Gefängnis von Forest wird zum Kultur- und Lernzentrum über Strafvollzug

<p>Die ASBL 9m2 macht daraus einen Ort der Erinnerung, Bildung und Debatte über das Strafsystem.</p>
Die ASBL 9m2 macht daraus einen Ort der Erinnerung, Bildung und Debatte über das Strafsystem. | Foto: belga

Die 1910 nach dem Zellenmodell des Gefängnisinspektors Édouard Ducpétiaux errichtete Haftanstalt gilt als prägendes Beispiel des belgischen Gefängniswesens. „Dieser Ort ermöglicht es den Besuchern zu verstehen, was Freiheitsstrafe bedeutet, und den Sinn des Strafsystems zu hinterfragen“, erklärt die Vereinigung, die mehr als drei Jahre lang für den Zugang zu dem Gelände gekämpft hat.

Staatssekretärin für Gebäudeverwaltung Vanessa Matz (Les Engagés) begrüßte die Initiative: „Dieses Gebäude, das lange für Überbelegung und schlechte Bedingungen stand, erhält nun ein neues Leben. Anstatt zu verfallen, wird es ein Ort des Nachdenkens und der Auseinandersetzung mit unserem Strafsystem.“

Die erste immersive Führung führte die Presse am Montag auf den Spuren eines Häftlings – vom Gefängniseingang über die Bäder und Zellen bis hin zum Hof. Begleitet wurde der Rundgang von Historiker Xavier Rousseaux und Juraprofessorin Olivia Nederlandt, beide Mitbegründer von 9m2. „Dieses Gefängnis zeigt ein Jahrhundert belgischer Strafgeschichte. Es ist wichtig, diese Erinnerung zu bewahren und in aktuelle Debatten über Strafen und Gerechtigkeit einzubringen“, betonte Rousseaux.

Nederlandt hob den pädagogischen Anspruch hervor: „Wir wollen Forest zu einem Raum des Dialogs zwischen Bürgern, Studierenden und Fachleuten machen – über Alternativen zur Inhaftierung und die menschlichen Fragen, die jede Freiheitsstrafe aufwirft.“

Auch Zeitzeugenberichte fließen ein. So schilderte der ehemalige Häftling Tahar Elhamdaoui seine Erfahrungen: „Hinter diesen Mauern verliert man jeglichen Halt, man wird auf eine Nummer reduziert. Heute hier zu sprechen, gibt meinem Erleben einen Sinn und hilft der Gesellschaft, zu verstehen, was Einsperrung wirklich bedeutet.“

Christophe Rémion, Pädagoge und Gründer von 9m2, betonte: „Je mehr Gefängnisse man baut, desto mehr werden sie gefüllt. Unser Ansatz ist nicht nur Erinnerungsarbeit, sondern will auch die Politik hinterfragen und den Blick für Alternativen öffnen.“

Langfristig will die Vereinigung den Standort Forest zu einem Ort der Sensibilisierung machen – für Bürgerinnen und Bürger ebenso wie für Studierende und Fachleute des Justizsektors. „Wir müssen Vorurteile abbauen. Gefängnis löst nicht alles, im Gegenteil: es verschärft Probleme oft noch“, so Nederlandt.

Das Projekt entsteht vor dem Hintergrund einer massiven Überbelegung der Gefängnisse: Ende Juli zählte Belgien 13.061 Insassen bei nur 11.040 Plätzen. Laut Europarat befindet sich fast ein Drittel der Gefangenen in Untersuchungshaft; zudem ist die Suizidrate in belgischen Gefängnissen eine der höchsten in Europa. (belga/rt)

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