Einsamkeit ist ein unterschätztes Tabu – KAP und GrenzEcho rücken das Thema in den Fokus

<p>Beim „World-Café“ im Eupener GE-Media-Verlagsgebäude tauschten sich am Montagabend die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der KAP-Veranstaltung über Erfahrungen aus.</p>
Beim „World-Café“ im Eupener GE-Media-Verlagsgebäude tauschten sich am Montagabend die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der KAP-Veranstaltung über Erfahrungen aus. | Foto: Natacha Freisen

Dass es höchste Zeit ist, die Problematik auch in Ostbelgien offen zu diskutieren, zeigte eine gemeinsame Veranstaltung des GrenzEcho und der Erwachsenenbildungsorganisation Kulturelle Aktion und Präsenz (KAP) am Montagabend im Verlagsgebäude von GE-Media am Eupener Marktplatz. KAP-Präsident Matthias Zimmermann begrüßte die rund 50 Gäste und machte deutlich, dass die Organisation verstärkt auch in der politischen und gesellschaften Bildung aktiv werden will. „Einsamkeit ist dafür ein Thema, das viele betrifft und das lange unterschätzt wurde“, sagte er.

Dieses Video entstand beim Veranstaltungsabend.

Anschließend sprach Prof. Dr. Tanja Segmüller von der Hochschule für Gesundheit in Bochum. In ihrem Vortrag betonte die Pflegewissenschaftlerin, wie schwer Einsamkeit zu fassen sei. „Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl. Von außen kann es so aussehen, als sei jemand eingebunden – Familie, Bekannte, Kontakte. Und trotzdem kann diese Person sich zutiefst einsam fühlen.“ Umgekehrt müsse Alleinsein nicht zwangsläufig problematisch sein. „Wenn ich alleine spazieren gehe oder einen Tag ohne Kontakt verbringe, mich dabei aber wohlfühle, ist das kein Problem. Entscheidend ist, ob ein Leidensdruck entsteht. Wenn ich traurig bin, wenn es mich belastet – dann ist es ein Alarmsignal.“

<p>Tanja Segmüller</p>
Tanja Segmüller | Foto: Natacha Freisen

Sie machte deutlich, dass Einsamkeit in Maßen sogar eine motivierende Funktion habe: „Sie ist wie Hunger ein Signal, das uns antreibt, wieder in Kontakt zu gehen.“ Gefährlich werde es, wenn dieser Zustand zu lange anhält. Dann drohe eine Chronifizierung, die mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist – von depressiven Symptomen über körperliche Erkrankungen bis hin zu Demenz.

Segmüller stellte verschiedene wissenschaftliche Definitionen und Formen der Einsamkeit vor. Sie unterschied emotionale oder intime Einsamkeit, wenn eine enge Bezugsperson fehlt, soziale Einsamkeit, wenn Freundeskreise oder Netzwerke wegbrechen, kollektive Einsamkeit, also das Fehlen einer Zugehörigkeit zu einer größeren Gruppe, kulturelle Einsamkeit, wenn das vertraute sprachliche oder kulturelle Umfeld fehlt, und physische Einsamkeit, also das Fehlen körperlicher Nähe. Es gehe grundsätzlich um eine „Entfremdung von der Welt“.

<p>Die Referentin kam mit den Gästen ins Gespräch.</p>
Die Referentin kam mit den Gästen ins Gespräch. | Foto: Natacha Freisen

Entscheidend sei außerdem die Abgrenzung zu anderen Konzepten. Soziale Isolation etwa beschreibe einen objektiven Mangel an Kontakten, während Einsamkeit eine subjektive Wahrnehmung sei. Auch von Depressionen oder sozialen Phobien müsse das Phänomen klar unterschieden werden.

Warum wird so wenig darüber gesprochen? „Weil Einsamkeit in unserer Gesellschaft schambehaftet ist“, erklärte Segmüller dem GrenzEcho. „Alle sollen jung, dynamisch, ständig auf Reisen sein. Wer sich einsam fühlt, passt nicht in dieses Bild.“ Gerade verletzliche Gruppen hätten Hemmungen, ihre Situation zu benennen.

Umso wichtiger sei es, das Thema öffentlich zu machen und Orte für Austausch zu schaffen. Internationale Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Staaten mit der Herausforderung umgehen. Skandinavien setzt auf ein dichtes Netz öffentlicher Unterstützungsangebote, Deutschland fördert Begegnungen zwischen den Generationen, und Großbritannien gründete 2018 sogar ein eigenes Ministerium für Einsamkeit, das ressortübergreifend Maßnahmen koordiniert. Auch für Ostbelgien lohne sich ein Blick auf solche Modelle, betonte die Referentin.

Konkrete Ansätze gebe es viele: gemeinschaftliches Wohnen, Nachbarschaftstreffs, Mittagstische, kulturelle Angebote, ehrenamtliches Engagement oder digitale Plattformen, die den Kontakt erleichtern. „Menschen sind helfensbedürftig“, fasste Segmüller zusammen. Mit anderen Worten: Menschen suchen nach Gelegenheiten, um helfen zu können. „Entscheidend ist, Strukturen zu schaffen, die soziale Bindungen ermöglichen.“ Wie das praktisch aussehen kann, zeigte das anschließende „World-Café“: Dabei kamen die Gäste miteinander ins Gespräch und sprachen unter anderem über eigene Erfahrungen. Segmüller wechselte zwischen den Gruppen, hörte zu, gab Impulse. Das World-Café selbst erwies sich dabei als Symbol gegen Einsamkeit, weil es Menschen ins Gespräch brachte, die sich unter normalen Umständen vermutlich nie begegnet wären.

<p>KAP-Präsident Matthias Zimmermann bei der Begrüßung.</p>
KAP-Präsident Matthias Zimmermann bei der Begrüßung. | Foto: Natacha Freisen

Für die KAP war der Abend mehr als eine einmalige Informationsveranstaltung. Ob daraus eine Serie wird, hängt vom Interesse ab. Die Resonanz am Montagabend war vielversprechend – ein Hinweis darauf, dass das Thema auch in Ostbelgien auf offene Ohren stößt.

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