„In jeder Familie, im Freundeskreis, im Betrieb - in der Öffentlichkeit!“, sollte breit diskutiert werden, schreibt Andreas Jerusalem. „Weshalb? Schuld ist die Ministerin für Bildung in der Fédération Wallonie-Bruxelles, Caroline Désir. Sie macht ein Wahlversprechen wahr und wird ab kommendem Schuljahr die Verteilung der Ferien im Schuljahr grundlegend verändern. Warum das uns betrifft? Zum einen gibt es einen recht großen Austausch zwischen dem Bildungswesen der Deutschsprachigen Gemeinschaft und dem der angrenzenden Wallonie. Schüler.innen die im anderen Sprachraum die Schule besuchen, Lehrpersonen, die dort unterrichten, Familien, deren Kinder teils hier und teils dort zur Schule gehen. Selbst Familien mit Kindern im einen Sprachraum, deren Eltern aber im anderen Sprachraum arbeiten. Das Unterrichtswesen betrifft jeden in irgendeiner Form. Darum sollte auch jeder mitdiskutieren“, so der Ecolo-Abgeordnete.
„Zum anderen sollte uns die Entscheidung zum Nachdenken anregen, denn die Gründe von Frau Désir sind legitim, es handelt sich nämlich um eine Entscheidung zugunsten unserer Kinder und Jugendlichen. Die Sommerferien sind mit 9 Wochen zu lang. Durch diese lange Dauer begünstigen sie das Vergessen. Machen Sie zum Beispiel den Test mit Ihrem Kind: Schreibt es noch so flüssig und leserlich wie im Juni? Gelingt das Kopfrechnen noch so gut und sicher wie vor den Ferien? Und wie klappt der mündliche Ausdruck in Französisch? Im Sommer sollen sich die Kinder und Jugendlichen natürlich erholen und von der Schule abschalten. Durch die enorme Länge der belgischen Sommerferien wird die Erholung jedoch überreizt, viele sehnen das Ferienende herbei und erworbene Kompetenzen lassen nach. Die Kinder vergessen. Während des Schuljahres ist das Gegenteil der Fall: Die Unterrichtsphasen am Anfang und Ende mit bis zu elf Wochen sind so lang, dass die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler sinkt. Optimal sind 7 Wochen. Die Herbst- und Karnevalsferien hingegen sind zu kurz. Um sich wirklich zu erholen und die Aufnahmefähigkeit wieder aufs Maximum zu steigern, benötigen Kinder und Jugendliche nämlich zwei Wochen. Kurz gesagt: Unser Schulrhythmus entspricht nicht dem Biorhythmus unserer Kinder und Jugendlichen.“
Das sei absurd, denn genau sie seien doch das Herzstück unserer Schulen, denkt der Ecolo-Politiker. „An wem sollte man sich denn orientieren, wenn nicht an ihnen? Diese Erkenntnisse tauchen seit gut dreißig Jahren in Belgien immer mal wieder auf. Bisher hat jedoch stets der Trott gesiegt, wir haben das ja schließlich immer so gemacht! Bei der Einführung dieser Regelung waren die Kinder und Jugendlichen aber im Sommer noch unverzichtbare Helfer bei der Feld- und Erntearbeit. Ist es nicht vielleicht wirklich langsam Zeit, die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt einer solchen Regelung zu setzen? Was meinen Sie? Fragen wir doch unsere Kinder, Eltern, Kolleg.innen, Leiter.innen der Jugendgruppen, Trainer.innen, Kirchenvertreter.innen, Elternräte, Karnevalsvereine, die Tourismusbranche und natürlich unsere Lehrpersonen und Schulleitungen.“
Eine solche Debatte in der Öffentlichkeit wünsche er sich, schreibt Andreas Jerusalem. „Die Entscheidung der Französischen Gemeinschaft scheint unabwendbar zu sein. Noch können wir uns ihr anschließen und sie unter Umständen sogar beeinflussen. Wollen wir also mitziehen, oder ist das bekannte Modell nach wie vor unsere erste Wahl? Darüber sollten wir sprechen.“
Der Ecolo-Politiker beschreibt auch das Modell, wie es im frankofonen Sprachraum eingeführt werden soll. Weihnachten und Silvester sind demnach der Ausgangspunkt für die Taktung des Schuljahres. Die Unterrichtsphasen umfassen optimalerweise 7 Wochen, jedoch maximal 9. Alle Ferienphasen dauern 2 Wochen, die Sommerferien werden auf 7 Wochen gekürzt. Der Beginn des Schuljahres rückt dadurch in den August, das Ende in den Juli. Bis auf die Weihnachtsferien werden die Ferien also von den katholischen Festen abgekoppelt. Es wird zu beachten sein, dass nicht zu viele einzelne Feiertage in die Unterrichtsphase fallen. Unter diesen Vorgaben werden die Schuljahre in der Fédération Wallonie-Bruxelles zukünftig geplant. (red/sc)

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