„Es muss eine Zeile sein oder ein Bild, ein Wort, das durch den Kopf geht“, beschrieb er der Deutschen Presse-Agentur. „Und dieser Satz will fortgesetzt werden. Ich muss ihn entdecken, ich muss ihn freilegen. Meine Gedichte sind sehr durch Assoziationen bestimmt, deshalb sind sie so unruhig. Das Hin- und Herspringen, so wie es im Kopf ja auch geht. Im Grunde ist es ein Bewusstseinsvorgang, den man nachzeichnet.“ Nun ist Becker mit 92 Jahren gestorben.
Es ist diese Bewusstseinsarchäologie, die Beckers Werk wesentlich ausmacht. Die nahezu einhellige Zustimmung der Rezensenten war ihm gewiss, seit er sich 1964 mit seinem ersten Prosaband „Felder“ als Verfasser von experimenteller Literatur einen Namen gemacht hatte. Entscheidend wirkte sich die deutsche Einheit auf sein Schaffen aus: Bereits vor dem Mauerfall hatte er 1988 im „Gedicht von der wiedervereinigten Landschaft“ an Thüringen erinnert, wo er Teile seiner Kindheit und Jugend verbracht hatte. Es folgten 1993 sein Gedichtband „Foxtrott im Erfurter Stadion“ und 1999 der Roman „Aus der Geschichte der Trennungen“. 2012 erschien Beckers „Scheunen im Gelände. Gedichte mit Collagen von Rango Bohne“. Mit der 2021 gestorbenen Malerin Rango Bohne war er seit 1965 verheiratet. Seiner ersten Ehe entstammt der Fotograf Boris Becker.
Im Laufe seines langen Lebens hat Becker fast jeden Preis erhalten, der einem deutschen Dichter zufallen kann. Dazu gehörten unter anderem der Heinrich-Böll-Preis, der Uwe-Johnson-Preis, der Schiller-Ring und der Günter-Eich-Preis. Die höchste Ehrung kam 2014 mit dem Georg-Büchner-Preis, dem bedeutendsten deutschen Literaturpreis. „Je älter man wird“, stellte Becker fest, „desto näher kommt die Kindheit“. Es war sein Ehrgeiz, so weit wie möglich in die Tiefen der Erinnerung vorzudringen.
Die ältesten Bilder, die er dabei zutage fördern konnte, zeigten das Haus seiner Großeltern am Stadtrand von Köln. Auch seine Eltern wohnten in diesem Haus, zu dem ein riesiger Garten gehörte. Den sah er noch vor sich. Aber dann war da irgendwo eine Grenze, die er nicht überwinden konnte. Er besaß ein altes Foto, auf dem seine Großmutter ihm, als er ein kleiner Junge war, wiederum ein noch viel älteres Foto hinhielt: „Ich werde nie im Leben herausfinden, welches Foto sie mir da gezeigt hat, was sie mir dazu erzählt hat, was ich vielleicht gefragt habe. Das bleibt eine stumme Zone, an die ich nicht mehr herankomme. Und das quält mich manchmal.“ Beckers Heimat war die Kölner Bucht, nach der er auch einen Gedichtband benannt hat.
Viele Leser hielten das für einen Kunstgriff, doch die Bucht gibt es wirklich, sie liegt nicht am Meer, sondern in der Niederrheinischen Tiefebene, eingeschlossen von Eifel, Siebengebirge und Bergischem Land. „Sie ist grausam, aber ich finde sie dann doch wieder spannend“, erzählte Becker. „Diese Collage aus allen möglichen Elementen. Reste von Natur, gerade im Linksrheinischen diese riesigen Rübenfelder mit den Hochspannungsmasten, Pappeln. Die Kraftwerke mit ihren ewigen Wolken. Es hat so seine bizarre Schönheit.“
In Odenthal im Bergischen Land hatte Becker einen Rückzugsort, der oft auch in seinen Gedichten auftaucht. Ein kleines altes Fachwerk-Gehöft mit weitläufigem Obstgarten. Die Arbeit in der Landschaft war lange ein Ausgleich für ihn. „Zurück auf dem Land“ - mit diesen Worten beginnt auch eines seiner letzten Bücher, „Graugänse über Toronto“. Becker hat nie vom Dichten leben können, er hatte immer auch einen „Brotberuf“. Fast 20 Jahre lang, von 1974 bis 1993, leitete er die Hörspielabteilung des Deutschlandfunks. „Öffentlichkeit, Rundfunk, Massenmedium“, zählte er 2017 in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur auf. „Und andererseits die stille Arbeit an einem Gedicht: Das waren die beiden Seiten meiner literarischen Existenz.“ Der Schriftsteller ist im Kreis seiner Familie gestorben. Sein Sohn, der Fotograf Boris Becker, sagte der Deutschen Presse-Agentur, sein Vater sei am 7. November „friedlich zu Hause in meinem Beisein eingeschlafen“. (dpa/sc)

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