Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtete von erheblichen Verlusten der Angreifer und dem „größten Schlag für die russische Armee seit Jahrzehnten“. Inzwischen seien 12.000 russische Soldaten getötet worden. Die Verluste in den eigenen Reihen seit Kriegsbeginn gab er mit etwa 1.300 Soldaten an. Die Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
Selenskyj schlug am Samstag Jerusalem als möglichen Ort für Verhandlungen über ein Kriegsende mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vor. Sowohl Selenskyj als auch Putin hatten zuletzt wiederholt mit dem israelischen Regierungschef Naftali Bennett telefoniert, der vor einer Woche auch beim Kremlchef in Moskau war.
Keinerlei Erleichterung zeichnete sich für die etwa 400.000 Bewohner der belagerten Hafenstadt Mariupol im Südosten ab. Dort stießen prorussische Separatisten mit Unterstützung russischer Truppen in östliche Randbezirke vor, wie die ukrainischen Streitkräfte mitteilten. Zuvor hatte das russische Verteidigungsministerium die Einnahme mehrerer Stadtteile gemeldet.
Mariupol wird seit Tagen belagert. Die humanitäre Lage dort ist dramatisch, Zehntausenden Menschen fehlt es an Essen, Wasser und Medikamenten.
Erneut sei ein Konvoi mit Hilfsgütern und Bussen zur Evakuierung in die Stadt aufgebrochen, sagte die stellvertretende ukrainische Regierungschefin Iryna Wereschtschuk. Ob der fünfte Versuch eines Fluchtkorridors gelingen würde, blieb zunächst unklar. Beide Seiten gaben sich gegenseitig die Schuld dafür, dass die Hilfe nicht ankam.
Aus dem Süden schrieb der Gouverneur des Gebiets Mykolajiw, Witalij Kim: „Die Besatzer haben nachts mit wahllosem, chaotischem Feuer Krankenhäuser und Internate beschossen.“ Die Angreifer hätten ihre Taktik geändert und versteckten sich in Dörfern zwischen Zivilgebäuden. Mykolajiw liegt an der Mündung des Südlichen Bugs ins Schwarze Meer. Sollten russische Truppen die Stadt einnehmen oder umgehen, stünde ihnen der Landweg nach Odessa offen.
Angreifer stoßen im Osten vor
Im Osten des bedrängten Landes soll die umkämpfte Kleinstadt Isjum an der Grenze zum Donezker Gebiet laut ukrainischen Angaben bereits etwa zur Hälfte unter russischer Kontrolle stehen. Die angreifenden Truppen hätten sich im nördlichen Teil der Stadt verschanzt. Eine unabhängige Bestätigung dafür war nicht möglich.
Rund um die eroberte Stadt Wolnowacha im Donbass versuchten die russischen Truppen nach Kiewer Angaben, eine Offensive zu starten. Heftige Kämpfe habe es zudem um die Ortschaft Rubischne im Luhansker Gebiet gegeben. Ebenfalls im Osten der Ukraine nahmen die Angreifer nach russischen Angaben zahlreiche Ortschaften ein.
Nach ukrainischen Militärangaben versuchen russische Truppen zudem, die nordostukrainische Stadt Tschernihiw aus südwestlicher Richtung zu blockieren. Selenskyj sagte, die Großstadt mit knapp 280 000 Einwohnern sei ohne Wasserversorgung.
Bemühungen um Flüchtlingskorridore für Kiewer Vorstädte
Vize-Regierungschefin Wereschtschuk sprach von geplanten Flüchtlingskorridoren für mehrere Orte nordwestlich von Kiew wie Hostomel, Makariw und Borodjanka. Dort hat sich die russische Armee seit Tagen festgesetzt und versucht weiter, die Hauptstadt auch von Westen her zu blockieren. Bemühungen um die Evakuierung von Bewohnern gab es auch weiter im Nordosten der Ukraine.
In der Nähe von Kiew soll nach Darstellung des russischen Verteidigungsministeriums eine Luftwaffenbasis in Wassylkiw und das nachrichtendienstliche Aufklärungszentrum der ukrainischen Streitkräfte in Browary zerstört worden sein.
Scholz und Macron sprechen mit Putin
Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz und der französische Präsident Emmanuel Macron forderten Putin zu einem sofortigen Waffenstillstand in der Ukraine auf. Außerdem drangen Scholz und Macron auf einen Einstieg in eine diplomatische Lösung des Konflikts, wie Regierungssprecher Steffen Hebestreit mitteilte. Scholz habe am Samstag auch mit dem Selenskyj gesprochen.
Russland warnte den Westen erneut vor Waffenlieferungen an die Ukraine. Konvois mit Rüstungsgütern könnten von russischen Streitkräften als militärisches Ziel angesehen werden, sagte Vize-Außenminister Sergej Rjabkow im Staatsfernsehen. (dpa/sue)
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