Danish Dynamite in Paris – Philipsen: „Ein Kindheitstraum

<p>Schaufahren des erfolgreichsten Teams: Jumbo Visma mit Tiesj Benoot, Jonas Vingegaard, Wout van Aert und Christophe Laporte (v.l.n.r.)</p>
Schaufahren des erfolgreichsten Teams: Jumbo Visma mit Tiesj Benoot, Jonas Vingegaard, Wout van Aert und Christophe Laporte (v.l.n.r.) | Foto: EPA

Jonas Vingegaard holte sich direkt hinter der Ziellinie ein Küsschen seiner ganz in gelb gekleideten Freundin Trine ab, kurz darauf strahlte er mit Töchterchen Frida auf dem Arm im Schatten des Arc de Triomphe vom Siegerpodest. Auf dem Pariser Prachtboulevard Champs-Élysées vollendete der schmächtige Junge aus der Fischfabrik in Jütland unter dem frenetischen Jubel von Tausenden Landsleuten in rot und weiß am Sonntag seine traumhafte Reise. 26 Jahre nach dem inzwischen arg befleckten Triumph von Bjarne Riis herrschte bei der Tour de France in Paris wieder Danish Dynamite. „Es waren unglaubliche drei Wochen, ein Traum“, sagte Vingegaard, nachdem er den scheinbar unbesiegbaren Titelverteidiger Tadej Pogacar entthront hatte.

Vingegaard war nach 3.343,8 Kilometern am Ziel seiner Träume angelangt. Bereits zuvor hatte er sich sich auf seiner Tour d'Honneur ein Gläschen Champagner genehmigt. „Das war unglaublich. Jetzt habe ich es geschafft, nichts kann mehr passieren. Das ist das größte Radrennen der Welt. Etwas Größeres kann man nicht erreichen, niemand kann es mir mehr wegnehmen“, sagte der Däne und freute sich über das Heimspiel in Paris: „So viele Dänen sind hierher gekommen, um mich zu sehen. Das weiß ich zu schätzen.“

<p>Jasper Philipsen gewann die letzte Etappe auf den Champs-Élysées.</p>
Jasper Philipsen gewann die letzte Etappe auf den Champs-Élysées. | Foto: dpa

Wie vor einem Jahr, als Wout van Aert in der französischen Hauptstadt begeisterte, jubelte am Sonntagabend erneut ein Belgier im Sprint royale: Jasper Philipsen gewann den Sprint auf der legendären letzten Etappe und hob sein Rad schreiend in die Luft. „Ich finde keine Worte dafür, ein Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen“, reagierte der Fahrer von Alpecin-Fenix, der bereits die 15. Etappe von Rodez nach Carcassonne für sich entschieden hatte : „Es wird noch etwas dauern, bis ich das hier begreife. Der erste Etappensieg hat mir viel Selbstvertrauen beschert, und in den Bergen bin ich gut durchgekommen – vielleicht war ich effektiv der frischeste Sprinter.“ Zweiter wurde am Sonntag der Niederländer Dylan Groenewegen, Dritter der Norweger Alexander Kristoff.

Die Tour erlebte die Wandlung eines einstmals von Selbstzweifeln und Nervosität geplagten Mannes zum souveränen Siegfahrer. In den Alpen und Pyrenäen offenbarte Jonas Vingegaard keine Schwächen – und verspürt längst Lust auf mehr. „Ich will noch mehr gewinnen“, sagte der 25-Jährige, der sich auch als großer Sportsmann zeigte, als er nach Pogacars Sturz in den Bergen auf ihn wartete. „Wir haben eine gute Beziehung. Wir sind keine Freunde, aber wir respektieren uns.“

<p>Der Sieger der Tour de France 2022: Jonas Vingegaard</p>
Der Sieger der Tour de France 2022: Jonas Vingegaard | Foto: Photo News

So darf sich die Tour auf weitere große Duelle freuen. Denn auch Pogacar – dieses Mal mit 2:43 Minuten Rückstand Zweiter – ist heiß auf eine Revanche. „Viele Leute wollen einen anderen Sieger sehen. Es ist nicht so schlimm, die Plätze mal zu tauschen. Ich habe einen stärkeren Gegner gefunden. Das gibt mir Motivation, im nächsten Jahr besser zu sein“, sagte der zwei Jahre jüngere Slowene, dessen Team durch mehrere Corona-Fälle dezimiert worden war.

Vingegaard und sein Jumbo-Visma-Team mit dem dreifachen Etappensieger und Alleskönner Wout van Aert zerdrückten quasi die Konkurrenz. Van Aert, Philipsen und Yves Lampaert, der den Auftakt gewann, besorgten Belgien insgesamt sechs Etappensiege. Mit dem Rückenwind des stimmungsvollen Grand Départs, der passenderweise in Kopenhagen stattfand, gab es gleich vier dänische Tagessiege durch Vingegaard, Ex-Weltmeister Mads Pedersen und Magnus Cort Nielsen.

Es ist nicht der erste Radsport-Boom, den das Land aus dem hohen Norden erlebt. Die letzten beiden Male endeten in einer großen Ernüchterung. Riis räumte später im Zuge des Telekom-Skandals ein, bei seinem Triumph gedopt gewesen zu sein und Michael Rasmussen wurde 2007 kurz vor dem Ende aus dem Gelben Trikot gezerrt und nach Hause geschickt, weil er den Dopingkontrolleuren falsche Aufenthaltsorte genannt hatte. Auch er gestand später Doping.

Glaubt man Vingegaard, haben sich die Zeiten geändert. „Wir sind total sauber. Jeder von uns. Ich kann für das ganze Team sprechen. Niemand von uns nimmt etwas Verbotenes“, sagte der neue Tour-Patron.

<p>Wout van Aert mit Sohn George</p>
Wout van Aert mit Sohn George | Foto: belga

Van Aert in Grün durch Paris: Der kompletteste Fahrer im Peleton

Wout van Aert hat bei der Tour de France 2022 einige Male für außergewöhnliche Bilder gesorgt. Auf den schweren Bergetappen fuhr der Herentaler regelmäßig bis kurz vor dem Ziel im Kreise der absoluten Top-Kletterer – und das als Träger des Grünen Trikots.

Der 27-Jährige ist der mit Abstand kompletteste Fahrer im Peloton. Er siegt bei Massensprints, er gewinnt im Zeitfahren, er entscheidet Klassiker für sich und er fährt auch im Hochgebirge ganz vorne mit. Bei der diesjährigen Tour war van Aert selbst für van-Aert-Verhältnisse unglaublich aktiv, suchte beinahe jeden Tag das Heil in der Flucht. Ganz nebenbei war er seinem Kapitän und Tour-Sieger Jonas Vingegaard ein zuverlässiger Helfer.

In der Punktewertung konnte ihm von Anfang an kein Fahrer das Wasser reichen. Nach drei zweiten Plätzen zu Beginn der Rundfahrt gelang van Aert auf der vierten Etappe der erste Tagessieg in diesem Jahr – er ließ ihm zwei weitere folgen. Der letzte am Samstag beim Zeitfahren.

Vier Tage lang fuhr der Straßen-Weltmeister von 2020 sogar im Gelben Trikot. Dann tauschte er es gegen das Grüne ein und gab Letzteres nicht mehr ab. Bereits nach der 17. Etappe war ihm der Sieg in der Punkte-Wertung als 15. und erster Belgier in ebenso vielen Jahren nicht mehr zu nehmen.

Am Sonntag streifte sich der Super-Allrounder das Grüne Trikot dann erstmals in seiner Karriere auch in Paris über – es dürfte nicht das letzte Mal gewesen sein. (sid/dpa/belga/tf)

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