Die Erhebung, die 113 wallonische Gemeinden abdeckt – also nahezu die Hälfte der Bevölkerung –, zählt 7.759 obdachlose Erwachsene, darunter 1.482 junge Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren. Von ihnen sind 58,7 Prozent Männer, 74 Prozent belgische Staatsbürger, 66,2 Prozent wurden in Belgien geboren.
Die Lebensläufe der jungen Betroffenen weisen eine Reihe belastender Erfahrungen auf: 14,1 Prozent haben zeitweise in Einrichtungen der Jugendhilfe gelebt, knapp zehn Prozent waren in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. 15,2 Prozent kämpfen mit psychischen Problemen, mehr als jeder Zehnte mit Suchterkrankungen.
Regionale Verteilung widerlegt Klischees
Besonders hohe Anteile junger Obdachloser finden sich in Teilen der Provinz Hennegau – etwa in La Louvière (23,9 %), Mons (20,0 %) und Tournai (19,6 %). Doch selbst vergleichsweise wohlhabende Regionen wie die Provinz Wallonisch-Brabant (20,5 %) liegen kaum darunter. „Wir sehen konstant, dass etwa ein Fünftel der obdachlosen Menschen jung ist – in Städten genauso wie auf dem Land“, betont De Moor. Damit widerspricht die Studie hartnäckigen Vorstellungen darüber, wer in Belgien von Wohnungslosigkeit betroffen ist.
Von Sofa zu Sofa – und für manche auf die Straße
Knapp die Hälfte der jungen Obdachlosen findet vorübergehend Unterschlupf bei Freunden, Familie oder Bekannten. 24,4 Prozent leben in Notunterkünften, 8,3 Prozent in Garagen, Zelten oder besetzten Häusern – und 3,4 Prozent tatsächlich auf der Straße. Trotz prekärer Lebenssituation verfügen 61,3 Prozent über ein Eingliederungseinkommen, 5 Prozent haben sogar einen Job. Für De Moor ein beunruhigendes Zeichen:
„Man muss sich ernsthaft fragen, ob ein Eingliederungseinkommen oder selbst ein reguläres Einkommen heute in manchen Regionen noch ausreicht, um eine Wohnung zu finden. Wir wissen außerdem, dass manche Vermieter Menschen mit einem Eingliederungseinkommen klar benachteiligen.“
Wohnungsunsicherheit oft über Monate – manchmal über Jahre
Bei 36,3 Prozent dauert die Wohnungsinstabilität vier bis elf Monate, bei 17,3 Prozent sogar ein bis zwei Jahre. 9,2 Prozent haben auch nach zwei Jahren noch keine feste Bleibe gefunden.
Die Daten zeigen vor allem eines: Die Realität junger Obdachlosigkeit ist vielfältig – und weit entfernt vom gängigen Klischee. „Wir entfernen uns komplett vom stereotypen Bild des Obdachlosen – eines erwachsenen Mannes mit Bierdose auf der Straße“, sagt De Moor. Vielmehr zeige sich ein komplexes Zusammenspiel aus individuellen Brüchen wie Gewalt oder Migrationsgeschichte und strukturellen Problemen wie explodierenden Mieten oder chronischer Armut. (belga/calü)

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