstanden ist. Wenn Frauen und Männer eines Tages tatsächlich die gleichen Chancen haben und Macht nicht mehr über alte Netzwerke verteilt wird, dann brauchen wir auch keine Quote mehr.
Ja, aber „nur Kompetenz muss zählen“!
Ein klassisches Argument bei der Suche nach Frauen in Führungspositionen lautet: „Ich will mich nicht für eine Frau entscheiden müssen, wenn ein kompetenterer Mann verfügbar ist.“ Klingt erst einmal logisch, ist aber ziemlich naiv. Unterschiedliche Studien zeigen nämlich, dass die Kompetenz von politischen Kandidaten unterschiedlich bewertet wird, je nachdem ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Frauen werden oft trotz gleicher Qualifikation oder Erfahrung als weniger kompetent wahrgenommen, während Männern tendenziell höhere Kompetenz zugeschrieben wird, selbst bei gleicher Leistung. Diese Verzerrung führt dazu, dass Frauen häufig höhere Hürden überwinden müssen, um in politische Ämter gewählt zu werden.
Frauen sagen (zu) oft „nein“ – und das hat Gründe.
Richtig ist hingegen, dass sich Frauen in der Regel nicht so leicht überzeugen lassen, eine politische Führungsrolle einzunehmen. Politikwissenschaftliche Studien zeigen, dass Frauen häufiger erst dann kandidieren, wenn sie sich sehr gut vorbereitet und eindeutig qualifiziert fühlen, während Männer eher bereit sind, auch mit weniger Erfahrung anzutreten. Gleichzeitig wissen viele Frauen, dass sie in öffentlichen Ämtern stärker kritisiert und strenger bewertet werden. Bei Frauen richtet sich die Kritik oft nicht nur auf ihre politischen Entscheidungen, sondern auch auf ihr Auftreten, ihre Persönlichkeit, ihre Rolle als Mutter oder darauf, wie „weiblich“ sie wirken.
Und bei mir?
Bevor ich in die Politik ging, war ich bereits viele Jahre Unternehmerin in der typisch männlichen Technologie-Branche. Oft als einzige Frau am Tisch, war ich es gewohnt, mich durchsetzen, mir eigene Zugänge und Gehör verschaffen zu müssen. Überrascht hat mich aber, wie selbstverständlich in Ostbelgien selbst heute noch viele glauben, dass in Führungspositionen das Geschlecht keine Rolle mehr spielt. Kommentare wie „Du klingst nicht so hysterisch wie die meisten Frauen“ oder „Die meisten Frauen in der Branche sind ja halbe Männer“ zeigen, dass alte Vorurteile nach wie vor wirken. Subtil und alltäglich. Wer Gleichstellung für selbstverständlich hält, übersieht die strukturellen Hürden, die Frauen noch immer überwinden müssen. Ich schlussfolgere daraus nüchtern: Kompetenz allein reicht nicht. Man muss sich Netzwerke erschließen, Räume erobern und sichtbar sein. Gerade deshalb bin ich dankbar, dass es inzwischen so viele sichtbare weibliche Vorbilder gibt, die zeigen, dass Frauen in der Politik mitgestalten, führen und Türen öffnen können. Wir sind ein gutes Stück weiter. Aber es bleibt noch viel zu tun.
Quellen:
Looks like a leader: Measuring Evolution in Gendered Politican Stereotypes:
https://link.springer.com/article/10.1007/s11109-023-09888-5
It Takes More Than a Candidate - Why Women Don’t Run for Office:
https://assets.cambridge.org/97810095/98231/frontmatter/9781009598231_fr...
A High Bar or a Double Standard? Gender, Competence, and Information in Political Campaigns:
https://link.springer.com/article/10.1007/s11109-016-9357-5

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