Unter dem Hashtag „That Girl“ tummeln sich Bilder und Videos von normschönen Frauen, die eines gemeinsam haben – das Ziel, die beste Version ihrer Selbst zu werden. „That Girl“ hüpft um 4:30 morgens aus dem Bett, vollzieht ihre sechsteilige Skin Care Routine, macht sich einen aufwendigen Smoothie aus frischen, überteuerten Beeren, bevor sie in ihr Tagebuch schreibt, für was sie heute dankbar ist. Mit dem Fahrrad und in einer hellrosa Sportleggings, die unbequem eng aussieht, geht es dann um 6 Uhr morgens vor der Arbeit zum Pilates.
Ein stechendes Gefühl der Scham macht sich in mir breit, wenn ich durch die Posts scrolle und darüber nachdenke, dass ich diese Woche erst einmal beim Sport war. „1% better everyday“ kann doch nicht so schwer sein, wenn die Frauen auf TikTok, Instagram und Co. das auch hinbekommen. Vielleicht wäre ich mit einem Kollagenpulver und einer neuen Sportuhr auch ein bisschen näher an der besten Version meiner Selbst.
Der Selbstoptimierungstrend birgt viele Gefahren, darunter beispielsweise die Minderung des Selbstwertgefühls und das Auslösen von enormem Stress und Druck.
Für Soziologin Dr. Diana Lindner bedeutet Selbstoptimierung, Grenzen zu überschreiten. Oft würden im Zuge dessen auch eigene Bedürfnisse übergangen, betont die Expertin gegenüber der Volkswagen Stiftung. Der Optimierungsdruck löse häufig Panik in der Bevölkerung aus.
Von dem Trend zur Selbstoptimierung profitiert vor allem einer – die Industrie. Denn laut Bundeszentrale für politische Bildung hat der Selbstoptimierungstrend einen riesigen Selbstentwicklungsmarkt. Um überteuerte Gesichtsmasken, Cremes, Abnehmshakes, Diätpläne, Null-Kalorien Nudeln, Smartwatches, Fitnessapps und vieles mehr kommt man nicht vorbei. Wir kaufen diese Produkte, um uns ein wenig besser mit uns selbst zu fühlen. Und das funktioniert auch vielleicht für eine kurze Zeit. Doch Selbstoptimierung habe häufig keinen Anfang und kein Ende und führe damit auch nie zu einem Zustand der Zufriedenheit, so Psychologin Dr. Julia Schreiber ebenfalls gegenüber der Volkswagen Stiftung.
Wer ständig die beste Version seiner selbst anstrebt, wird nie genug haben und auch nie zufrieden mit sich selbst sein. Bevor man das nächste Mal beim Scrollen auf Social Media im Selbsthass ertrinkt, sollte man darüber nachdenken, dass es vollkommen okay ist, einfach nur zu sein. Und vor allem nicht vergessen, vor lauter Selbstoptimierung zu leben.
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Projektes „Media and Me“. Während drei Tagen erhalten Teilnehmer ab 16 Jahren unter anderem Einblicke in die Abläufe der GrenzEcho-Redaktion und erstellen journalistische Texte zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.
![<p>[Media and Me] Who’s „That Girl“? Zwischen Selbstoptimierung und Wahn</p>](https://grzeng.rosselcdn.net/sites/default/files/dpistyles_v2/ena_16_9_extra_big/2025/07/10/node_125875/15102435/public/2025/07/10/B9737524694Z.1_20250710150201_000%2BGGHQU2G76.1-0.jpg?itok=e8ji72-R1752152696)
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