Dass es Freddy Genten ein persönliches Anliegen ist, eine möglichst breite öffentliche Aufmerksamkeit für das Projekt „Ein Herz für ostbelgische Kinder“ zu generieren, wird gleich zu Beginn des Gespräches klar. „Erst vor Kurzem hat mir eine Lehrperson erzählt, dass sie bemerkt hat, wie mehrere Tage in Folge ein Kind in der Pause sich mit einer leeren Butterbrot-Dose abseits von den anderen Kindern setzte und so tat, als würde es frühstücken.“ Auf Nachfrage der Lehrperson habe sich herausgestellt, dass zu Hause „das Geld für ein Butterbrot fehlt“, berichtet Freddy Genten sichtlich bewegt.
Oft fehlt das Geld für selbst das Notwendigste.
Darüber hinaus sei er überzeugt, „dass solche oder ähnliche Vorkommnisse viel häufiger passieren, als die meisten Menschen ahnen“. Und mit der Krise, in der wir gerade bis über beide Ohren stecken, werde sich die Lage noch dramatisch verschlechtern. Menschen in prekärer Lage – sei es finanziell oder sozial – würden angesichts steigender Energiepreise und wachsender Inflation endgültig in die Armut abrutschen und Familien, die „mal gerade so über die Runden kommen“ müssten sich entscheiden, ob sie das Geld für Lebensmittel oder der dringend benötigten Logopädie ihres Kindes ausgeben. In einer solchen Lage bleibe die Logopädie oder der Schulausflug meist auf der Strecke, so Freddy Genten – und das sei ja auch nachvollziehbar.
Hinzu komme die Scham der meisten Eltern und oft auch der Kinder in einer solch existenziell bedrohlichen Lage, gegenüber ihrer Umwelt einzugestehen, sich gewisse Dinge nicht leisten zu können. Lieber würde, wie in der eingangs geschilderten Anekdote, alles daran gesetzt, sich nicht als bedürftig zu outen.
Diesem Missstand will nun der Bürgerfonds Ostbelgien gemeinsam mit ihren Partnern entgegenwirken, indem er das langfristig angelegte Projekt „Ein Herz für ostbelgische Kinder“ ins Leben ruft. Worum geht es? Die Idee ist ebenso einfach wie einleuchtend: Spenden sammeln und die Gelder den Schulen in der DG zur Verfügung stellen, die damit gezielt und unbürokratisch bedürftigen Kindern und Eltern finanziell helfen können.
Ein Kind, das kein Mittagessen bekommt, ein Kind im Kindergarten ohne Wintermantel, ein Jugendlicher, dessen Eltern sich den obligatorischen Taschenrechner nicht leisten können, ein Schüler, der aus finanziellen Gründen nicht am Schulausflug teilnehmen kann. Das sind einige der konkreten Fälle, die der Bürgerfonds Ostbelgien als Beispiel für die Verwendung der Spenden in der Broschüre, in der die Spendenaktion vorgestellt wird, nennt. Der Bürgerfonds Ostbelgien ist überzeugt, dass die Schule der mit Abstand geeignetste Ort ist, gezielt und effektiv Unterstützung in dieser Form anzubieten.
„Schulen stellen heute zunehmend Situationen der Benachteiligung bei Kindern und Jugendlichen fest, deren Eltern Schwierigkeiten haben, die Schulrechnungen zu bezahlen, das notwendige Schulmaterial zu kaufen oder die Teilnahme an Ausflügen zu finanzieren. Durch die Einrichtung eines Solidaritätskontos und der gesammelten Spenden kann die Schule diesen Kindern oder Jugendlichen finanziell helfen und ihre Chancen auf einen erfolgreichen Abschluss des Schuljahres erhöhen“, heißt es dazu in der Informationsbroschüre. Freddy Genten weist im Gespräch mit dem GrenhzEcho darauf hin, dass es bereits ähnliche Initiativen in der DG gebe. „Ein Herz für ostbelgische Kinder“ stehe aber in keinster Weise in Konkurrenz zu diesen. Vielmehr werde mit dieser Aktion eine karitative Lücke geschlossen, da die bestehenden Einrichtungen lokal agierten, wohingegen der Bürgerfond Ostbelgien mit dieser Aktion allen Kindern und Jugendlichen beistehen könne. Als Beispiel nennt Freddy Genten den „Vinzenz Verein Eupen-Kettenis“, der sehr gute und wertvolle Hilfe auf lokaler Ebene leiste.
Deshalb habe der Bürgerfonds eine Partnerschaft mit dem Verein angestrebt und freue sich sehr, dass diese auch zustande gekommen sei. Die Partner sind neben dem GrenzEcho der Belgische Rundfunk (BRF) und die König-Baudouin-Stiftung (KBS), die angekündigt hat, über ihren Hilde-Jouck-Fonds, jeden Euro (bis zu der Spendensumme von 20.000 Euro) zu verdoppeln.
Zudem sei den Initiatoren der Aktion wichtig, alle öffentlichen Stellen, die in irgendeiner Weise – sei es inhaltlich oder strukturell – betroffen seien, mit ins Boot zu nehmen, erläutert Freddy Genten. Deshalb werde es eine breit angelegte Informationskampagne geben, in der alle wichtigen Institutionen und Personen über das Projekt informiert würden. Das seien sowohl die Ministerien der DG, die Schulschöffinnen und Schulschöffen der neun deutschsprachigen Gemeinde, sowie natürlich auch die Schulleitungen und Direktionen aller Schulen der DG. Anschließend erläutert Freddy Genten detailliert die konkreten Schritte und Ziele der Spendenaktion, die unten in einer Hintergrundbox zusammengefasst sind.
Augenmerk soll auf Ursache und nicht Symptom bleiben
Auf die Frage, ob – bei aller offensichtlich und dringend gebotenen Notwendigkeit – nicht auch zu befürchten sei, dass hier zwar kleine „soziale Feuer“ gelöscht würden, der „soziale Großbrand“ aber weiter wüte und mit einer Spende eventuell sogar aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung geraten könne, antwortet Freddy Genten, diese Befürchtung habe es tatsächlich in der einen oder anderen Form gegeben. Dennoch sei es für ihn ein Gebot der Stunde direkt und unbürokratisch „im Kleinen“ zu helfen. Schließlich gehe es um existenzielle Nöte einzelner Familien im Hier und Jetzt. Außerdem denke er, durch diese und ähnliche Aktionen könne gar der Fokus verstärkt auf die der Not des Einzelnen zugrundeliegenden Ursachen gelenkt werden. Das sei eine Frage der Kommunikation
HINTERGRUND:
Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Spendenaktion „Ein Herz für ostbelgische Kinder“
Viele Schulen versuchen, durch Solidaritätsaktionen eine Reserve zu bilden, die es ihnen ermöglicht, diskret Schülern aus sozial schwachen Familien zu unterstützen. Dabei können sie auf die Unterstützung von Eltern, ehemaligen Schülern und zahlreichen Sympathisanten zählen. Schulen, die von der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens anerkannt und finanziert oder subventioniert werden, können bei der König-Baudouin-Stiftung die Eröffnung eines Solidaritätskontos für die Schule beantragen. Sobald das von der Stiftung zur Prüfung der Anträge eingesetzte Komitee für Philanthropie grünes Licht gibt, können Spender eine Spende an das Solidaritätskonto der Schule leisten.
Ihre Schule ist mit Kindern und Jugendlichen konfrontiert, deren Eltern Schwierigkeiten haben, ihre Grundbedürfnisse zu finanzieren? Als Schule möchten Sie eine finanzielle Reserve bilden, die es Ihnen ermöglicht, für diese Kinder und Jugendlichen tätig zu werden?
Dann ja. Ausgeschlossen sind Finanzierungen für allgemeine Betriebskosten, Infrastrukturprojekte oder kollektives Lehrmaterial.
Ihre Initiative wird nicht nur als gemeinnützig anerkannt, sondern die König-Baudouin-Stiftung kümmert sich auch um die steuerlichen Aspekte. Spenden von 40 Euro oder mehr zugunsten des Solidaritätskontos der Schule berechtigen zu einer Steuerermäßigung in Höhe von 45 Prozent des tatsächlich gezahlten Betrags, was durch eine von der König-Baudouin-Stiftung ausgestellte Bescheinigung belegt wird. Die Stiftung wird die Mittel in dem Maße freigeben, wie die Schule sie verwenden möchte. Eine jährliche Aufstellung der getätigten Ausgaben muss der Stiftung vorgelegt werden. Auf diese Weise kann jeder Spender sicher sein, dass seine Spende ordnungsgemäß ausgegeben wird.
Zum Zeitpunkt der Antragstellung muss die Schule einen Aktionsplan erstellen, der die Interventionen beschreibt und/oder definiert. Das sogenannte Komitee für Proximitätsphilanthropie bei der König-Baudouin-Stiftung prüft den Antrag. Er betrifft individuelle Maßnahmen für Kinder und Jugendliche aus gefährdeten Familien: Schulkosten/-aktivitäten, laufende Kosten, Kosten (para-)medizinischer/therapeutischer Art.
Alle anderen Ausgaben wie:
Allgemeine Verwaltungs- und Betriebskosten der Schule, Ausgaben zugunsten der gesamten Schulgemeinschaft, Investitionen in die Infrastruktur.
Der Initiator des Solidaritätskontos für Schulen
• ist eine Schule, die Bildung im Kindergarten, in der Grundschule und/oder in der Sekundarstufe organisiert.
• ist anerkannt und wird von der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens finanziert oder subventioniert.
Die Schule ist für das Sammeln von Spenden und die Einrichtung des Solidaritätskontos verantwortlich. Die Spenden dienen ausschließlich dazu, für Ausgaben einzutreten, die im Antrag definiert sind, und zwar gemäß einem von der Schule vorgeschlagenen Aktionsplan, der dem Antrag beigefügt ist.
Die Schule darf unter keinen Umständen kommerzielle Daten (Adressen) kaufen, mieten oder tauschen. Sie darf auch keine anderen Vereinigungen oder Netzwerke (kommerziell oder nicht kommerziell) mit der Mittelbeschaffung beauftragen. Die König-Baudouin-Stiftung fordert Schulen, die einen Solidaritätsfonds eröffnen, auf, zumindest den Ethikkodex der Association for Ethics in Fundraising (www.vef-aerf.be) anzuwenden.
Wenn der Antrag genehmigt wird, wird zwischen dem Projektträger und der König-Baudouin-Stiftung eine dreijährige, verlängerbare Vereinbarung geschlossen. Das Komitee für Proximitätsphilanthropie der König-Baudouin-Stiftung entscheidet in diesem Fall über die Einführung oder Verlängerung des Solidaritätskontos.
Online-Spenden sind über die Webseite der KBS möglich: www.kbs-frb.be oder per SEPA-Überweisung auf das Spendenkonto des Bürgerfonds Ostbelgien:
BE10 0000 0000 0404
Mitteilung: +++623/3660/20014+++
Es sind sowohl Einzelspenden, als auch monatliche Zahlungen in Form eines beispielsweise fünf-Euro-Dauerauftrags möglich. (KBS/kupo)

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