Spanien blickt voller Sorge auf sein vorgezogenes „Finale“, das Weiterkommen ist akut in Gefahr – doch Vicente del Bosque mahnt zur Ruhe. „Wir müssen dem Nationalteam und dem Trainer vertrauen“, forderte der frühere Weltmeister-Coach der Seleccion. Eben das fällt den kritischen Fans vor dem EM-Showdown mit der Slowakei am Mittwoch (18 Uhr) aber schwer. Ein mickriges Tor und zwei Punkte brachte der Mitfavorit in den zwei bisherigen Gruppenspielen schließlich erst zustande. Außenseiter Slowakei hofft angesichts der spanischen Formkrise daher längst auf ein „kleines Wunder“ in Sevilla. Der Druck laste auf den Gastgebern: „Die Spanier haben den Strick um den Hals“, stellte der slowakische Routinier Tomas Hubocan fest.
Nur ein Sieg garantiert der Furia Roja den Einzug ins Achtelfinale, unter Umständen auch ein Unentschieden (siehe rechts). Dass derartige Rechenspiele im Land des dreimaligen Europameisters überhaupt nötig sind, sagt alles über die aktuelle Verfassung des schwer in der Kritik stehenden Teams von Nationaltrainer Luis Enrique.
Hoffnung stiftet vor dem „großen Finale“, so die Sporttageszeitung As, aber die Rückkehr des Kapitäns. Sergio Busquets, der sich vor dem Turnier mit Corona infiziert hatte, wird gegen die Slowakei in die Startelf rücken. Er ist der einzig verbliebene Spieler im Kader, der unter del Bosque 2010 und 2012 sowohl Welt- als auch Europameister wurde. „Wegen seiner Erfahrung ist es sehr wichtig, ihn im Kader zu haben, um uns in Drucksituationen mit seiner Sicht der Dinge zu helfen“, sagte der frühere Bayern-Star Thiago. Tatsächlich ist der 32-Jährige die Konstante und der Halt im spanischen Team. 123 Länderspiele bestritt Busquets bereits – die 15 unerfahrensten Spieler aus dem aktuellen EM-Kader kommen nicht einmal zusammen auf diese Zahl.
„Wir haben eine Siegermentalität“, unterstrich Busquets am Dienstag bei UEFA.com. „In bestimmten Momenten denke ich aber, dass ein bisschen Coolness nützlich sein könnte“, ergänzte der Kapitän.
Gerne wird in diesen Tagen an Busquets' bedeutendstes Turnier erinnert: Auf dem Weg zum WM-Triumph 2010 hatte Spanien nach zwei Spieltagen nur einen Zähler mehr auf dem Konto als jetzt. „Damals haben wir getan, was wir tun mussten“, erinnert sich del Bosque. Heißt im Klartext: an die eigenen Stärken geglaubt, dem öffentlichen Druck getrotzt. Das gelingt den Spaniern bislang aber nur neben dem Platz. Verbale Störfeuer, wie das des früheren Holland-Stars Rafael van der Vaart (“Spanien ist fürchterlich, fürchterlich“) löschen die Spanier mit patzigen Antworten: „Er will seine ruhmreiche Minute haben“, entgegnete Mittelfeldspieler Koke.
Die kritischen Stimmen dürften (zumindest teilweise) jedoch erst mit einer überzeugenden fußballerischen Leistung verstummen, ehe in der K.o.-Phase die Karten neu gemischt werden könnten. Auf den Einzug in die heiße Turnierphase schielen auch die Slowaken. Sie haben sogar die besseren Chancen, da ihnen bereits ein Unentschieden sicher zum Einzug ins Achtelfinale reicht. In der Gruppe E ist einzig Schweden vor dem parallel stattfindenden Duell mit Polen bereits qualifiziert.
Geht es nach del Bosque, wird dies am Mittwochabend in der Hitze Andalusiens auch Spanien gelingen, etwas anderes kann sich der 70-Jährige nicht vorstellen: „Wir müssen uns schon sehr schlecht anstellen, um nicht weiterzukommen.“ (sid/tf)

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