„Rechnen werden wir nicht, das wollen wir am Dienstag von der ersten Minute an beweisen. Ein Unentschieden oder ein Sieg wären ein historischer Moment.“
Und das gegen die „Alte Dame“ aus Turin, die nur einen Zähler Vorsprung auf den Landesmeister besitzt. Dabei strotzt Brügge angesichts der furiosen Serie von wettbewerbsübergreifend 18 Spielen ohne Niederlage nur so vor Selbstvertrauen – zumal darunter auf europäischem Boden die Siege gegen Sporting Lissabon (2:1) und Aston Villa (1:0) sowie das 1:1 bei Celtic Glasgow fallen. „Das ist kein Zufall. Ich möchte da die Arbeit der Spieler hervorheben, die das umsetzen, was wir von ihnen fordern. Da können wir uns wirklich nicht beschweren“, freut sich Hayen.
Worte, nach denen wohl jeder Dortmunder lechzt. Eigentlich ist Bologna ja eine Stadt zum Genießen. Die Handwerkskammer hütet in ihrem Palazzo das Originalrezept der „Bruderschaft der Tortellini“, nebenan lehnen sich zwei schiefe Mittelalter-Türme über das wunderschöne historische Zentrum. Nuri Sahin aber ist zum Kämpfen gekommen. Sein Trainerstuhl bei Borussia Dortmund wackelt so bedenklich, dass der nächste Knacks wohl den Zusammenbruch bedeutet.
Die Treueschwüre vor dem Spiel im Stadio Renato Dall'Ara am Dienstag sind dünn wie Nudelbrühe. „Es gilt sehr kurzfristig Bologna und nichts anderes“, sagte Sport-Geschäftsführer Lars Ricken, dabei schwang überaus deutlich das Wort Endspiel mit. Er sprach „von der klaren Erwartungshaltung, dass wir Siege und Erfolgserlebnisse brauchen“. Und zwar jetzt.
Die BVB-Führung war und ist sich sicher: Sie haben den Richtigen, die tiefe Krise samt Absturz auf den zehnten Tabellenplatz der Bundesliga liegt mehr an der Mannschaft als am Trainer. Doch auch wenn Sahin schwört, er werde „bis zum letzten Tag“ für die Wende arbeiten, auch wenn er den freien Sonntag strich und am Montag zum Training vor dem Abflug bat – eine weitere Niederlage, dann müssen Ricken, Hans-Joachim Watzke und Sebastian Kehl wohl handeln. Erik ten Hag wurde bereits als potenzieller Nachfolger genannt, nach Informationen der Ruhr Nachrichten hat der BVB aber kein Interesse an dem Niederländer. Mit Roger Schmidt habe es dagegen bereits Kontakt gegeben.
Sahin versteht das. „Ich weiß, wie das Geschäft läuft“, hat er nach der Niederlage bei Eintracht Frankfurt gesagt. Die ungeschriebenen Gesetze sehen nun mal vor, dass der Trainer seinen Kopf hinhalten muss – sei es für schwache Leistungen auf dem Platz oder an anderer Stelle.
„Wir gewinnen die Spiele nicht“, sagte Kapitän Emre Can in einer perfekten Kurzanalyse, „eine Top-Mannschaft macht das aber.“ Umkehrschluss: Der BVB ist keine. Er hat keinerlei Momentum, Stabilität ist nicht vorhanden, die Form etlicher Leistungsträger abgestürzt. Vielleicht bietet sich für die Mannschaft ein kleines Stoßgebet an: Die ewig unfertige Basilika San Petronio an der Piazza Maggiore ist die größte Backsteinkirche der Welt.
Die Champions League war für die Dortmunder bis zur Heimniederlage gegen den FC Barcelona (2:3) ein recht gemütliches Wohnzimmer. Mit Siegen in Bologna und gegen Donezk am 29. Januar kann der BVB als derzeitiger Neunter ohne den Umweg Play-offs ins Achtelfinale einziehen. Der Debütant Bologna liegt sieglos auf dem 33. Platz und steckt national ebenfalls im Tief.
Die vergangenen Wochen allerdings haben gezeigt, dass der Gegner fast egal ist: Besiegt der BVB sich selbst, gewinnt er auch seine Spiele. Steckt er sich selbst einen Stock in die Speichen, fällt er vom Rad. Wieder und immer wieder. Bis die Vereinsspitze handeln muss. (belga/sid/tf)

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