Der jetzige Terrorprozess findet in Paris statt, doch gibt es viele Verbindungen nach Belgien, sodass das Verfahren auch hierzulande große Aufmerksamkeit genießt. Kurz nach den Anschlägen von Paris vor knapp sechs Jahren habe er mitten in der Nacht einen Anruf seines Kollegen aus der französischen Hauptstadt erhalten, erklärte Föderalprokurator Frédéric Van Leeuw dem flämischen Rundfunk: „Ich erinnere mich noch an seine Worte. Er sagte: 'Frédéric, es geht um etwas Belgisches. Ich brauche Dich.“
Tatsächlich fanden die Ermittler in einem verlassenen Auto einen Mietvertrag, der auf den Namen Salah Abdeslam ausgestellt war. Dieser wohnte in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek und gehörte zum Terrorkommando von Paris. Salah Abdeslam floh nach eigenen Angaben wieder nach Belgien, als er mit seinem Sprengstoffgürtel nicht ins Stade de France kam. Den Sprengstoffgürtel habe er später weggeworfen.
Weil Salah Abdeslam der einzige Täter ist, der die Pariser Anschläge überlebt hat, gilt er für die Ermittler als Schlüsselfigur. Bei den Ermittlungen stießen die Behörden in Frankreich immer wieder auf Verbindungen zu Belgien, nicht nur wegen Abdeslam. Mehrere Terroristen von Paris sind in Belgien aufgewachsen oder haben hierzulande gelebt, bevor sie sich radikalisierten und nach Syrien gingen. Auch die Vorbereitungen der Pariser Anschläge fanden zu einem großen Teil in Belgien statt.
Salah Abdeslam wurde am 18. März 2016 in der Gemeinde Molenbeek gefasst. Vier Tage später, am 22. März 2016, kam es zu den Anschlägen von Brüssel – auf dem Landesflughafen von Zaventem und in der Metrostation Maelbeek im Brüsseler Europaviertel. Bei den Attentätern handelte es sich um das gleiche Terrornetzwerk, das auch an der Vorbereitung der Anschläge von Paris beteiligt gewesen ist.
Der Prozess in Paris gilt auch als Gradmesser für Belgiens Justizbehörden. Der Prozess um die Brüsseler Anschläge wird wahrscheinlich im kommenden Jahr stattfinden und wohl zum größten Verfahren der belgischen Justizgeschichte werden. Es werden strengste Sicherheitsbestimmungen gelten, wenn das Verfahren im neuen Gerichtsgebäude auf dem ehemaligen NATO-Gelände in Haren (Brüssel) über die Bühne geht. Föderalprokurator Frédéric Van Leeuw möchte eng mit den Pariser Kollegen zusammenarbeiten und gegebenenfalls von ihnen lernen: „Einen Prozess dieser Größenordnung haben wir noch nicht erlebt, weder in Frankreich noch in Belgien. Wir werden uns sehr genau ansehen, was da vor sich geht“, sagte er der VRT.
Mit dem Verfahren in Paris, dem Prozess in Brüssel und den Ermittlungen nach den Terroranschlägen beschäftigen sich die belgischen Medien seit Tagen: „Die Anschläge in Paris wurden bekanntlich von Brüssel aus vorbereitet und ausgeführt. Erneut werden deshalb Fragen gestellt, die für unser Land peinlich sind. Wie war es möglich, dass eine große aus Syrien zurückgekehrte Gruppe von Terroristen hier so lange unter dem Radar geblieben ist? Zudem zeigte sich, dass eine große Zahl der Terroristen und ihrer Helfer in unserem Land geboren und aufgewachsen ist. (...) Anschläge des IS in Paris und Brüssel haben zu Ermittlungen und der Einsetzung von parlamentarischen Untersuchungsausschüssen in Frankreich und Belgien geführt. Es zeigte sich, dass Geheimdienste in beiden Ländern Möglichkeiten ungenutzt ließen, den Terroristen schon früher auf die Spur zu kommen. Auch international waren die Anschläge ein brutaler Weckruf. Kein einziger Geheimdienst einer großen westlichen oder anderen Macht hatte die Anschläge kommen sehen“, kommentierte am Mittwoch die flämische Tageszeitung „De Standaard“. (sc)

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