In ihrem Roman „Der belgische Konsul“ setzt Nothombs Tochter Amélie ihrem 2020 verstorbenen Vater ein literarisches Denkmal und lässt den dramatischen Höhepunkt in dessen Karriere noch einmal aufleben. Es ist eine fiktive Autobiografie, die Autorin schlüpft als Ich-Erzählerin in die Rolle des Diplomaten. Es ist zugleich eine Zeitreise, die in das Belgien der 1930er und 40er Jahre und dann in die frühere belgische Kolonie im Herzen Afrikas führt. 1936 geboren, wächst Nothomb als Halbwaise wohlbehütet bei Mutter und Großmutter im großbürgerlichen Milieu in Brüssel auf. Um den Jungen abzuhärten, schicken sie ihn zum Großvater väterlicherseits auf ein abgelegenes Schloss in den Ardennen, wo er unter einer verwilderten Kinderschar die Ferien verbringt. Dort stellt sich heraus, dass Patrick kein Blut sehen kann: Wo es fließt, fällt er in Ohnmacht.
„Premier sang“ (Erstes Blut) heißt der Roman daher im französischen Original. Als Nothomb in Stanleyville vom Simba-Aufstand überrollt wird, wird er als westlicher Diplomat zum Unterhändler – und muss vor den Rebellen seine Schwäche verbergen.
Meisterhaft, wie Amélie Nothomb die Dialoge zwischen dem Konsul und Rebellenführer Christophe Gbenye (1927-2015) rekonstruiert, wie auf Nothombs Schultern die Verantwortung für hunderte von Menschenleben lastet und wie er als Diplomat mit der Kunst des Wortes den Gesprächsfaden niemals abreißen lassen darf. Die Exekution lässt Gbenye abblasen, bei der blutigen Geiselbefreiung dann wird Nothomb nicht ohnmächtig – „der Überlebenswille ist niemals zu unterschätzen“, schreibt die Tochter.
Das Geiseldrama im Kongo hat Patrick Nothomb um fast 56 Jahre überlebt. Das Buch, das ihm seine laut Verlagsangaben 1967 (nach anderen Angaben 1966) geborene Tochter widmet, hat im französischen Original schon zwei Literaturpreise gewonnen. Ihr Familienname ist bekannt, ihr Großonkel Charles-Ferdinand Nothomb (1936-2023, PSC), der im Roman ebenfalls vorkommt, war über Jahrzehnte Spitzenpolitiker in zahlreichen Ämtern, darunter auch Außenminister, Innenminister und Kammerpräsident. (dpa/svm)

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