Sein Vater Mychailo saß im Schnee und weinte hemmungslos, Wladyslaw Heraskewytsch machte derweil „tief enttäuscht“ und mit seinem umstrittenen Helm unter dem Arm sein (Un-)Rechtsverständnis nach seinem Olympia-Ausschluss überdeutlich klar. „Ich habe keine Regeln verletzt“, beteuerte der ukrainische Skeletonfahrer und klagte einmal mehr das Internationale Olympische Komitee (IOC) an: „Mir ist mein olympischer Moment gestohlen worden!“ Und um diesen kämpft er mit allen Mitteln weiter: Vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS will er sich in den bereits laufenden Wettkampf einklagen.
Der WM-Vierte beantragte am Donnerstagnachmittag die Aufhebung der Entscheidung der Jury des Bob- und Skeleton-Weltverbandes IBSF und „als einstweilige Maßnahme (...) die Wiederaufnahme mit sofortiger Wirkung in die Olympischen Winterspiele 2026 oder alternativ die Durchführung eines vom CAS überwachten offiziellen Laufs bis zur endgültigen Entscheidung des Athleten“, wie der Gerichtshof mitteilte.
Es werde zunächst ein „operativer Beschluss“, also ein Urteil ohne Begründung, erwartet. Die Zeit rast, am Freitagabend soll der Olympiasieger feststehen.
Der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj hatte bei X erklärt, sein Land sei „stolz auf Wladyslaw und auf das, was er getan hat. Mut ist mehr wert als jede Medaille.“ Zugleich griff auch er das IOC an: „Sport sollte nicht zu Vergessen führen, und die Olympische Bewegung sollte dazu beitragen, Kriege zu beenden, anstatt Aggressoren in die Hände zu spielen.“ Dem IOC gehe es „ganz sicher nicht um die Prinzipien des Olympismus, die auf Fairness und Friedensförderung beruhen“.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha sprach nach dem Rauswurf von einem „Moment der Schande“, Heraskewytsch selbst lieferte gleich die Begründung, warum die olympische Welt am Donnerstagmorgen um kurz nach neun Uhr heftig bebte. „Ich habe nie darüber nachgedacht, nicht mit dem Helm zu starten“, sagte er.
Die Konsequenz des sich tagelang aufbauenden Grundsatzstreits zwischen Heraskewytsch und dem IOC war mit dem Beharren auf dem Tragen des „Helms des Gedenkens“ letztlich unausweichlich, denn auch das IOC pochte eisern auf seine – an mancher Stelle interpretationsfähige – Verfassung: Der WM-Vierte wurde vom Wettkampf am Donnerstag und Freitag im Eiskanal von Cortina ausgeschlossen, wie das IOC und der Weltverband IBSF eine knappe halbe Stunde vor dem Beginn des ersten Laufs bekannt gaben. Die formale Disqualifikation sprach die IBSF aus. Dagegen geht der Pilot nun vor.
Das IOC entzog Heraskewytsch „mit Bedauern“ auch die Akkreditierung, gab sie ihm aber drei Stunden später „ausnahmsweise“ zurück.
Heraskewytsch hatte darauf beharrt, wie schon im Training auch im Wettkampf einen besonderen Helm zu tragen: Darauf sind Porträts von im Krieg von russischen Soldaten getöteten Sportlern aus der Ukraine zu sehen. Das IOC sieht darin einen Verstoß gegen die Olympische Charta, die Meinungsäußerungen unter anderem auf dem Spielfeld (“field of play“) untersagt.
Am frühen Donnerstagmorgen hatte abermals ein Gespräch zwischen Heraskewytsch, dessen Vater und IOC-Präsidentin Kirsty Coventry am Cortina Sliding Centre stattgefunden, das IOC sprach in seiner Kommunikation von einer „letzten Chance“. Heraskewytsch aber hatte schon zuvor keinen Millimeter nachgegeben. Vielmehr verschärfte er durch Videos in den Sozialen Medien seinen Konfrontationskurs, nannte immer wieder aus seiner Sicht vergleichbare Fälle, auf die keine Sanktion gefolgt sei.
Der Kern seines Falls, so das IOC, sei aber „nicht die Botschaft selbst, sondern der Ort, an dem er sie zum Ausdruck bringen wollte“. Er hätte den Helm demnach vor dem Start zeigen können, nach dem Rennen – nur eben nicht während des Wettkampfs vor den Augen der Welt. Auch der Einwand seines Vaters, man könne die Gesichter auf dem Helm im Rennen gar nicht erkennen, brachte kein Einlenken. (sid/tf)

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