Zum Jahresende wolle man Bilanz ziehen, sagt die Bürgermeisterin: „Wir sind voll im Soll“, das könne sie mit Blick auf den sechs Monate nach der Flut angestoßenen Wiederaufbau-Fahrplan „mit großer Zufriedenheit und auch etwas stolz“ sagen. Zwar weiß auch Niessen, dass viele Unterstädter meinen, es gehe zu langsam voran – man dürfe aber auch nicht die gewaltige Dimension der Herausforderungen vergessen. Viele Arbeiten seien schon gut vorangeschritten, aber natürlich komme „in diesem Riesengeflecht an Baustellen und Überlegungen“ auch noch viel auf Stadt und Unterstädter Bürger zu.
Sehr viel Geld wird in die Hand genommen. „Die gesamten Investitionen, die in der Unterstadt gemacht werden, belaufen sich auf 46,7 Millionen Euro“, führt Michael Scholl aus. „Wir als Stadt Eupen müssen aber nicht alles selbst stemmen. Die DG und die Wallonische Region unterstützen uns sehr stark.“ Zudem müsse man wissen, dass auch die Verteilergesellschaften sehr viel Geld in die Hand nehmen, um ihr Netz in der Unterstadt komplett zu erneuern, ergänzt der Bauschöffe.
Nach wie vor ein ganz dicker Brocken: die Instandsetzung der Verkehrsachsen. „Der große Knackpunkt, der große Knoten wird ab Frühjahr 2024 kommen, wenn die Hauptachse Schilsweg in Angriff genommen wird“, sagt Jörg Breuer, Leiter des Technischen Dienstes der Stadt Eupen. Etwa zwei Jahre lang wird das insgesamt 7,7 Millionen Euro teure Projekt (Stadtanteil: 700.000 Euro) die Geduld von Anwohnern und Autofahrern ordentlich auf die Probe stellen. Die Regionalstraße Schilsweg wird bekanntlich im Zusammenspiel mit den umliegenden städtischen Straßen Bellmerin, Haagenstraße und den Einfahrten zu Hütte und Gülcherstraße erneuert. Phase eins werde das Nadelöhr direkt hinter der Brücke sein, „da kann man nur einseitig arbeiten, nämlich eine Seite fertigstellen und dann rüber gehen“, erläutert Scholl. Denn der Durchgangsverkehr müsse dort ja immer noch irgendwie gewährleistet bleiben – und echte Möglichkeiten, eine Umleitung einzurichten, gebe es nicht. Deshalb wird das Gesamtprojekt in sechs Phasen aufgeteilt. Der Verkehr wird für den Bereich von der Brücke bis zur Kreuzung Bellmerin zeitweise einspurig geführt und per Ampel gesteuert. „Es wird aber immer möglich sein, Richtung Monschauer Straße oder Hütte zu kommen, wo ja nun auch noch einige Industriebetriebe und das Quartum Business Center ansässig sind“, betont Scholl, „die Leute müssen zu ihren Arbeitsstellen kommen“.
Tennishallen ab Januar wieder nutzbar
Und wie spielt das private Wohnungsbauprojekt an der ehemaligen Garage Heck in das ganze Puzzle mit rein? Wird da zeitgleich gebaut? „Die Frage hören wir oft“, antwortet Niessen. Ja, man sei da aktuell in logistischen Abstimmungen, weil Abriss und Neubau ja über die Straßenbaustelle bewerkstelligt werden müssen, „aber wir haben natürlich wenig Einfluss auf die Geschwindigkeit eines Privatinvestors“. Um das Ganze etwas zu entzerren, habe man dann erst für Mitte oder Ende 2025 den Start der Sanierung Gülcherstraße/Hütte (1,6 Millionen Gesamtkosten, den Löwenanteil von 1,2 Millionen trägt die Stadt) anberaumt. Ein Fokus liegt dort auf dem Kanalausbau.
Apropos Hütte: Gute Nachrichten gebe es vom Tennispark. Dort gehe man „auf den Endspurt zu“, bis März 2024 soll alles erledigt sein. „In den beiden Hallen soll aber bereits ab Januar wieder gespielt werden können“, sagt Scholl. Darauf habe man sich mit dem KTC geeinigt, „damit nicht der ganze Winter ohne Tennis bleiben muss“. Ein genaues Startdatum ist noch nicht offiziell kommuniziert, dem Vernehmen nach soll es aber möglichst am 8. Januar mit dem Schulstart losgehen.
Noch in der Vorbereitungsphase stecken indes die Arbeiten am städtischen Gebäudekomplex an der Hillstraße 1-7. Geschaffen werden soll dort ein soziokulturelles Zentrum mit Jugendtreff, Pfarrbibliothek, Büros für öffentliche Dienste wie etwa Polizei, Info Integration sowie vier Wohnungen für sozialen Wohnungsbau, „quasi als perfektes Pendant zum dann neu gestalteten, deutlich größeren Scheiblerpark, so dass die Unterstadt innen wie außen belebt wird“, sagt die Bürgermeisterin. Starttermin für den Gebäudekomplex Hillstraße? Anvisiert ist September 2024. Das Untergeschoss, erläutert Niessen, werde komplett leer bleiben, „um gerüstet zu sein für den Fall, dass wieder Wasser kommen sollte“.
Gut voran schreite die Sanierung und der Wiederaufbau der städtischen Brücken; ebenfalls ein Riesenthema. Die Brücke an der Malmedyer Straße im Seiseleveedel-Viertel ist ja inzwischen wieder befahrbar. Von einem nächsten Meilenstein, der vergangene Woche groß in den Schlagzeilen war, gibt es gestern ein Update: Der Aufbau der neuen Langesthal-Brücke laufe gut, derzeit habe man ein Zelt aufgestellt, damit die Arbeiten trotz winterlicher Witterung weitergehen können.
Für 50.000 Euro baut die Stadt übrigens im Langesthal noch einen Wendehammer, damit auch Müll- und andere Großfahrzeuge problemlos wieder aus der Sackgasse raus kommen. Denn die neue Brücke ist regulär nur für Fußgänger und Radler gedacht.
Folgen werden in den kommenden Monaten drei kleinere Brücken gleicher Bauart: die Fuß- und Radfahrerbrücken Weserstraße/Haagenstraße, Scheiblerpark/Selterschlag und Selterschlag/Gülcherstraße. Für die Brücke am Camping Hertogenwald sei man „derzeit in Standby, weil der Betreiber aktuell versucht, das Gelände zu verkaufen“. Mitte nächsten Jahres soll aber auch die Instandsetzung der derzeit nur einspurig (mit Ampel) befahrbaren Brücke Hütte in Angriff genommen werden, die anschließend wieder zweispurig befahrbar sein wird.
In dem vom Hochwasser betroffenen Bereich in der Unterstadt gibt es nach Angaben der Stadt aktuell einen Leerstand von rund 50 Wohn- und Geschäftsflächen.
Wer indes erwartet hatte, dass es in dem Pressegespräch am Freitagvormittag auch um die Ergebnisse der Studie zum Wesertal gehen würde, zu deren Vorstellung die DG und die Wallonische Region für Freitag eingeladen hatten, der wird enttäuscht. Am Freitagabend nach Redaktionsschluss wurde dann im Eupener Jünglingshaus das von Planungsbüro Studio Paola Viganò und Universität Lüttich erstellte „Strategische Schema für das Wassereinzugsgebiet der Weser“ vorgestellt, das nach dem Hochwasser vom Juli 2021 in Auftrag gegeben worden war. Es ging laut Einladung auch „um eine Vision und Strategien, wie das Einzugsgebiet angesichts des Klimawandels widerstandsfähig und solidarisch gestaltet werden kann“. Ein Bericht dazu folgt.

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