Im Bericht stellten die Expertinnen fest, dass es derzeit keinerlei wissenschaftliche Belege für oder gegen den 7/2-Rhythmus der Französischen Gemeinschaft gibt, teilt das Kabinett von Lydia Klinkenberg mit. „Sie empfehlen daher, dieses Modell wissenschaftlich begleiten zu lassen. Des Weiteren empfehlen sie ausdrücklich eine ganzheitliche Betrachtung der Schulzeitgestaltung, die sowohl den Jahres- als auch den Tagesrhythmus der Lernenden berücksichtigt“, heißt es weiter in der Mitteilung.
Ministerin Klinkenberg erläutert: „Mit ihrer Entscheidung, den Rhythmus des Schuljahres anzupassen und auf sieben Wochen Unterricht zwei Wochen Ferien folgen zu lassen, stellte die Französische Gemeinschaft den Rest des Landes vor vollendete Tatsachen – mit weitreichenden Auswirkungen für viele Sektoren. Diese Umstellung hat bei Schulen, Lehrpersonen und Eltern mitunter organisatorische Schwierigkeiten verursacht. Wenn z.B. Kind ein die Schule in Herbesthal oder St.Vith besucht und Kind 2 die Schule in Welkenraedt oder Malmedy, dann haben sie fortan unterschiedliche Ferienzeiten. Auch für Personalmitglieder, die in beiden Gemeinschaften tätig sind, ist es nicht mehr so einfach möglich, in beiden Gemeinschaften zu unterrichten. Aus diesem Grund habe ich meiner Amtskollegin in der Französischen Gemeinschaft wiederholt mitgeteilt, dass ich mir eine koordinierte Vorgehensweise wünschen würde. Da ich eine Lösung herbeiführen möchte und einer Umstellung unsererseits offen gegenüberstehe, sofern diese unseren Schülerinnen und Schülern nachweislich zugutekommt, beschäftigen wir uns in der Deutschsprachigen Gemeinschaft bereits seit geraumer Zeit im Rahmen der Erstellung der Vision für das Bildungssystem (Gesamtvision) mit der Frage, ob eine Anpassung des Schuljahresrhythmus sinnvoll und umsetzbar ist.“
Die Ministerin fügt hinzu: „Mir war und ist es wichtig, dieses Thema breit und ergebnisoffen zu diskutieren, bevor eine Entscheidung getroffen wird, da eine Umstellung weitreichende Folgen in zahlreichen Sektoren wie Freizeit, Jugend, Tourismus, Kinderbetreuung und Mobilität hat. Wir haben bereits 2019 in der großen Online-Umfrage ein repräsentatives Meinungsbild zur Schuljahrestaktung erhoben. Nachdem die Französische Gemeinschaft ihren Rhythmus angepasst hat, haben wir im vergangenen Jahr erneut in einer breiten Konzertierung über 70 Stellungnahmen von unterschiedlichen Akteuren wie Elternräten, Gewerkschaften und Vertretern aus Wirtschaft, Jugend, Sport und Kultur zu diesem Thema eingeholt. Die Ergebnisse waren jedoch nicht eindeutig, da viele Akteure angaben, die Sinnhaftigkeit der Umstellung nicht ausreichend beurteilen zu können. Da auch ich keine Chronobiologin bin, habe ich ein Gutachten in Auftrag gegeben.“
Neben evidenzbasierten chronobiologischen Empfehlungen zur Schulzeitgestaltung im Allgemeinen umfasst das Gutachten auch eine Kurzeinschätzung zur bestehenden Schulzeitgestaltung in der DG. Im Rahmen dieser Analyse wurden u.a. die Auswirkungen des bestehenden und eines angepassten Schulrhythmus auf die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 2,5 Jahren bis 21 Jahren untersucht. Die Expertinnen weisen auf die Diskrepanz zwischen dem Chronotyp der Schülerinnen und Schüler hin und darauf, dass der dadurch entstehende Schlafmangel zu einer Minderung der schulischen Leistungsfähigkeit führt. Zudem berge er Gefahren für die gesunde Entwicklung: „Während junge Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter meist frühe Chronotypen sind und früh einschlafen und aufwachen, verspätet sich der Chronotyp graduell während der Schulzeit und besonders drastisch während der Pubertät, mit Schlafzeitverschiebungen um mehrere Stunden.“ (Bericht, S.14)
Zusammenfassend stellen sie auf Seite 20 des Berichts fest: „Eine Berücksichtigung der Chronobiologie bei der Schulzeitgestaltung ist besonders relevant in der Sekundarstufe, wo die aktuellen frühen Schulanfangszeiten mit den späten Schlafzeiten der Jugendlichen kollidieren“. Zudem könnten „Ungleichheiten aufgrund des Chronotyps verringert werden, wenn der Chronotyp bei der Planung der Schulzeiten berücksichtigt wird“, so die Expertinnen.
Ihre Empfehlungen an die DG:
1. Angemessene Wahl der täglichen Schulanfangszeiten: Laut Expertinnen könne damit dem Schlafmangel von (vor allem) jugendlichen Schülern durch frühe Schulanfangszeiten entgegengewirkt werden. Konkret empfehlen sie unterschiedliche Startzeiten für die Primar- und Sekundarschulen: Für die Primarschulen einen durchgängigen Start um 8.30 Uhr und für die Sekundarschüler und Lehrlinge einen Start um frühestens 9 Uhr.
2. Verbesserung der Lichtexposition im Schulalltag: Laut Expertinnen könne damit die sogenannte circadiane Rhythmik – die innere Tagesuhr – und der Schlaf unterstützt werden. Konkret empfehlen sie vermehrt Unterricht und Pausen im Freien abzuhalten und die Lichtinstallation in den Innenräumen darauf abzustimmen.
3. Beachtung der jahreszeitlichen Verfügbarkeit von Tageslicht für die Planung von täglichen Schulanfangszeiten und Ferienzeiten: Aufgrund der geografischen Situation der DG und der damit verbundenen jahreszeitlichen Effekte (später hell und früher dunkel im Winter) empfehlen sie im lichtärmeren Winter die Ferienzeiten zu erhöhen und auch den täglichen Schulbeginn den Jahreszeiten entsprechend anzupassen. So empfehlen sie zum einen, im Winter (November-Februar) die Schule später beginnen zu lassen, und zum anderen, im Sommer die künstliche Verfrühung des Schulstarts durch die Zeitumstellung phasenweise durch einen späteren Schulstart auszugleichen.
4. Einbeziehung der Tagesrhythmik kognitiver Leistungsfähigkeit bei der Stundenplangestaltung: Laut Expertinnen könne so die Benachteiligung besonders später Chronotypen minimiert werden. Sie empfehlen kognitiv anspruchsvolle Fächer nicht in den ersten Stunden des Schultages zu unterrichten und zu prüfen.
5. „Edukation“ und Förderung von gesundem Schlaf- und „circadianem“ Verhalten bei Schülern: Sie empfehlen dazu Maßnahmen in den Schulalltag zu integrieren. Zum Beispiel Aufklärung im Rahmen des Unterrichts oder Workshops über die Wichtigkeit von Schlaf und die Auswirkungen auf Gesundheit, Wohlbefinden und Lernen.
„Die Expertinnen haben mir bestätigt, was ich bereits vermutet habe. Wenn wir über den Schuljahresrhythmus, also über die Neuverteilung der Ferienzeit sprechen, dann müssen wir auch den Tagesrhythmus, sprich Start und Ende des Schultages, mitdenken“, so Ministerin Klinkenberg. „Das macht das Vorhaben noch komplexer. Von großer Bedeutung ist für mich auch die Tatsache, dass die Expertinnen betonen, dass es keine wissenschaftliche Grundlage für die neue Schuljahrestaktung in der Französischen Gemeinschaft gibt und ausdrücklich anraten, eine solche Grundlage zu schaffen. Mit anderen Worten: Umstellung ja, aber nicht nur bei der Jahresgestaltung, sondern auch bei der Tagesgestaltung, und nicht unbedingt so, wie es in der Französischen Gemeinschaft praktiziert wird.“
Sie fügt hinzu: „Nun liegt es ja auf der Hand, dass wir – wenn wir den Schuljahresrhythmus umstellen – dies aus den bereits genannten Gründen nicht gänzlich unabhängig vom neuen Rhythmus unserer frankophonen Nachbarn tun sollten. Um zu vermeiden, dass wir in Belgien demnächst drei unterschiedliche Schulrhythmen haben, werde ich der Empfehlung der Forscherinnen folgen und den anderen Bildungsministern vorschlagen, den Rhythmus in der FG wissenschaftlich begleiten zu lassen. Ich hoffe, dass sie sich dazu bereit erklären, dies zu unterstützen“. (red/sc)
Weitere Infos unter https://tinyurl.com/5bz478wk
Hintergrund
Das wissenschaftliche Gutachten zum aktuellen Stand in der chronobiologischen Schulzeitgestaltung wurde von einer Expertengruppe unter der Leitung von Dr. Eva Winnebeck (University of Surrey) im Auftrag der DG-Regierung erstellt. Die drei Autorinnen Dr. Eva Winnebeck, Dr. Anna M. Biller und Dr. Giulia Zerbini sind promovierte Chronobiologinnen an öffentlichen Universitäten (University of Surrey, Technische Universität München bzw. Universität Augsburg) und verfügen über mehrjährige Forschungserfahrung im Bereich der Schulzeitgestaltung. Sie sind aktiv tätig in der internationalen Forschung und Lehre im Bereich der Chronobiologie und Schlaf beim Menschen und publizieren ihre Forschung in international anerkannten Fachzeitschriften.

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