Gemeinsam den Sommeranfang feiern bei der „Fête de la Musique“: Das wünschen sich jedes Jahr Tausende Besucher und Besucherinnen bei dem kostenlosen Musikfestival. Nicht nur in Frankreich hat das Fest langjährige Tradition, auch in Belgien macht es einen wichtigen Teil der Kulturlandschaft aus. Doch in diesem Jahr wurden die Feierlichkeiten überschattet von negativen Schlagzeilen. „Mysteriöse Angriffe: Über 100 Spritzenattacken auf Frauen bei Fête de la Musique“, heißt es beispielsweise in einer Schlagzeile des Deutschlandfunks.
Landesweit haben 145 Frauen in Frankreich Anzeige erstattet, berichtet das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Aus Belgien waren solche Fälle nicht bekannt. Was den Frauen in Frankreich injiziert wurde, ist zunächst unklar und doch sprechen einige Quellen von Drogen oder sogar von HIV-Erregern, denn die Angriffe kamen alles andere als überraschend. Bereits Wochen zuvor hätte es laut einer Recherche der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ Gerüchte in den sozialen Medien gegeben: „Männer hätten sich in Chatgruppen dazu verabredet, in der Festivalnacht junge Frauen mit Spritzen zu attackieren, in denen Drogen seien oder die mit HIV infiziert seien.“ Allerdings waren lediglich Posts mit Warnungen aufzufinden, keine Ankündigungen der Taten. Die „Zeit“ legt nahe, dass auch die jungen Besuchenden des Festivals bereits vor dem Abend über die Gerüchte informiert gewesen sein müssen.
Am Abend selbst klagen die Betroffenen über Symptome wie Schwindel, Übelkeit oder Benommenheit, und es wurden 14 verdächtige Männer festgenommen, doch mittlerweile sind diese wieder auf freiem Fuß, denn von Beweisen fehlt jede Spur. Die französische Polizei berichtet weder von eingesammelten Spritzen noch von bekannten Zeugen. In manchen Fällen haben sich die Einstichwunden sogar als einfacher Mückenstich herausgestellt. Zusätzlich ist dieses Phänomen nichts Neues. Denn bereits 2021 machten ähnliche Vorfälle im britischen Nottingham die Runde, und auch in Belgien ist ein Jahr darauf bereits Ähnliches passiert. Doch auch in diesen Fällen blieben die Beweise aus.
Sind solche Phantomattacken also nur Geschwätz? Auf keinen Fall, denn das Thema Gewalt gegen Frauen ist kompliziert. Nicht nur beim „Needle Spiking“, wie das Phänomen der Spritzenattacken genannt wird, kann man den Vorfall schlecht überprüfen, auch die meisten K.-o.-Tropfen lassen sich nach Expertenangaben maximal sechs bis zwölf Stunden nach Einnahme im Blut oder Urin nachweisen. Selbst bei sexuellen Übergriffen verläuft die Strafverfolgung oft kompliziert, denn es sind nicht nur die physischen Spuren, die ab einer gewissen Zeit unerkennbar werden, sondern auch die Frage nach der Einvernehmlichkeit, die zur Debatte gestellt wird.
Was bleibt, ist ein großes Unsicherheitsgefühl im Alltag und ein oft langanhaltendes psychisches Leiden unter den Betroffenen. Aktuell gibt es bereits Möglichkeiten, Frauen in öffentlichen Räumen zu schützen – durch „Awareness“-Teams, Getränkekontrollen oder Beratungsstellen wie die Frauenliga. Dennoch müssen die Sicherheitsmaßnahmen und die Strafverfolgung, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, noch um einiges besser werden. Aber auch jeder Einzelne ist im Privaten gefragt, denn wer Acht auf die Menschen im eigenen Umfeld gibt und Betroffene ernst nimmt, kann bereits einen Unterschied machen.
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Projektes „Media and Me“. Während drei Tagen erhalten Teilnehmer ab 16 Jahren unter anderem Einblicke in die Abläufe der GrenzEcho-Redaktion und erstellen journalistische Texte zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.

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