Licht bringt uns nachts aus dem Takt

<p>Eine neue Studie im Fachmagazin JAMA Network Open zeigt, dass nächtliche Beleuchtung – ob durch Straßenlaternen, Bildschirme oder Reklamen – das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich erhöht.</p>
Eine neue Studie im Fachmagazin JAMA Network Open zeigt, dass nächtliche Beleuchtung – ob durch Straßenlaternen, Bildschirme oder Reklamen – das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich erhöht. | Illustrationsfoto: Christoph Soeder/dpa

Straßenlaternen, Leuchtreklamen, Bildschirme im Schlafzimmer: Künstliches Licht in der Nacht ist längst Teil unseres Alltags. Neue Daten bestätigen jetzt, dass zu viel Licht in der Nacht unsere Gesundheit gefährden kann. Es begünstigt das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, so eine jetzt im Fachmagazin „JAMA Network Open“ veröffentlichte Studie.

Satellitenbilder zeigen, dass die nächtliche Beleuchtung weltweit zwischen 1992 und 2017 um fast 50 Prozent zugenommen hat, besonders in Großstädten wird es kaum noch richtig dunkel.

„In unserer Studie mit 88.905 Erwachsenen im Alter von über 40 Jahren, haben wir festgestellt, dass helles Licht in der Nacht mit einem höheren Risiko für koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern und Schlaganfall verbunden ist“, so das Team um Daniel Windred und Angus Burns. „Diese Zusammenhänge blieben auch bestehen, nachdem wir bekannte Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung und Schlafdauer berücksichtigt hatten.“

Für die Langzeitstudie trugen die Teilnehmenden eine Woche lang kleine Sensoren an den Handgelenken, die halbstündig die Lichteinstrahlung maßen. Daraus wurden individuelle 24-Stunden-Licht-Belastungsprofile errechnet. Insgesamt sammelte das internationale Team australischer, amerikanischer und englischer Universitäten so über 13 Millionen Stunden Material. Anschließend wurden die Probandinnen und Probanden knapp zehn Jahre lang medizinisch begleitet, um neu auftretende Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erfassen.

Die Ergebnisse machen deutlich: Wer nachts stark dem Licht ausgesetzt war, hatte ein 45 bis 56 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkte und Herzinsuffizienz, gegenüber Menschen, die nur geringer oder keiner Lichteinstrahlung ausgesetzt waren. Auch das Risiko für Schlaganfälle und koronare Herzkrankheiten stieg bei Personen mit starker Lichteinstrahlung im Schlafzimmer um 28 bis 30 Prozent.

Auch wenn das Team andere Faktoren wie Lebensstil oder Schlafverhalten berücksichtigte, blieb der Zusammenhang zwischen Nachtlicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beständig. Lediglich die Gefahr von Schlaganfällen sank unter die Signifikanzschwelle, nachdem die Faktoren „kurzer Schlaf“ und „hoher Cholesterinspiegel“ eingerechnet wurden. Der etwa 24-stündige biologische Zyklus steuert Körperfunktionen wie Schlaf, Stoffwechsel, Hormonproduktion und Körpertemperatur. Kommt er aus dem Takt, hat das drastische Folgen.

„Über Hunderte Millionen Jahren hat die Evolution unser internes Zeitsystem geformt, das sich an den täglichen Hell-Dunkel-Zyklen orientiert und sich je nach Jahreszeit ändert“, erklärt Jonathan Cedernaes von der schwedischen Universität Uppsala in einem Kommentar zur Studie. „Heute jedoch sind unregelmäßige und wechselnde Schlaf-Wach-Zeiten sehr verbreitet.“ Bis zu zwei Drittel der Erwachsenen würden heute ihren Schlaf-Wach-Rhythmus von Wochentagen auf freie Tage um zwei Stunden verschieben, das sei als „sozialer Jetlag“ bekannt und könne den Effekt noch verstärken. Es kann zum Beispiel die Melatoninausschüttung beeinflussen, aber auch zu einer erhöhten Herzfrequenz, hohem Blutdruck, gestörtem Tiefschlaf und schlechterer Insulinsensitivität beitragen. Die Forschenden vermuten, dass künstliche Beleuchtung somit ähnliche Auswirkungen wie Schichtarbeit hat.

Eine Einschränkung: „Es ist noch nicht klar, ob diese Ergebnisse verallgemeinert werden können. Die untersuchte Gruppe besteht überwiegend aus Weißen, Personen mit höherem Bildungs- und Einkommensniveau und Frauen.“ Unklar bleibe auch, ob verschiedene Lichtfarben – zum Beispiel blaues oder grünes Licht – unterschiedlich wirken. Hier sehen die Forschenden Potenzial für weitere Untersuchungen.

Fest steht allerdings bereits jetzt: Die Vermeidung von nächtlichem Licht kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Wer etwas gegen nächtliche Lichteinstrahlung im eigenen Schlafzimmer tun möchte, kann auf Vorhänge und Schlafmasken setzen sowie Smartphone und Fernseher vor dem zu Bett gehen abschalten. (dpa/nc)

Hintergrund: Naturschutzorganisation Natagora ruft dazu auf, die Nacht zu schützen

Nachdem während der Energiekrise vielerorts die Straßenbeleuchtung abgeschaltet wurde, erwägen einige Gemeinden nun, die Lichter zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens wieder einzuschalten. Für die Naturschutzorganisation Natagora ist das ein Fehler – zum Lasten von Tieren, Pflanzen und auch der menschlichen Gesundheit.

Zu wenig Beachtung fänden laut Natagora die „gut dokumentierten“ gesundheitlichen Auswirkungen der Lichtverschmutzung. „Indem wir die Nacht erhellen, stören wir essenzielle natürliche Rhythmen“, heißt es in einer Mitteilung der Naturschutzorganisation.

Rund 30 Prozent der Wirbeltiere und 65 Prozent der wirbellosen Tiere sind nacht- oder dämmerungsaktiv. Lichtverschmutzung verändere ihren natürlichen Rhythmus und beeinträchtige ihr Wachstum und Verhalten. Besonders empfindlich reagieren laut Natagora Vögel und Fledermäuse.

Eine Studie zeigt etwa, dass Amseln, die Lichtverschmutzung ausgesetzt sind, bis zu einem Monat früher brüten als jene in dunkleren Gebieten – mit dem Risiko verfrühter Geburten und geringerer Überlebenschancen der Jungvögel.

Doch auch auf den Menschen habe künstliches Licht in der Nacht negative Auswirkungen: Lichtverschmutzung, die in die Wohnungen eindringt, störe den biologischen Rhythmus. Die Folgen reichten von Schlaf- und Stimmungsschwankungen bis hin zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. „Heute leben 99 Prozent der Europäer unter einem vom künstlichen Licht verschmutzten Nachthimmel“, heißt es weiter.

Alexia Vandenbergh, Referentin für Naturpolitik bei Natagora, betont: „Die nächtliche Beleuchtung ist eine Form der Umweltverschmutzung, die von den lokalen Behörden noch immer zu wenig beachtet wird. Manche Gemeinden schalten bereits zwischen Mitternacht und 5 Uhr früh komplett ab oder ergreifen Maßnahmen, um die Auswirkungen auf Tiere und Pflanzen zu verringern. Angesichts der angespannten Haushaltslage rufen wir alle Gemeinden auf, diesem Beispiel zu folgen.“

Zu den möglichen Maßnahmen die Natagora verschlägt zählen, nur dort zu beleuchten, wo es nötig ist, Leuchten mit Bewegungsmeldern einzusetzen oder Lampen zu verwenden, die an den Lebensrhythmus empfindlicher Arten – wie etwa Fledermäuse – angepasst sind. Gemeinden können außerdem untersagen, dass kommerzielle Werbetafeln nachts beleuchtet werden.

„Das Abschalten der Beleuchtung zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens garantiert uns das Recht auf erholsamen Schlaf – und schenkt der Natur, die tagsüber schon stark unter menschlichen Aktivitäten leidet, eine wohlverdiente Pause“, erklärte Alexia Vandenbergh. (nc)

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