„Die Daten zeigen nicht, dass soziale Medien ursächlich für psychisches Leiden in den von uns untersuchten Gruppen verantwortlich sind“, sagt Koster im Gespräch mit dem flämischen Rundfunk (VRT). Vielmehr müsse man genau unterscheiden, ob es sich um eine Korrelation oder eine tatsächliche Ursache handelt. „Wer sich einsam fühlt, verbringt möglicherweise mehr Zeit online und leidet dadurch stärker. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass die Plattformen selbst die Ursache sind.“
Experiment mit Studierenden: Kaum Unterschiede
Um diese Frage zu klären, führte Kosters Team ein Experiment mit Studierenden durch: Während eine Gruppe ihre Social-Media-Gewohnheiten unverändert ließ, durfte die andere maximal 30 Minuten pro Tag online sein – und das über zwei Wochen hinweg. Gemessen wurden Faktoren wie Grübeln, sozialer Vergleich, Selbstbild, Angst und depressive Verstimmungen.
Das Ergebnis: keine signifikanten Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Eine internationale Meta-Analyse von mehreren Dutzend ähnlichen Experimenten mit insgesamt über 4.000 Teilnehmenden bestätigte dieses Bild.
Für Koster ist das jedoch kein Freifahrtschein für unbegrenzte Bildschirmzeit: „Wir müssen die Diskussion differenziert führen. Altersgrenzen können durchaus sinnvoll sein, vor allem für jüngere Kinder. TikTok etwa ist berüchtigt: Für viele ist es schwer, Realität von Inszenierung zu unterscheiden.“
Eltern rät der Psychologe zu einem offenen Dialog: „Sprechen Sie mit Ihren Kindern über soziale Medien. Installieren Sie dieselben Apps, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Und informieren Sie sich bei seriösen Quellen wie Mediawijs.“
Auch die Politik ist gefragt
Die Verantwortung sieht Koster nicht nur bei Familien, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. „Unsere Ergebnisse widerlegen das Schwarz-Weiß-Bild, wonach soziale Medien pauschal die Ursache für mentale Probleme sind. Dennoch kann es Kontexte geben, in denen Eingriffe notwendig sind.“
Andere Länder haben bereits reagiert: In den USA verlangt der Bundesstaat Utah elterliche Zustimmung für Social-Media-Konten Minderjähriger. In China gelten seit Jahren strenge Zeitlimits für Kinder. Auch die EU arbeitet an strengeren Vorgaben zu Online-Inhalten und Altersverifikation.
Koster fordert, dass auch Belgien über eine ausgewogene Regulierung nachdenkt: „Es gibt gute Gründe für Altersbeschränkungen. Meine Forschung ist kein Plädoyer gegen politische Maßnahmen – sondern für eine faktenbasierte Debatte.“ (belga/calü)

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