Seit 1947 bewertet das von Albert Einstein, Robert Oppenheimer und anderen Physikern gegründete „Bulletin of the Atomic Scientists“ (BAS) jährlich die Gefährdungslage der Menschheit. Die hoch angesehene Forschergruppe drückt die Bedrohung als Zeigerstand auf der „Weltuntergangs-Uhr“ aus. Zum Ende des Kalten Krieges stand die Uhr auf 17 Minuten vor der vollen Stunde – das war im Jahr 1991.
Inzwischen steht die „Doomsday Clock“ bei 90 Sekunden vor Mitternacht – und damit näher als je zuvor. Ende Januar 2025 wird es ein Update geben. Sicher scheint, dass der Zeiger der berühmten Uhr nochmals weiter vorrücken wird. Grund dafür ist der Ukraine-Krieg. Dieser hat das Potenzial, die Welt in Brand zu setzen und unser aller Leben zu zerstören. Das klingt erst einmal nach Alarmismus in Reinform. Doch wer sich mit dem Thema tiefgreifend befasst, kommt zwangsläufig zu der Schlussfolgerung, dass die Gefahr eines Atomkrieges weder unterschätzt noch bagatellisiert werden sollte. Blickt man auf den Krieg in der Ukraine, so ist ein hoher Blutzoll zu beklagen: Unabhängigen Schätzungen zufolge wurde eine Million Menschen getötet oder verletzt. Das sinnlose Sterben scheint kein Ende zu finden. Kein Kriegsakteur hat seine Ziele bisher erreicht. Keine Frage: Die Ukrainer sind die Opfer in diesem Krieg – sie verdienen unsere Unterstützung und Solidarität.
Russlands Präsident Wladimir Putin gehört vor den Internationalen Strafgerichtshof.
Russland hat das Land überfallen. Russlands Präsident Wladimir Putin gehört vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Wie kommt es nun zu der weit verbreiteten Einschätzung, dass ein Atomkrieg keine wirklich reale Gefahr sei? Verbreitet in den Köpfen der meisten Entscheidungsträger wie auch vieler Journalisten ist die Vorstellung, dass niemand bewusst einen Atomkrieg auslösen wird. Alle Akteure seien ausreichend rational. Es gelte schließlich der Grundsatz der atomaren Zweitschlagfähigkeit. Heißt: Wer zuerst mit Atombomben angreift, wird als Zweiter sterben – denn bei einem Erstangriff werden wegen einer Vielzahl der Atombomben nicht alle Kernwaffen des Gegners ausgeschaltet werden können. Der Gegner wird also atomar antworten. So steht es in (älteren) Lehrbüchern. Die Geschichte scheint das zu bestätigen, schließlich hat der Dritte Weltkrieg bisher nicht stattgefunden. Und tatsächlich will niemand einen Atomkrieg. Niemand dürfte bewusst den roten Knopf drücken.
Doch in Wirklichkeit laufen die Dinge anders, wie die Erfahrungen aus der Geschichte in den letzten Jahrzehnten zeigen. Die Idee, dass die atomare Zweitschlagfähigkeit den Dritten Weltkrieg verhindert hat, ist mehrfach von inzwischen sehr gut dokumentierten Ereignissen widerlegt worden. Oft hing es an Entscheidungen von Einzelpersonen – und manchmal am Zufall. Hier reicht nicht der Platz, das auszuführen. Wer sich aber mit dem Thema befassen möchte, sollte beispielsweise Recherchen zu Nuclear Close Calls, Stanislaw Petrow, Leonard Perroots und Wassili Alexandrowitsch Archipow anstellen.
Die Entscheidungsgewalt über den Atomwaffeneinsatz liegt zwar formal bei Präsidenten und militärischen Oberbefehlshabern, aber de facto entscheiden nicht die allerhöchsten militärische Ränge, ob die Befehlskette zum Atomkrieg in Gang kommt oder nicht. Die militärischen Reaktionszeiten sind kurz.
Große Teile der weltweiten Atomarsenale sind in wenigen Minuten abschussbereit, als Reaktion auf Computerwarnungen über einen Atomangriff. Dieses Vorgehen wird unterschiedlich bezeichnet, als „Atomwaffen in hoher Alarmbereitschaft“, „Abschuss nach Warnung“ oder „Hair-Trigger Alert“ (zum sofortigen Abschuss bereit). US-Präsident Ronald Reagan war in den 1980er Jahren entsetzt über den Zeitdruck. Er sagte, er habe sechs Minuten, um im Notfall über einen Atomwaffeneinsatz zu entscheiden.
US-Präsident George W. Bush beschwerte sich ebenfalls lauthals über den extremen Stress. Er, Bush, könne – man verzeihe die derbe Sprache, aber es handelt sich um ein Originalzitat – nicht einmal rechtzeitig „vom Scheißhaus“ kommen, um einen „Abschuss nach Warnung“ zu genehmigen. Russland hält nicht nur Atomwaffen im „Hair-Trigger Alert“, sondern hat sogar ein System mit dem Codenamen „Perimeter“ gebaut (umgangssprachlich bekannt als die „Tote Hand“). Dieses geht bei einem atomaren Überraschungsangriff auf Moskau von einem Enthauptungsschlag durch die USA aus und reagiert, indem es automatisch einen Vergeltungsschlag startet.
Bei einem massiven gegnerischen Atomangriff ist die Verteidigung in Europa nur unzureichend.
Wer auf Abwehrraketen hofft, tut dies weitgehend vergeblich. Bei einem massiven gegnerischen Atomangriff ist die Verteidigung in Europa nur unzureichend. In Situationen mit starken Spannungen zwischen Großmächten steigt das Risiko von Missverständnissen. Handlungen des Gegners können falsch interpretiert werden. Damit droht ein Atomkrieg aus Versehen – hier liegt heute die eigentliche Gefahr. In dieser Situation ist Deeskalation das Gebot der Stunde. Genau das geschah in den letzten beiden Monaten des Jahres jedoch nicht. Stattdessen gossen alle Seiten weiter Öl ins Feuer. Die Ukraine hatte die NATO schon lange darum gebeten, Raketen mit höherer Reichweite auch auf weiter entfernte Ziele in Russland richten zu können. Aus der Sicht der angegriffenen Ukraine ist die Anfrage verständlich, schließlich kann sie sich so besser verteidigen. Die USA hatten sich lange dagegen gesträubt. US-Präsident Joe Biden hatte immer wieder betont, dass ein solcher Schritt das Risiko eines Dritten Weltkrieges drastisch erhöhe.
Die Kehrtwende des greisen Staatschefs, Angriffe auf Russland nun doch mit von den USA gelieferten ATACMS-Raketen zu genehmigen, hat eine neue Eskalationsstufe gezündet. Inzwischen haben auch Großbritannien und Frankreich nachgezogen und die Benutzung ihrer Waffen vom Typ Storm Shadow bzw. Scalp genehmigt. Damit hat sich das Risiko für Europa, zum Schlachtfeld in diesem Krieg zu werden, deutlich erhöht. Zu verstehen gilt es, dass die genannten NATO-Staaten der Ukraine nicht nur umfassende Satellitendaten liefern, sondern dass diese auch die Waffen programmieren müssen. Damit werden diese zu aktiven Akteuren in diesem Krieg.
Zweifellos trägt Russland ebenso maßgeblich zu der riskanten Gemengelage bei – mit seinen verstärkten grausamen Angriffen in der Ukraine, mit seiner Umstellung auf Kriegswirtschaft sowie mit einer neuen Nuklearstrategie, die die Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen erheblich abgesenkt hat.
June Jordan: „Wir sind diejenigen, auf die
wir gewartet haben.“
Wenn es brennt, gilt es das Feuer nicht weiter zu nähren, sondern es zu löschen. Die belgische sowie auch andere europäische Regierungen haben sich Schritt für Schritt auf einen ungesicherten Pfad begeben. Niemand weiß, wo dieser Pfad am Ende hinführt. Immer weiter ins Risiko zu gehen und darauf zu wetten, dass die russische Seite nur blufft oder dass die Dinge schon irgendwie gutgehen, ist eine höchst fragwürdige Strategie. Geht die Wette nämlich schief, ist alles verloren – der Wetteinsatz ist schließlich die Welt. Wenn der Zug in die falsche Richtung fährt, bringt es nicht viel, langsamer zu fahren. Er fährt ja dann immer noch in die falsche Richtung. Es gilt, anzuhalten, auszusteigen und in die andere Richtung zu gehen. Es kommt 2025 darauf an, hilfreiche Maßnahmen, die einer Katastrophe entgegenwirken können, wieder aus der völligen Versenkung hervorzuholen: Risikominimierung durch Diplomatie, vertrauensbildende Maßnahmen zwischen den Konfliktparteien, Abrüstung sowie neue Rüstungskontrollverträge.
Notwendig ist aber auch eine Zivilgesellschaft, die aus ihrem Tiefschlaf erwacht und Druck von unten auf die Regierenden ausübt, um die Lage zu deeskalieren. Demokratie ist kein Zuschauersport. Jeder, der kann, sollte sich für den Frieden einsetzen, sei es beispielsweise durch Teilnahme an Demonstrationen, durch schriftliche Eingaben an Abgeordnete oder Regierungsstellen sowie durch Teilnahme an Aktionen passiven Widerstands. Wie sagte doch die US-amerikanische Feministin June Jordan? „Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben.“ Recht hatte die Frau.
*Dr. Norbert Nicoll befasst sich mit Medien-, Wirtschafts- und Außenpolitik. Der gebürtige Ketteniser ist Autor verschiedener Sachbücher und hat u.a. einen ständigen Lehrauftrag an der Uni Duisburg-Essen. Mehr Infos zu der Thematik gibt es unter: www.atomkrieg-aus-versehen.de

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