Remco Evenepoel vor Tour-Premiere: „Top 5 und Etappensieg als Ziel“

<p>Remco Evenepoel vor Tour-Premiere: „Top 5 und Etappensieg als Ziel“</p>
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Welchen Platz wird Remco Evenepoel bei seiner allerersten Tourteilnahme erreichen? Ganz Belgien hofft darauf, dass er – falls er nicht gewinnt – zumindest unter die ersten drei kommt. Evenepoel selbst bleibt auffallend vorsichtig. „Lasst mich erst einmal lernen, wie man eine solche Tour fährt. Es ist mein erstes Auftreten dort, aber ich habe Ambitionen. Ich will eine Etappe gewinnen und im Gesamtklassement unter die ersten fünf kommen. Wenn ich eine Etappe gewinne, gehöre ich zu den Fahrern, die in jeder großen Rundfahrt einen Sieg errungen haben. Das finde ich großartig.“


Remco Evenepoel, wie steht es um Ihre Gesundheit? Am Sonntag sagten Sie Ihre Teilnahme an der belgischen Meisterschaft ab.


Mir geht es wieder gut, ich hatte eine leichte Erkältung. Während des Trainingslagers in Isola 2000 war das Wetter nicht besonders gut. Es war kalt, wir hatten zeitweise Regen. Daher hatte ich eine verstopfte Nase und einen geschwollenen Hals. Um nicht kränker zu werden, blieb ich vorsichtshalber der Meisterschaft fern. Das war bitter, denn ich hätte meinen Titel gerne verteidigt. Ich fühlte mich jedoch während des gesamten Trainingslagers nicht ganz fit. Ich konnte zwar gut trainieren, schleppte aber buchstäblich etwas mit mir herum. Wie so oft in dieser Jahreszeit hatte ich zudem Probleme mit meiner Allergie.


Wie verlief das Trainingslager?


Es war ein ideales Höhentrainingslager. Man muss dort in Frankreich nach jedem Training immer wieder den letzten Anstieg zu seinem Hotel hinauf. Ich fühlte mich von Tag zu Tag besser – daher weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.


Wo haben Sie die Schwerpunkte gesetzt?


Ich habe viele Kilometer für die Fettverbrennung zurückgelegt. Zwischendurch habe ich speziell auf Intensität trainiert und viele intensive Trainingsblöcke gemacht. Ich hoffe, dass mir das erlaubt, in Frankreich mit den Besten zu konkurrieren. Es bleibt abzuwarten, ob das gelingt. Ich habe jedenfalls mein Bestes getan, um bereit zu sein.

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Sie haben jedenfalls anderthalb Kilo verloren...


Das macht einen Kraftunterschied von 10 bis 15 Watt. Bei einem Anstieg bedeutet das, dass man etwa 20 bis 30 Sekunden schneller fährt. Das hat mir zuletzt beim Dauphiné während der Anstiege gefehlt. Für mich war das die Bestätigung von Problemen, die ich bereits in einem Trainingslager in der Sierra Nevada bemerkt habe. Ich hatte definitiv nicht die Kondition, jeden Tag über meine Grenzen hinauszugehen.


Das gute Zeitfahren beim Dauphiné verschaffte Ihnen das Gelbe Trikot.


Darüber war ich sehr glücklich. Ich wollte schon bei Paris-Nizza im Gelben Trikot fahren, aber das hat nicht geklappt. Jetzt ist es gelungen. Ich schätze diesen Sieg im Zeitfahren generell hoch ein: Er wäre nicht möglich, wenn man nicht in guter Form ist. Zudem hatte ich noch nicht viel auf meinem Zeitfahrrad trainiert und konnte trotzdem die beste Zeit erzielen. Das gibt Mut.


Sie haben das Trikot jedoch schnell wieder verloren.


Weil ich noch nicht all-in gehen konnte. Dafür war ich nicht bereit. Es ist nicht so, dass ich von allen Seiten überholt wurde. Okay, ich musste abreißen lassen, aber nicht in dem Maße, dass ich viele Minuten verlor. Sonst wäre ich nicht Siebter in der Gesamtwertung geworden. Ich hatte definitiv noch nicht die Beine, um um den Gesamtsieg mitzufahren.


Sie sind ein großartiges Zeitfahren in den Beinen, sind Weltmeister in dieser Disziplin, das ist eine unglaubliche Waffe.


Ich kann damit vielleicht eine einwöchige Rundfahrt dominieren, aber die Tour lässt sich so nicht gewinnen. Ich kann damit vielleicht eine Grundlage schaffen, aber den eigentlichen Erfolg erzielt man nur in den Bergen. Das war noch das Problem beim Dauphiné. Ich war bereit für ein gutes Zeitfahren, aber noch nicht für drei Tage hintereinander in den Bergen. Mein Trainingslager kurz vorher war in diesem Zusammenhang unzureichend. Vergessen Sie nicht, dass ich nach meinem Sturz drei Wochen lang nicht fahren konnte.


Wie blicken Sie auf Ihren Sturz im Baskenland zurück?


Plötzlich gab es Unebenheiten und Schlaglöcher. Ich nahm die Kurve kurz davor etwas zu weit, fuhr schnell und verlor dann die Kontrolle. Eigentlich hätten sie dort einen Streckenposten aufstellen sollen. Ich flog über einen Graben. Zum Glück landete ich auf dem Rücken und rutschte weiter, sonst wären die Folgen viel schlimmer gewesen.


In dieser Saison gab es viele Stürze: Wout van Aert, Jonas Vingegaard und, Primoz Roglic mussten schwere Verletzungen hinnehmen. Muss der Sport nicht sicherer gemacht werden?


Natürlich, aber die Frage ist wie. Das geht nicht über Airbags oder spezielle Radkleidung. Man könnte vielleicht eine maximale Übersetzung vorschreiben. Aktuell kann man sogar noch bei 80 km/h voll in die Pedale treten. Auf der anderen Seite lässt sich die technische Entwicklung unseres Sports nicht ignorieren. Die Räder sind einfach schneller als vor fünf Jahren.


Kommen wir zur Tour. Sie haben schon viele Etappen erkundet.


Fast die Hälfte (lacht). Die Alpenetappen fast alle, auch die italienischen Auftaktetappen. Die sind sehr schwer, liegen mir aber. In meinen Augen werden die letzten fünf Tage über Sieg oder Niederlage entscheiden. Die letzte Woche, in der es unter anderem zum Galibier geht, wird superhart. Es wird darauf ankommen, dann noch fit zu sein. Deshalb finde ich es nicht schlimm, dass ich am Samstag beim Start noch nicht bei 100 Prozent bin. Ich werde mich dann noch steigern können, um erst in der letzten Woche in Bestform zu sein. Das ist der Plan.


Was halten Sie von den ersten Etappen in Italien?


Die werden sehr viel Stress im Feld verursachen. Es sind sehr schwierige, anspruchsvolle Etappen mit vielen Höhenmetern. Die ersten Tage liegen mir, es wird für alle Spitzenfahrer schwer werden. Die Finalen sind schwierig. Ich sehe uns zweimal mit 30 Fahrern ins Ziel kommen. Jeder möchte und wird mitfahren. Druck ist von Anfang an da.


Sie gehören in den ersten Etappen zu den Favoriten. Dann ist auch das Gelbe Trikot möglich.


Wir werden sehen. Ich werde auf jeden Fall fokussiert sein.


Zuletzt haben Sie auch die beiden Zeitfahren erkundet.


Ja, das der siebten Etappe sogar schon zweimal. Ich weiß bereits genau, welche Gänge ich treten werde und worauf ich mich einlasse. Wenn ich in den sechs Tagen davor im Gesamtklassement vorne bleibe, kann ich eventuell einen Angriff auf das Gelbe Trikot starten. Das Zeitfahren in Nizza kenne ich auch. Es beginnt flach, dann geht es auf den Turbie und dann über den Col d’Eze. Wenn ich dann einen super Tag habe, kann ich noch etwas gutmachen. Aber das gilt für alle Spitzenfahrer.


À propos Spitzenfahrer: Sie treten auch gegen Tadej Pogacar an.


Ehrlich gesagt, stehen sowohl Pogacar als auch Vingegaard und Roglic noch eine Stufe höher als ich. Ich möchte irgendwann die Tour gewinnen, aber jetzt ist das gegen diese Konkurrenz noch zu hoch gegriffen. Ich habe Tadej beim Giro gesehen. Er war locker ein Viertel besser als der Rest. Aber auch er muss in dieser Tour eine sehr gute letzte Woche fahren. Er kann sich dabei auch auf das stärkste Team von allen stützen, aber vielleicht haben sie zu viele Spitzenfahrer.


Wie blicken Sie auf Vingegaard und Roglic?


Ich bin froh, dass Jonas dabei ist. Ich fahre lieber mit ihm als ohne ihn. Ich bezweifle, dass Pogacar zu schlagen ist. Und Roglic versucht seit Jahren, die Tour zu gewinnen. Er wird erneut einen Angriff starten. Die Konkurrenz ist sehr stark. Vergessen Sie auch Jorgensen nicht. Meine Ambition ist realistisch: ein Etappensieg und hoffentlich ein Top-5-Platz. Ich bin einfach froh, dabei zu sein. Ich war damals ein Fan von Alberto Contador. Für ihn habe ich während der Tour vor dem Fernseher gesessen.

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