Am vergangenen Sonntag wurde die Grenzkunstroute, die unterschiedliche Aspekte des Themas „Heimat – fragil“ zeigt, eröffnet. Mehrere hundert Besucher tummelten sich auf dem Gelände. Ganz so viele hätte der Veranstalter, der deutsch-belgische Verein Kunst und Kultur im Köpfchen (KuKuK e.V.), nun doch nicht erwartet. „Wir sind begeistert“, sagt Projektleiterin Alice Loo.
Eine Führung zu den Kunstwerken im Wald bot der Kurator der ungewöhnlichen Ausstellung an. Er hatte geplant, mit 30 Teilnehmern durch den Wald zu ziehen. Doch aufgrund großer Nachfrage wurden es zwei Führungen. Und wer dann noch übrigblieb, der zog alleine durch den Wald.
Das Kunsterlebnis beginnt bereits am Nullpunkt der Grenze, den ein roter Weg markiert. Portraits von Willi Filz sind zu sehen. Menschen in Lebensgröße und Überlebensgröße. Den Titel „Migration Fragil“ trägt die Ausstellung, also das Gegenteil von Heimat. Nach Lesbos ist der Fotokünstler gereist, hat Zeit im wohl größten Flüchtlingslager Europas verbracht. „Ich wollte den Migranten ein Gesicht geben, ohne ihnen ihre Würde zu rauben“, sagt Willi Filz. Es ist ihm gelungen. Er habe sich ausführlich mit ihrer Geschichte und mit ihrer Lebenssituation auseinandergesetzt. Ein Foto zeigt eine Art Müllhalde, Unmengen von orangefarbenen Schwimmwesten übereinander – wie ein Friedhof für Sicherheitswesten. Dass im Flüchtlingslager auch gestorben wird, davon zeugt das Foto einer Leichenwaschhalle.
Das erste Kunstwerk auf dem rund drei Kilometer langen Rundwanderweg ist eine Skulptur von Sascha Bayer. „Love is stranger than fear“ behauptet das Kunstwerk aus Stahl und Beton. Viel Symbolik ist darin zu erkennen. Und wenn Rost und Naturkräfte ihre Spuren hinterlassen, dürfte das Kunstwerk an Ausstrahlung gewinnen. Eine poetische Stimmung kommt beim Betrachten der Arbeit von Olivier Pé auf. Hoch aufragende Fichten tragen Buchstaben. Je nach Blickrichtung ergeben sich andere Wörter.
Dritte Station im Wald ist die Installation von Tanja Mosblech und Romain Van Wissen. Ein Tisch, Stühle, ein Schrank und alles, was zu einer gemütlichen Küche gehört, ist zu einem Ensemble zusammengestellt. Alles, sogar die Tassen, die Salz- und Pfefferstreuer sind in einem strahlenden Hellblau angemalt. Versinkt die Küche nun im Waldboden oder wächst sie aus dem Boden heraus, mag sich der Betrachter fragen. Und er fragt sich: ist der Tisch, an dem man sich gerne mit Freunden trifft oder mit der Familie frühstückt auch noch heimelig, wenn er nicht im Heim steht? Vera und Ana Sous, gemeinsam mit Thomas Bortfeldt kehren die Frage von Haus und Heim von innen nach außen.
Um einen Baumstamm herum ist ein romantisch anmutendes Häuschen gebaut. Doch Heizkörper, Steckdosen und sogar das Regal mit Büchern sind draußen. Die Fototapete im Innern zeigt Wald.
Installationen und Objekte, die die Stimmung im Wald verändern, den Betrachter inspirieren, zu verweilen und genau hinzusehen, zeigen Dieter Call, Cloé Coomans, Mels Dees und Peter Josef Maria Schneider. Herwig Kemmerich hat eigens für die Grenzkunstroute eine Skulptur namens „Rakete“ gebaut. Julien Barzin hat 80 goldglänzende Käfige an Bäume gehängt. Sicherheit im goldenen Käfig oder Freiheit, lautet die Frage, bemerkten Kunstfreunde. „Die Käfige sind leer, und um uns im Wald singen die Vögel“, bemerkte ein Besucher. Weitere Künstler, die ihre Arbeiten zeigen, sind Matthias Kohn, Garvin Dickhof, Manuel Alvez Pereira, elparo und Andrea Radermacher-Mennicken.
Bis zum 31. Oktober bleibt die Grenzkunstroute bestehen. Besucher sind eingeladen, sich alleine auf Entdeckungstour zu begeben oder sich einer Führung anzuschließen. Die Geheimnisse des Waldes kennenlernen, heißt es bei den zahlreichen naturkundlichen Führungen. Führungen für Kunstinteressierte gibt es mit einer Kunsthistorikerin. Das Künstlertrio Vera und Ana Sous sowie Thomas Bortfeldt laden zu einem Aktionstag in den Wald nahe ihrer Installation ein. Mit dem Team der Ahoi-Gruppe werden nach Herzenslust Fantasiehäuser gebastelt. Ein Highlight, bei dem im Wald sogar gesungen wird, herrliche Kostüme zu sehen sind, findet am kommenden Sonntag statt. Das Theater K. aus Aachen ist auf der Grenzkunstroute zu Gast.
Fast zwei Jahre lang hat der Kulturverein KuKuK an der Realisierung der Grenzkunstroute gearbeitet. Zu 90 Prozent gefördert wird das Projekt vom Land Nordrhein-Westfalen. Damit verbunden ist auch ein Wunschprojekt von KuKuK realisiert worden: die Waldbühne. Hier und im ehemaligen deutschen Zollhaus soll es vor allem bis Ende Oktober ein vielfältiges Programm geben, mit Konzerten, Theater, Ausstellungen, Filmen und vielem mehr.
Mehr Infos unter www.grenzkunstroute.eu oder www.kukukandergrenze.eu

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