Anlass dafür ist ein Leserbrief von Rieke Gillessen aus Rocherath (siehe GrenzEcho-Ausgabe vom 3. Mai, Seite 2) und die Antwort darauf der beiden ProDG-Abgeordneten Liesa Scholzen und Lisa Göbbels (siehe GrenzEcho-Ausgabe vom 8. Mai, Seite 2), in denen die Rolle der selbstständigen Tagesmütter thematisiert wurde. Rieke Gillessen hatte geschrieben, Eltern fühlten sich gegenüber den Familien, die einen Betreuungsplatz beim ZKB bekommen haben, diskriminiert. Liesa Scholzen und Lisa Göbbels hatten in ihrer Antwort u.a. darauf verwiesen, dass die Regierung in dieser Legislatur auch Maßnahmen zur Stärkung der selbstständigen Tagesmütter ergriffen habe.
Der Dachverband fordert eine umfassendere Reform, die alle Eltern gleichermaßen berücksichtigt. „Die Antwort auf den Leserbrief von Frau Gillessen (von Liesa Scholzen und Lisa Göbbels, A.d.R.) zu den Herausforderungen in der Kinderbetreuung greift zwar einige wichtige Punkte auf, lässt jedoch wesentliche Kritikpunkte unbeantwortet und verdeckt dadurch die bestehenden Ungerechtigkeiten im System”, schreibt der Dachverband.
Die beiden Abgeordneten betonten die Unterstützung für selbstständige Tagesmütter seit 2021, „was zweifellos ein positiver und notwendiger Schritt war“. Jedoch bleibe in der Stellungnahme die „grundsätzliche Ungleichbehandlung der Eltern unbeantwortet“: „Eltern, die ihre Kinder bei einer selbstständigen Tagesmutter betreuen lassen, zahlen deutlich mehr als diejenigen, die zum Beispiel eine Einrichtung des ZKB nutzen. Die neue Tariftabelle der öffentlichen Einrichtungen (subsidierte Einrichtungen der DG) hat diese Ungleichbehandlung noch einmal verschärft. Die Elterntarife wurden zwar tatsächlich wie angekündigt angehoben, die Tarifgruppen aber ebenfalls. Und genau das hat in keinem Fall zu einer Angleichung an die Tarife der Selbstständigen geführt“, so der Dachverband.
Ein Beispiel: Ein Elternpaar mit einem Jahres-Einkommen zwischen 60.000 und 70.000 Euro zahlt nach der neuen Tarifliste neun Euro für eine Kinderbetreuung von fünf Stunden täglich. Das macht 180 Euro pro Monat.
Bei einer Selbstständigen würde das Elternpaar mit den gleichen Voraussetzungen mindestens 600 Euro pro Monat bezahlen, was eine Differenz von 420 Euro ausmacht, rechnet der Dachverband vor. „Eine wirkliche Reform der Kinderbetreuung wäre in unseren Augen eine Reform, die alle Eltern gleichbehandelt“, schreibt der Dachverband.
Die beiden Abgeordneten erwähnten auch die individuelle Regelung der Betreuungsverträge als Merkmal der Selbstständigkeit. „Dennoch bleibt die Frage der Krankheitsregelungen offen. Während die Einrichtungen und Mitarbeiter des ZKB keine Gebühren für Krankheitstage erheben, müssen Eltern bei selbstständigen Tagesmüttern oft weiterhin trotz Abwesenheit des Kindes zahlen, da diese den Einkommensverlust wirtschaftlich nicht kompensieren können. Diese Ungleichheit belastet die betroffenen Familien zusätzlich und schafft eine unfaire Behandlung innerhalb des Betreuungssystems.“
Und auch wenn die finanzielle Unterstützung für einkommensschwächere Familien begrüßenswert sei, stelle sich die Frage, warum nicht alle Familien von ähnlichen Unterstützungsmaßnahmen profitieren könnten. „Ein gerechtes System sollte doch sicherstellen, dass alle Familien, unabhängig von ihrem Einkommen, Zugang zu qualitativ hochwertiger und bezahlbarer Kinderbetreuung haben.“
Das Ziel, vielfältige Betreuungsangebote zu schaffen und auszubauen, sei lobenswert „und da waren die Selbstständigen Motor dieser Entwicklung in Ostbelgien. Allerdings ist es ebenso wichtig, dass diese Angebote nicht nur vielfältig, sondern auch fair und zugänglich für alle Familien sind. Die derzeitige Regelung benachteiligt jene, die auf selbstständige Tagesmütter angewiesen sind, und schafft dadurch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Kinderbetreuung.“ Der Dachverband stellt zusammenfassend fest, dass eine wirkliche Reform der Kinderbetreuung nur dann erreicht würde, wenn alle Eltern unabhängig von ihrer Wahl der Betreuungsform gleich behandelt würden. „Das ist derzeitig aber (noch) nicht der Fall“, schreibt der Dachverband in seiner Stellungnahme.
Qualität, nicht Quantität der gemeinsamen Zeit wichtig für die Eltern-Kind-Beziehung
Der DSKB äußert sich übrigens auch zu einem Kommentar unter dem auf der Webseite des GrenzEcho erschienenen Leserbriefs von Rieke Gillessen, in dem es hieß: „Echte Eltern betreuen ihre Kinder selbst.“ Dazu schreibt der Verband in seiner Stellungnahme: „Diese stark vereinfachte und veraltete Vorstellung von Elternschaft und Familienleben können wir nicht unterstützen. Es wird suggeriert, dass die einzige ‚echte‘ Art der Elternschaft darin besteht, dass Eltern ihre Kinder persönlich betreuen und zu Hause bleiben. Diese Aussage ignoriert jedoch die Vielfalt der Lebensumstände und die unterschiedlichen Bedürfnisse von Familien“, schreibt der Dachverband.
Die Qualität der gemeinsamen Zeit sei wichtig für die Eltern-Kind-Beziehung. Nicht die Menge. „Viele Eltern entscheiden sich aus verschiedenen Gründen dafür, außerhalb des Hauses zu arbeiten, sei es aus finanziellen Gründen, beruflichen Ambitionen oder persönlicher Erfüllung. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie keine ‚echten‘ Eltern sind oder ihre Kinder weniger lieben oder unterstützen. Elternschaft ist vielschichtig und individuell, und es gibt keine universell ‚richtige‘ oder ‚falsche‘ Art, Eltern zu sein. Es ist wichtig, Elternschaft in all ihren Formen zu respektieren und zu unterstützen, um den Bedürfnissen von Familien gerecht zu werden.“
HINTERGRUND
Dachverband der selbständigen Kinderbetreuer in Heimarbeit (DSKB)
In der DG gibt es etwa 35 selbständige Kinderbetreuer, die insgesamt ungefähr 400 Kinder betreuen. Der Dachverband der selbständigen Kinderbetreuer in Heimarbeit (DSKB) wurde 2022 gegründet und hat etwa 30 Mitglieder. Der Verband möchte den selbständigen Kinderbetreuern in Heimarbeit eine gesellschaftliche und politische Bedeutung verschaffen und die Interessen der selbständigen Kinderbetreuer aktiv gegenüber politischen Entscheidungsträgern, Behörden und anderen relevanten Institutionen vertreten. Dazu gehören: Lobbyarbeit, Teilnahme an öffentlichen Anhörungen, Erstellung von Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben u.ä.
„Unser Ziel ist, ein starkes Netzwerk aufzubauen, das aus anderen Verbänden, Organisationen, Experten, Medien und anderen relevanten Akteuren besteht. Ein breites Netzwerk kann uns dabei helfen, Unterstützung zu gewinnen, Informationen auszutauschen und gemeinsame Interessen zu fördern“, schreibt der Dachverband. „Wir möchten die Sichtbarkeit des Verbands durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit steigern. (…) Wir möchten die Öffentlichkeit über die Bedeutung der selbständigen Kinderbetreuung in Heimarbeit und die Herausforderungen, mit denen die Betreuer konfrontiert sind, informieren. Ferner aber auch unsere Mitglieder über ihre Rechte, Pflichten und über die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Kinderbetreuung auf dem Laufenden halten”, heißt es. „Durch Kooperationen möchten wir gemeinsame Anliegen stärker in den politischen Diskurs einbringen. Dazu wünschen wir uns eine Zusammenarbeit mit Organisationen und Interessengruppen, die ähnliche Ziele verfolgen oder sich für ähnliche Themen einsetzen. Es ist wichtig, langfristig an den gesteckten Zielen festzuhalten und sich auch in schwierigen Zeiten für die Belange der selbständigen Kinderbetreuer einzusetzen“, so der DSKB. (sc)

Kommentare
Der Dachverband der selbständigen Kinderbetreuer (DSKB) beklagt lautstark die "grundsätzliche Ungleichbehandlung der Eltern", meint aber damit den Umstand, dass die einen mehr als die anderen bei der Auslagerung der Betreuung von der DG unterstützt werden. Dass die Eltern, die sich selber Zeit für ihre Kleinkinder nehmen und nicht in fremde Obhut geben, null Unterstützung erhalten, scheint der DSKB nicht als "grundsätzliche Ungleichbehandlung" zu betrachten.
Insofern kann man die Forderung des DSKB, wonach es "wichtig sei die Elternschaft in ALL ihren Formen zu respektieren und zu unterstützen" getrost als leeres Lippenbekenntnis abtun und ihre Behauptung, dass "die Qualität und nicht die Menge der gemeinsamen Zeit für die Eltern-Kind-Beziehung wichtig sei" im Ordner "Werbesprüche für unsere Klientel" abheften.
Grob zusammengefasst kann man sagen, dass die Industrialisierung den Kindern die Väter und die Emanzipation der Frauen den Kindern die Mütter genommen hat. Es ist Zeit, dass die Gesellschaft darüber nachdenkt, wie den Kindern ihre Eltern zurückgegeben werden können. Ein bedingungsloses Elterngeld ist ein erster Schritt in diese Richtung.
Gerhard Schmitz, Liste24.dg
Sehr geehrter Herr Schmitz,
vielen Dank für Ihren Kommentar und die Anregungen, die Sie darin äußern. Es freut uns, dass Sie sich so intensiv mit dem Thema der Kinderbetreuung und der Unterstützung von Eltern auseinandersetzen.
Sie haben völlig recht, dass es eine Vielzahl von Ansätzen gibt, wie Eltern unterstützt werden können, unabhängig davon, ob sie ihre Kinder selbst betreuen oder eine externe Betreuung in Anspruch nehmen. Unsere Hauptanliegen als Dachverband der selbständigen Kinderbetreuer (DSKB) sind es, die Bedürfnisse und Herausforderungen der Eltern, die auf eine externe Betreuung angewiesen sind, hervorzuheben und Lösungen für die Ungleichbehandlung in diesem Bereich zu finden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir die wichtige Arbeit und die Bedürfnisse der Eltern, die sich selbst um ihre Kinder kümmern, ignorieren.
Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass eine umfassende Unterstützung aller Eltern von großer Bedeutung ist, und setzen uns dafür ein, dass die Elternschaft in all ihren Formen respektiert und gefördert wird. Dazu gehört auch, dass Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen, entsprechende Anerkennung und Unterstützung erhalten. Ihre Anregung bezüglich eines bedingungslosen Elterngeldes ist ein interessanter Ansatz, der in die Diskussion einfließen sollte.
Die Aussage, dass "die Qualität und nicht die Menge der gemeinsamen Zeit für die Eltern-Kind-Beziehung wichtig sei", ist für uns eine Grundlage, auf der wir aufbauen möchten, um sowohl die Qualität der externen Betreuung als auch die Qualität der Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen, zu verbessern.
Wir hoffen, dass unser Engagement in diesem Bereich dazu beiträgt, die Bedingungen für alle Eltern zu verbessern und freuen uns auf weitere konstruktive Diskussionen und Anregungen zu diesem wichtigen Thema.
Dachverband der selbständigen Kinderbetreuer (DSKB)
Ein Satz aus der Reaktion vom Spitzenkandidaten der Einmannliste dg24:
„Grob zusammengefasst kann man sagen, dass die Industrialisierung den Kindern die Väter und die Emanzipation der Frauen den Kindern die Mütter genommen hat.“
Das ist grob zusammengefasst Unsinn. Auch vor der Industrialisierung gab es keine Idylle Vater-Mutter-Kinder.
In der gehobenen Gesellschaftsschicht kamen die Kinder zu Ammen, Erzieherinnen und Gouvernanten, wurden sogar zu Ammenmüttern aufs Land gegen Entgelt weggegeben.
In den meist kinderreichen armen Bauernfamilien mussten die Kinder schon früh mitarbeiten, etwa beim Kühehüten. Auf Informationstafeln in der U-Bahn von Serfaus wird eindringlich geschildert, wie Kinder im Sommer ins Schwabenland zur Heuernte vermietet wurden. (s. „Schwabenkinder“ auf Wikipedia).
In den Arbeiterfamilien zur Zeit der Industrialisierung wuchsen die Kinder ohne jede Fürsorge in krassem Elend auf, waren eher unnütze Esser statt Nesthäkchen, eins mehr oder weniger zählte nicht. Kinderarbeit in Kohlengruben und Textilfabriken war überall die Regel.
Selbst zu unserer Kindheit nach dem Krieg wurden die Kinder nicht verzärtelt. Der Vater hatte als Landwirt und oft noch als Holzarbeiter oder Maurer von morgens bis abends zu tun, die Mutter war mit Haushalt, Schwangerschaften und Mithilfe in der Landwirtschaft oft bis zur Erschöpfung ausgelastet. Jahresurlaub mit den Kindern? Nie gekannt.
Wer das mit dem heutigen Familienleben vergleicht, kann nur zu dem Schluss kommen, dass es den jetzigen jungen Generationen noch nie so gut gegangen ist, dass es schon ins Gegenteil umschlägt, nämlich in Überversorgung und Verhätschelung.
Möchte der Herr Schmitz wirklich zurück zu den „guten alten Zeiten“?
Noch ein Wort zur „Emanzipation der Frauen, die den Kindern die Mütter genommen hat.“
Herr Schmitz bedauert anscheinend, dass die Frauen gegen die „3 K“ für „Kinder Küche, Kirche“ aufbegehrt haben und ihr Leben selbst bestimmen wollen.
Will er den Frauen da etwa ein schlechtes Gewissen einreden?
Herr Schleck,
Ich habe nie von "Frauen zurück an den Herd" gesprochen, sondern wünsche mir, dass BEIDE Eltern mehr Zeit für ihre Kleinen haben, zum Wohle der Eltern und der Kinder. Was ist falsch daran? Und nein, ich wünsche mir nicht die "guten alten Zeiten zurück", eher schon das (wenige) Gute der alten Zeiten.
An den Anfüher der Liste "Liste24"
"und die Emanzipation der Frauen den Kindern die Mütter genommen hat"
Haben sie das geschrieben oder nicht?
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