Essen dient in erster Linie dem Gesundheitserhalt, dem Antrieb und der Lebensenergie. Essen bringt Genuss und erhält uns arbeitsfähig. Bei einem gesunden Essverhalten wird unsere Nahrungsaufnahme hauptsächlich durch Hunger und Sättigung gesteuert. Wenn diese Mechanismen nicht mehr funktionieren, spricht man von einem gestörten Essverhalten. Doch nicht jedes auffällige Verhalten ist bereits ein Grund zur Sorge, und nicht jeder Mensch, der durch eine Diät viel abgenommen hat, ist magersüchtig. Allerdings können diese Verhaltensweisen, wenn andere Faktoren hinzukommen, der Beginn einer Essstörung mit Krankheitswert sein. Den Betroffenen werde eine Essstörung oftmals erst dann bewusst, wenn die negativen Folgen für den Körper und die Psyche bereits gravierend sind, sagt der Patienten Rat und Treff.
Der Übergang von einem auffälligen zu einem krankhaften Essverhalten ist oft schleichend und das Risiko erschreckend hoch. In einer Studie des Gesundheitinstituts Sciensano von März 2021 wurde deutlich, dass die Risikogruppe in den letzten Jahren größer geworden ist. Bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zwischen 18 und 29 Jahren lag das Risiko, eine Essstörung zu entwickeln, bei 18 Prozent. Mit anderen Worten: Fast jeder Fünfte dieser Altersgruppe zeigt bereits ein gestörtes Selbstbild oder ein auffälliges Essverhalten. Dass diese Zahlen in den letzten beiden Jahren noch angestiegen sind, ist nicht verwunderlich. Denn während der Corona-Pandemie wurden die sozialen Medien für viele junge Menschen einer der wichtigsten Begleiter. „Doch Instagram und Co. sind zu Plattformen der Selbstdarstellung geworden. Jedes Foto muss perfekt sein und es wird ein Idealbild verbreitet, das viele Jugendliche unter Druck setzt. Der Schritt zur Diät oder zu übermäßigem Sport ist dann nicht mehr weit“, sagt Anja Boffenrath vom Patienten Rat und Treff.
Das vorherrschende Schönheitsideal sei nur eine von vielen möglichen Ursachen der Erkrankung. Auch genetische und körperliche Faktoren spielen eine Rolle. Nicht zuletzt würden verschiedene Persönlichkeitsmerkmale als Risikofaktor angesehen. Hier spielen das Selbstwertgefühl und der Umgang mit Stress und Konflikten eine bedeutende Rolle. Es gibt einige Warnsignale, die auf eine (beginnende) Essstörung hindeuten können. Hierzu zählen unter anderem extrem langsames Essen, häufige Diäten, Frustessen, dauerhafte Beschäftigung mit dem Gewicht und Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. Auch körperliche Veränderungen wie das Ausbleiben der Regelblutung und natürlich eine Gewichtsveränderung können Anzeichen einer Essstörung sein. Häufig wird dies noch begleitet von emotionalen Veränderungen bei den Betroffenen.
„Eine Essstörung ist eine ernsthafte psychosomatische Erkrankung, die behandelt werden muss. Der Umgang mit dem Essen, das Verhältnis zum eigenen Körper und zu sich selbst und seinen eigenen Gefühlen sind dabei gestört“, so Anja Boffenrath. Essstörungen könnten sich unter anderem dadurch äußern, dass Betroffene über längere Zeit viel zu wenig essen (man spricht von Magersucht), Ess-Brech-Anfälle durchleben (Bulimie) oder sich immer wieder mit Essen vollstopfen (Binge-Eating-Störung).
Da die Betroffenen oft an einer Körperschema-Störung leiden, empfinden sie sich noch immer als zu dick, wenn sie schon unter starkem Untergewicht leiden. Problematisch an dieser Erkrankung sei, dass den Patienten meist die Einsicht fehle, krank zu sein. „Die Essensverweigerung hat oft fatale Auswirkungen für den Körper, der gerade in der Pubertät und im Wachstum dieser hochwertigen Nährstoffe bedarf. Essstörungen sind die psychiatrischen Erkrankungen mit der höchsten Sterberate bei Jugendlichen. Ohne professionelle Hilfe ist eine Heilung meist nicht möglich“, erläutert die PRT-Mitarbeiterin.
Sind Angehörige, Freunde oder sogar das eigene Kind von einer Essstörung betroffen, machen sich neben Erschütterung und Sorge typischerweise große Hilflosigkeit und Unsicherheit breit. Auch Vorwürfe und die Angst, etwas falsch gemacht zu haben, führen zu weiteren Belastungen auf beiden Seiten. „Doch Schuld an der Situation hat keiner. Meist hat die Krankheit wenig mit dem Umgang in der Familie zu tun. Allerdings bringt die neue Situation eine brisante Atmosphäre mit in den Familienalltag: Mahlzeiten werden zur massiven Belastung für alle, die Essstörung ist dauerhaft Thema, und Geschwister erhalten weniger elterliche Aufmerksamkeit. Dies führt zu Schuldgefühlen bei den Erkrankten. Eine konfliktreiche familiäre Situation kann jedoch die Krankheitsentwicklung noch fördern oder ihre Überwindung erschweren.“
Eine Gruppe bietet Angehörigen den Raum, sich auszutauschen und gegenseitig zu stärken.
Daher sei es so wichtig, dass sich Eltern und Geschwister wohl fühlen, sie auf sich Acht geben und sich gegebenenfalls Unterstützung suchen. Hier könne auch der Austausch mit anderen betroffenen Familien helfen. Aus diesem Grund hat der Patienten Rat und Treff in Zusammenarbeit mit dem Mobilen Team eine Gruppe ins Leben gerufen, die Angehörigen den Raum bietet, sich über unterschiedliche Erfahrungen im Umgang mit dieser Krankheit auszutauschen und sich gegenseitig zu stärken. Die Austauschgruppe trifft sich jeden dritten Mittwoch im Monat, um 19 Uhr, in den Räumlichkeiten des Patienten Rat und Treffs (Aachener Straße 6, Eupen) und ist für jeden offen.
Für das Mobile Team war die Gründung einer Elterngruppe längst überfällig: „In den letzten zwei Jahren sehen wir ein vermehrtes Auftreten von Essstörungen –vor allem von Magersucht. Nicht nur, dass wir mehr hilfesuchende Eltern und Jugendliche haben, sondern das Krankheitsbild ist auch schwerwiegender als sonst. Essstörungen sind für das Umfeld der Betroffenen unglaublich belastend. Man fühlt sich hilflos, verzweifelt, ohnmächtig und überfordert. Die Austauschgruppe bietet die Möglichkeit, anderen Betroffenen zu begegnen, die das gleiche Anliegen haben. Sie dient dem Erfahrungs- und Informationsaustausch, der gegenseitigen emotionalen Unterstützung und Motivation.“
Auch die Teilnehmer der Treffen sehen in der Gruppe eine kleine Erleichterung des Alltags. Bei Außenstehenden trifft man oft noch auf Unverständnis. Dass eine Essstörung eine ernsthafte Krankheit ist, ist vielen Menschen nicht bewusst und so bleibt den Eltern oft wenig Raum, über ihre Sorgen zu reden und verstanden zu werden. „Neben der psychischen Unterstützung hat die Gruppe für mich den großen Mehrwert des Erfahrungsaustausches auf administrativer und rechtlicher Ebene. In der DG werden alle Familien nach Aachen verwiesen, das ist rechtlich gar nicht so einfach und wir Eltern fühlen uns oft alleingelassen. Der Austausch gibt uns die Möglichkeit, zu sehen, welche Erfahrungen andere gemacht haben und Tipps und Ratschläge zu erhalten, wie man die administrativen Hürden überwinden kann“, berichtet ein betroffener Vater.
Und auch für die Zukunft gibt es noch Handlungsbedarf. So wünscht sich eine Jugendliche, die selbst an einer Essstörung leidet: „Im nächsten Schritt finde ich es wichtig, auch Betroffenen eine solche Möglichkeit zu bieten und ihnen einen Platz zu schenken, bei der sie das Gefühl haben können, verstanden zu werden. Dabei soll der inneren Stimme, die leider ein ständiger Begleiter dieser Krankheit ist, kein Platz gegeben werden, sondern es soll ein Ort sein, wo wir uns als Betroffene gegenseitig auffangen. Es soll den Betroffenen die Chance geben, all ihren Schmerz, ihr Leid, ihre Verzweiflung und ihre Hilflosigkeit auszudrücken in einer Gruppe, die dafür da ist aufzufangen und zu zeigen, dass man nicht allein ist. Eine emotionale Unterstützung und die Möglichkeit, gemeinsam Perspektiven zu gewinnen.“
Da es für die Erkrankten so wichtig ist, dass ihre Krankheit verstanden wird, sollten neben der Familie auch das engere Umfeld gut informiert sein über Essstörungen. Eine verständnisvolle Umgebung ist eine gute Basis für den Heilungsprozess. Daher lädt der Patienten Rat und Treff Freunde und nahestehende Personen von Betroffenen zu einem Info-Abend ein. Am 28. April wird Lotta Hülsmeier, Ärztin an der Universitätsklinik der RWTH Aachen, in den Räumlichkeiten der Alternative in Eupen (Hostert 14) Einblicke in die Krankheit geben. Darüber hinaus wird sie vor allem aber auch auf die Auswirkungen auf den Alltag (der gesamten Familie) eingehen. Auch für persönliche Fragen wird an diesem Abend genügend Raum vorhanden sein. Weitere Infos und Anmeldung unter info@patientenrat.be. (sc)
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