[Video] Zehn Jahre nach den Anschlägen: Maelbeek-Überlebende trifft Attentäter im Gefängnis

<p>Bei den Anschlägen vom 22. März 2016 detonierte eine Bombe in der Metrostation Maelbeek.</p>
Bei den Anschlägen vom 22. März 2016 detonierte eine Bombe in der Metrostation Maelbeek. | Archivbild: belga

Wie Christelle Giovannetti der Nachrichtenagentur Belga berichtete, traf sie den Attentäter Mohamed Abrini im Gefängnis im Rahmen eines Programms der restaurativen Justiz.

Das erste Treffen fand nach dem Terrorprozess statt und wurde von der Organisation Médiante vermittelt, die Begegnungen zwischen Opfern und Tätern organisiert. Später schloss sich Giovannetti auch dem Kollektiv Retissons du lien an, das unter anderem Opfer von Anschlägen und Familien von Personen mit dschihadistischem Hintergrund zusammenbringt. Die Gruppe organisiert regelmäßig Treffen – auch in Gefängnissen.

„Eine solche Begegnung wird mehrere Monate vorbereitet, damit sie ruhig und respektvoll ablaufen kann“, erklärt Giovannetti.

<p>Maelbeek-Überlebende Christelle Giovannetti</p>
Maelbeek-Überlebende Christelle Giovannetti | Screenshot: GrenzEcho

Am Tag des Treffens habe sie dennoch gezögert. „Auf dem Parkplatz des Gefängnisses fragte ich mich, was ich hier eigentlich mache.“ Schließlich entschied sie sich jedoch, das Gespräch zu führen. „Als wir uns zum ersten Mal sahen, war er nervöser als ich“, erzählt sie. Am Ende hätten beide einen ganzen Nachmittag miteinander gesprochen.

Dabei sei es weder um Vergebung noch um eine Entschuldigung gegangen. „Ich wollte vor allem verstehen“, betont die Überlebende.

Die Gespräche drehten sich unter anderem um ihre Lebenswege und persönlichen Hintergründe. „Wir sind im gleichen Alter und in Gesellschaften aufgewachsen, die gar nicht so unterschiedlich sind – ich in Frankreich, er in Belgien. Trotzdem haben wir irgendwann völlig unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben entwickelt“, sagt Giovannetti.

Beide hätten über ihre Kindheit und ihre Familien gesprochen – und dabei auch Gemeinsamkeiten entdeckt. „Wir haben beide ein Geschwister verloren.“

Mohamed Abrini, der den Spitznamen „der Mann mit dem Hut“ erhielt, war am 22. März 2016 gemeinsam mit zwei Selbstmordattentätern am Brussels Airport gefilmt worden. Während sich die beiden Attentäter in die Luft sprengten, floh Abrini.

Wegen seiner Beteiligung an den Anschlägen von Brüssel sowie an den Attentaten in Paris wurde er in Belgien zu 30 Jahren Haft verurteilt.

Giovannetti beschreibt Abrini als einen Menschen, der viel spreche, viel nachdenke und viel lese. Ihrer Einschätzung nach habe er Distanz zu seinem früheren Lebensweg gewonnen.

„Wenn man sich in einem Raum gegenübersteht, kann man das Menschliche nicht ausblenden“, sagt sie. „Man kann dann nicht mehr einfach sagen, das seien Monster, die völlig anders sind als wir.“

Nach ihren Worten übernehme Abrini heute Verantwortung für seine Taten und empfinde Reue.

Für sie selbst habe das Treffen nichts an der gerichtlichen Entscheidung geändert. „Die Justiz hat ihr Urteil gefällt. Die Gesellschaft hat ihre Rolle erfüllt. Ich wollte verstehen, was hinter der Zelle, hinter der Ideologie und hinter dem Lebensweg eines Menschen steckt.“

Die Begegnungen seien freiwillig und hätten keinen Einfluss auf die Haftstrafe, betont sie. Abrini fürchte sogar, dass manche glauben könnten, solche Gespräche würden nur geführt, um eine mildere Strafe zu erreichen.

Heute sprechen beide nicht mehr ausschließlich über die Anschläge. „Manchmal sind es fast philosophische Gespräche über das Leben und darüber, wie man etwas neu aufbauen kann“, erzählt Giovannetti.

Für sie persönlich habe der Dialog geholfen, mit der Vergangenheit umzugehen: „Ich habe inneren Frieden gefunden. Das Buch ist nicht geschlossen, aber ich habe eine Seite umgeblättert.“ (belga/rt)

Kommentare

Kommentar verfassen

0 Comment