Federica Brignone weinte Sturzbäche an Freudentränen, und ganz Italien heulte mit dem golden wiederauferstandenen Ski-Star ergriffen mit. Schon wieder. Das olympische Gastgeberland erlebt seit einer Woche Bilderbuch-Winterspiele, hochemotional, sagenhaft erfolgreich. Alle Zweifel, ob sich dieses Milliarden-Wagnis von Mailand und Cortina irgendwie lohnen werde, sind hinter einer Wand aus Glück verschwunden.
„Die fabelhafte Federica verzaubert die Spiele“, jubilierte La Gazzetta dello Sport auf dem Freitagstitelblatt und pfiff auf jede journalistische Distanz: „Legendär, gewaltig, monumental, unvergleichlich“ sei diese „Tigerin Italiens“, die nach ihrem berührenden Triumph im Super-G nun im Riesenslalom am Sonntag (10 Uhr) des Gold-Wunders zweiten Teil vollbringen möchte. „Das alles hier ist noch nicht vorbei“, verkündete die Gazzetta einem Land im Olympia-Taumel.
Die Brignone-Episode war das jüngste Kapitel im schon jetzt proppevollen italienischen Wintermärchenbuch. Ein fast schon zu kitschiges freilich: Bei ihren fünften Winterspielen und obendrein daheim wollte „La Fede“ endlich ihr erstes Gold holen, mit 35 Jahren einen letzten Höhepunkt erleben. 315 Tage vor dem Super-G von Cortina erlitt Brignone aber einen Totalschaden im Knie, zertrümmerte sich Schien- und Wadenbeinkopf. Alles schien verloren.
Doch Brignone schuftete ohne Unterlass, war im Januar zurück im Weltcup – und die melodramatische Auflösung in Cortina hätten Fellini und Visconti nicht besser inszenieren können. „Mit dem Start hier hatte ich schon alles erreicht“, schluchzte Brignone: „Aber Olympiasiegerin? Damit hätte ich nie gerechnet.“ Eine bewegte Nation musste sich danach erstmal sammeln.
Kurz nach Brignone drehte jedoch die „Mamma d'Oro“ am Donnerstag Italien abermals auf links, der zweite Eisschnelllauf-Triumph Francesca Lollobrigidas, ebenfalls 35, brachte das Gastgeber-Land bis auf einen Olympiasieg an das Rekordergebnis von Lillehammer 1994 (siebenmal Gold) heran. „La Lollo“ schickte „mille grazie“ 250 km ostwärts zu Brignone, die sie inspiriert habe: „Federica ist der Beweis dafür, dass nichts unmöglich ist.“ Tränen, wieder.
Italien zelebriert hochemotionale Winterspiele, Olympias Weiträumigkeit ist nicht der befürchtete Stimmungskiller. Die Begeisterungswelle schwappt aus den Alpen in die Metropolen und sogar bis tief in den Süden, der oftmals wenig mit dem Norden im Allgemeinen und dem Wintersport in Speziellen anfangen kann.
„Es ist großartig, dass so viele von den jungen Sportlern hier nicht aus den Bergen kommen, sondern aus der Stadt“, sagte Deborah Compagnoni. Die dreimalige Alpin-Olympiasiegerin durfte gemeinsam mit Alberto Tomba das Feuer entzünden und ist, auch das ein Erfolgsgeheimnis dieser Spiele, wie andere Legenden dauerpräsent.
Italien liebt die Heldenverehrung, und die Heroen von heute wie Brignone und Lollobrigida werden von einstigen Lichtgestalten wie Compagnoni und Tomba, Manuela di Centa und Gustav Thöni, dem Südtiroler Alpin-Giganten, durch diese Spiele eskortiert.
Überhaupt: Südtirol. Dieses historisch-politisch heikle Grenzgebiet blüht während Olympia auf. Als Schauplatz der Antholzer Biathlon-Wettbewerbe, als sportliche Erfolgsgeschichte. Im „Südtiroler Goldrausch“ und „Rodel-Wahnsinn“ kam das deutschsprachige Landesorgan Dolomiten mit Jubel-Titeln kaum hinterher.
Für zweimal Gold, einmal Silber und viermal Bronze waren Athleten aus Südtirol (zumeist) allein- oder (seltener) teilverantwortlich – im Medaillenspiegel hätte die autonome Provinz vor Kanada und Finnland gelegen. „Sternstunde des Südtiroler Sports“ nannte Dolomiten das Doppel-Rodelgold am Mittwochabend binnen 60 Minuten – um sich danach mit dem Landes-Rest von „La Fede“ und „La Lollo“ mitreißen zu lassen. (sid/tf)

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