„Kümmert euch um die Kinder, nicht um Tablets“ – Vivant warnt vor zunehmender Digitalisierung

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Die Sekundarschüler des KA St.Vith gehörten zu den ersten, die einen Gratis-Laptop erhielten. | Foto: Kurt Pothen

„Bildungsministerin Lydia Klinkenberg (ProDG) kann ihren Stolz nur schwer verstecken: Ostbelgien ist um rund 6.000 Laptops reicher. Die sollen in der DG dafür sorgen, dass die Digitalisierung in Sekundarschulen und der beruflichen Ausbildung ankommt. Dass sie in Wirklichkeit wieder einmal ein Pferd von hinten aufgezäumt hat, geht der Ministerin und ihren Regierungskollegen wahrscheinlich nicht auf“, heißt es gleich zu Beginn in einer Mitteilung der Vivant-Abgeordneten Diana Stiel, Alain Mertes und Michael Balter. Die 6 Millionen Euro für die ersten drei Jahre und die rund 2 Millionen Euro an jährlichen Folgekosten hätte man besser in Schüler und Lehrer in den Schulen investiert, findet Vivant. Nicht zuletzt, weil das Geld nicht, wie angedeutet, von der Regierung, sondern von den Steuerzahlern komme, so die Oppositionsfraktion.

Aus pädagogischer Sicht dürfe es schwerfallen, die kostenlose Ausstattung von Lehrern und Schülern mit Laptops zu rechtfertigen. Ein in diesem Jahr vorgelegter Bericht der Unesco komme zu dem Schluss, dass digitale Geräte sogar den Unterricht stören und die Schüler ablenken könnten. Dieses Risiko betreffe vor allem leistungsschwache Schüler, die durch den Einsatz digitaler Geräte, laut der Studie, sogar weiter benachteiligt werden können. Zudem gingen die Ministerin und ihre Regierungs- sowie Mehrheitskollegen offensichtlich davon aus, dass Digitalisierung an sich ein Fortschritt sei und dass die Ausstattung von Schülern und Lehrern mit neuer Hardware zwangsläufig einen verbessernden Effekt auf die schulische Leistung und insbesondere die Förderung benachteiligter Schüler haben müsse.

Der UN-Bericht widerlege jedoch die These, wonach alle Jugendlichen über den gleichen Kamm geschoren werden könnten. Vielmehr gelte es, die objektiven Unterschiede zwischen Schülern, Pädagogen und Schulen zu berücksichtigen. Noch schwerwiegender sei die Tatsache, dass es keine wissenschaftlichen Belege dafür gebe, dass der Einsatz digitaler Geräte einen positiven Einfluss „auf den Wissenserwerb und die digitale Kompetenz“ habe. Zu diesem Ergebnis kommt laut Vivant auch ein Gutachten der schwedischen Karolinska-Universität. Die Stockholmer Wissenschaftler hielten demnach fest, dass „die Digitalisierung der Schulen große, negative Auswirkungen auf den Wissenserwerb der Schüler“ habe.

„Die gleichen Vorwürfe müssen sich auch Ministerin Klinkenberg und die DG-Regierung gefallen lassen“, schreibt Vivant. Die Ministerin verstecke sich, wenn es hieße, Farbe zu bekennen, hinter der pädagogischen Freiheit der Schulen. Offensichtlich habe man im DG-Unterrichtministerium vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen. An der Frage, was in der Schule wichtig sei, habe sich, „Digitalisierung hin, Künstliche Intelligenz her“, nichts verändert: Neben der Vermittlung von reinem Wissen sei das Erwerben von „verschiedenen Fähigkeiten“ die Aufgabe der Schule.

Die Kinder und Jugendlichen sollten in der Schule korrekt Rechnen, Lesen und Schreiben lernen. Sich gut auszudrücken, kritisch mit Informationen umzugehen, argumentieren, mit Gleichaltrigen und Erwachsenen debattieren – das sollte ebenfalls in der Schule gelehrt werden. All dies, das hätten die Forschungsarbeiten von Prof. Klaus Zierer von der Universität Augsburg belegt, lernten Kinder wesentlich besser analog, also mit Büchern und Übungsheften. Zierer spreche von einem „Digitalisierungswahn“. Dabei müsse die Schule eigentlich dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche eine größere soziale Kompetenz erwerben. Die Schule sollte den jungen Menschen dabei helfen, der ungefilterten Nachrichtenflut aus dem Netz mit kritischer Distanz zu begegnen, Informationen einzuordnen und sich selbstbewusst im Internet und in den Sozialen Medien zu bewegen.

Diese Fertigkeiten bauten auf Grundkompetenzen auf, die Kinder und Jugendliche im direkten Umgang mit Menschen zu Hause, in der Schule oder in Vereinen erwerben würden. Für die Schulen setze dies allerdings voraus, dass es Pädagogen gebe, die von den Schülern als Vorbild und Autorität, auch im Umgang mit digitalen Werkzeugen und Inhalten, wahrgenommen würden. Leider sei das viel zu selten der Fall. In den Augen von Vivant wäre es sinnvoller, in der Schule verstärkt an diesen Grundkompetenzen zu arbeiten und, ergänzend dazu, in spezifischen Unterrichten den Heranwachsenden die Fähigkeiten zu vermitteln, die sie brauchen, um sich sicher im Netz zu bewegen. Und die Pädagogen gezielt für diese neuen Aufgaben auszubilden, statt „mit Steuergeld gekaufte Laptops zu ‚verschenken‘“. Im digitalen Zeitalter spiele die zwischenmenschliche Beziehung eine immer bedeutendere Rolle. In diesen Aspekt könne und sollte noch mehr investiert werden. Deshalb stimme Vivant uneingeschränkt dem Pädagogikprofessor Klaus Zierer zu, wenn er fordere: „Kümmert euch um die Kinder, nicht um Tablets!“, wie es mahnend am Ende der Vivant-Mitteilung heißt.

Ministerin Lydia Klinkenberg hat ihrerseits mit einem ausführlichen Kommuniqué auf die Kritik reagiert: „Wir leisten einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit und investieren in zeitgemäße Lern- und Arbeitsplätze“, wird sie darin zitiert. „Wenn ich in Laptops investiere, dann investiere ich in unsere Kinder, in ihre Kompetenzen und ihre Vorbereitung auf die Zukunft“. Die kostenlose Bereitstellung von Laptops, die Jugendliche heutzutage nun mal bräuchten, entlaste die Familien finanziell und trage somit auch zur Reduzierung der Schulbesuchskosten und zu mehr Bildungsgerechtigkeit bei: „Um es ganz klar zu sagen: Die Investitionen in Laptops ersetzen nicht andere Investitionen. Sie ergänzen sie. Und die Bereitstellung der Geräte ersetzt nicht die Medienpädagogik, sondern ermöglicht sie erst“. Die DG schaffe mit der digitalen Ausstattung und der Lehrerweiterbildung erst die Voraussetzungen dafür, dass Medienkompetenz vermittelt werden könne. Digitale Geräte und digitale Kommunikationsmittel wie E-Mails seien nicht fortschrittlich, sondern zeitgemäß. „Warum möchten sie also unseren Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrpersonen den Laptop als angemessenes Lern- und Arbeitsinstrument in einer zunehmend digitalisierten Welt verwehren?“, fragt die Ministerin abschließend. (red/kupo)

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