Seit einigen Tagen haben zwei sehr unterschiedliche Situationen einen gemeinsamen Nenner: Sie sagen viel über die Härte unserer politischen Gegenwart. Auf der einen Seite meine Kollegin, Stéphanie Cortisse, die in den sozialen Netzwerken zur Zielscheibe wurde. Auf der anderen Seite Melissa Depraetere, eine flämische Ministerin, schwanger, die gezwungen war, früher als geplant kürzerzutreten, weil die Realität des Körpers und des Lebens sich durchsetzt, selbst bei jenen, die schwere Verantwortung tragen. Diese Ereignisse sollten keine „zusätzlichen Affären“ in der medialen Maschinerie sein. Sie sollten uns vielmehr zu einer einfachen Frage zwingen: Was akzeptieren wir kollektiv als Art und Weise, Politik zu machen? Die Demokratie lebt vom Widerspruch. Sie braucht offene Debatten – manchmal rau, immer anspruchsvoll. Man kann eine Entscheidung kritisieren, eine Linie, eine Bilanz, einen Vorschlag. Man kann eine Methode, eine Vision, eine Strategie in Frage stellen. Das ist gesund. Es ist sogar unverzichtbar. Aber es gibt eine klare Grenze zwischen Widerspruch und Gewalt. Wenn die Debatte in Beleidigung, Demütigung, sexistische Anspielungen, Drohungen oder hartnäckige Hetze kippt, ist es kein politischer Streit mehr: Es ist der Versuch, den anderen niederzumachen. Und diese Form von Gewalt hat eine sehr konkrete Wirkung: Sie ekelt an, sie schreckt ab, sie beschädigt. Vor allem jene, die sich ursprünglich mit dem Wunsch engagieren, zu dienen.
Man sagt manchmal: „Man muss ein dickes Fell haben.“ Ja, man braucht Standfestigkeit. Aber nein: Wir sind keine Maschinen. Wir sind keine „Kriegsmaschinen“. Hinter einem Mandat stehen Menschen: Eltern, Partnerinnen und Partner, Kinder – Menschen, die unmögliche Terminkalender bewältigen, permanente Spannungen auffangen, komplexe Dossiers tragen und dabei würdig und präsent bleiben sollen. Und wenn eine Kollegin sexistisch angegriffen oder öffentlich gedemütigt wird, dann ist das nicht nur „ihr“ Problem. Es ist auch keine Frage von Partei gegen Partei. Der Reflex der Solidarität ist kein Kalkül – er ist ein Signal an die Gesellschaft: Gewalt ist keine Meinung. Hass ist kein Argument. Und die Sexualisierung von Frauen – in der Politik wie anderswo – hat nichts mit Mut oder Intelligenz zu tun: Sie ist ein Mechanismus der Dominanz. Ich habe das schon vor der Politik erlebt. Ich habe es in der Arbeitswelt gesehen, in Organisationen, in denen von Frauen erwartet wird, makellos, leistungsfähig, widerstandsfähig – und still zu sein. Ich habe es in Führungsfunktionen gesehen, wo Verantwortung schwer wiegt, wo Druck sich aufstaut, wo man manchmal lernt, zu schlucken, ohne zu merken, was es kostet.
Genau deshalb hallen diese letzten Tage nach: Sie erinnern uns an den menschlichen Preis. Den Preis der Dauer-Öffentlichkeit. Den Preis permanenter Aggressivität. Den Preis des „kleinen Satzes“, der erst ein Schmunzeln auslöst und am Ende die Herabwürdigung normalisiert. Den Preis der sozialen Netzwerke, wenn sie zu einer Arena ohne Regeln werden. Was also tun? Zuerst: die Banalisierung verweigern. Das Unentschuldbare nicht entschuldigen, nur weil „es eben das Internet ist“. Dann: eine Kultur der Debatte wieder stärken – harte Kritik, ja. Persönliche Angriffe, nein. Und schließlich: das schützen, was in einer Demokratie am kostbarsten ist: die Möglichkeit für unterschiedliche Menschen, Frauen wie Männer, Jüngere wie Ältere, sich zu engagieren, ohne zermalmt zu werden. Politik braucht keine unverwundbaren Heldinnen und Helden. Sie braucht verantwortliche Menschen, die auf Dauer tragen können. Frauen und Männer, die dienen können, ohne zu zerbrechen. Das ist die Botschaft, die ich aus diesen Tagen mitnehme: Man kann anspruchsvoll sein, ohne gewalttätig zu werden. Man kann gegensätzliche Positionen haben, ohne zu entmenschlichen. Und ja: Wir können und müssen gemeinsam daran erinnern, dass Respekt keine Schwäche ist, sondern eine Voraussetzung der Demokratie.

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