In der Eifel immer dem verwundeten Tier auf der Spur

Joseph Krings ist Jäger. Täglich geht er in sein Revier, sieht nach dem Rechten und beobachtet das Wild. Drei Schüsse hat er in der letzten Saison abgegeben, dazu kommen noch zwei weitere im Revier eines befreundeten Jägers. „Ein Schuss muss sitzen, sonst lässt man es lieber sein“, sagt der pensionierte Militär. Jagden, bei denen die Geselligkeit im Vordergrund steht oder bei denen mal einfach so geschossen wird, sind nicht seine Sache. „Früher sagte man: ‘Gar nicht geschossen ist auch vorbei’. Ich sage: ‘Gar nicht geschossen ist wenigstens nicht krank geschossen.’“ Denn ein Schuss, der nicht richtig sitzt, kann für das Tier verheerende Konsequenzen haben.

Im Laufe der Jahre hat Joseph Krings fast 3.000 verletzte Wildtiere aufgespürt.

„Wenn ein Wildtier zum Beispiel am Kiefer getroffen wurde und keine Nahrung mehr aufnehmen kann, wird es elendig verhungern“, erklärt Joseph Krings eine der schlimmsten Verletzungen. Aber auch andere „Treffer“, die nicht direkt zum Tode führen, können dem Tier Qualen bereiten. Fast 3.000 Wildtiere, die mit einer Verletzung im Wald verschwunden sind, hat der 60-Jährige im Laufe der Jahre aufgespürt.

Dies mithilfe seiner Hunde, die er selbst zu diesem Zweck ausbildet. „Jeder Jäger in Ostbelgien hat meine Telefonnummer“, lacht er und es ist eines der obersten Gebote der Waidgerechtigkeit, dass der Jäger ihn anruft, wenn er ein Reh oder ein Wildschwein verletzt hat bzw. nicht sicher ist, ob dies der Fall ist. In Kursen zur Ausbildung der Jäger, die der Jägerverein Büllingen organisiert, versuchen er und seine Kollegen zudem schon im Vorfeld zu vermitteln, worauf bei der Jagd zu achten ist. Joseph Krings unterrichtet die angehenden Jäger beispielsweise in Hundewesen und in Jagdethik bzw. Waidgerechtigkeit. „Wichtig ist, dass man das Schießen richtig übt. Es gibt Leute, die man nie auf dem Schießstand sieht“, sagt er.

18 Einsätze hatten Joseph Krings und seine Hunde 2002, als die ostbelgische Schweißhundestation gegründet wurde. Heute wird der Rentner bis zu 200 Mal jährlich gerufen. Bei einem Großteil der Einsätze handelt es sich um eine sogenannte Kontrollsuche, d.h. dass er Jäger sich nicht sicher ist, ob er das Wildtier erwischt hat. Nur ein sehr kleiner Teil der Suchen betrifft Verkehrsunfälle. Jeden einzelnen seiner Einsätze hat er in Text und Bild dokumentiert und sich jeweils Notizen gemacht, wo und mit welcher Verletzung das Tier gefunden wurde und wie lange die Suche gedauert hat. Ab 1. Mai, wenn die Jagd geöffnet ist, häufen sich die Suchen. „Hochsaison“ hat die Schweißhundstation aber vor allen Dingen im Herbst, wenn in den ostbelgischen Revieren verstärkt gejagt wird. „Dann bin ich fast jeden Tag quer durch die Eifel unterwegs“, sagt Joseph Krings. Auch nach Deutschland wird er häufig gerufen, denn Schweißhundeführer sind nicht gerade häufig zu finden. Vier Vierbeiner gehören zum „Team“ von Joseph Krings, jeden von ihnen hat der 60-Jährige selbst ausgebildet.

Der Hannoversche Schweißhund sowie der etwas kleinere Bayrische Gebirgsschweißhund gehören zu den Rassen, die für diese besondere Aufgabe eingesetzt werden. Fertig ausgebildet sind sie nicht zu finden, das muss der Schweißhundeführer selbst übernehmen. In den nächsten Wochen wird Joseph Krings wieder einen Welpen an die Nachsuche heranführen. Sein ältester Hund ist seit 15 Jahren mit ihm unterwegs. „Man muss viel Zeit, Passion und auch eine gewisse Fitness mitbringen“, sagt er.

Die Liebe zu Hunden hat ihn schon von Kindesbeinen an begleitet. Zur Nachsuche, die nicht immer schöne Seiten hat, sondern eher „die negativen Aspekte der Jagd“ zeigt, hat ihn vor allem sein ausgeprägter Sinn für Jagdethik und Waidgerechtigkeit geführt. Wenn der Welpe zu ihm kommt, gewöhnt er sich erst einmal an die neue Umgebung und sein neues Rudel. Gehorsamkeit ist ein wichtiges Gebot, diese wird von Anfang an trainiert. Hinzu kommt nach einigen Wochen bzw. Monaten das Nasentraining. Mit Teilen vom Wild bringt Joseph Krings den Tieren bei, die Spur vom „Schweiß“, was in der Jägersprache Blut bedeutet, aufzunehmen. Anfänglich sind es kleine, nur wenige Meter lange Abschnitte, später kilometerlange Strecken, die über verschiedene Untergründe, durch Bachläufe, frisch gegüllte Felder und vieles mehr führen, über die die Hunde ihre Spur verfolgen.

„Erfahrung und die richtige Führung machen einen guten Schweißhund aus“, sagt Joseph Krings nach mittlerweile fast 3.000 Nachsuchen in Wald und Wiesen. Während seine Hunde bei Spaziergängen übrigens meist frei laufen, sind sie bei der Suche stets über eine Schleppleine mit ihm verbunden. Einmal die Spur der Wundfährte aufgenommen, ist der Hund mit seiner Nase voll und ganz darauf konzentriert. Drei Jahre ist der jüngste Hund im Team, er lernt von seinen älteren Kollegen. Wenn das verletzte Tier einmal gefunden ist, wird es von den Hunden gestellt, bis Joseph Krings es von seinen Schmerzen erlöst. Sehr oft handelt es sich aber auch um eine Totsuche, aber wenigstens haben Jäger und Team dann Gewissheit.

Joseph Krings legt oft kilometerlange Strecken zurück. Er ist auch schon mit seinen Hunden „im Schlepptau“ (im wahrsten Sinne des Wortes) durch Schlamm und Bäche gekrochen. Nicht umsonst heißt das Buch seines Kollegen Ulrich Umbach „Auf den Knien durch die Eifel“. Joseph Krings kann davon auch ein Lied singen.

Der Schweißhundeführer weiß nie, wie lange er unterwegs ist.

„Man muss schon eine Passion für diese Arbeit mitbringen“, sagt er. Sein Job beginnt dann, wenn die Jäger nach getaner Jagd sich ihre Suppe oder ein Bier schmecken lassen. Natürlich ist er froh, wenn er verständigt wird, alles andere würde der Jagdethik widersprechen. Aber auch das gibt es, allerdings ist es für verantwortungsbewusste Jäger nicht akzeptabel, wenn Kollegen sich einfach nicht um ein verletztes Tier kümmern.

Einige Suchen sind schon nach wenigen Minuten beendet, andere dauern Tage. Im Vorfeld weiß der Schweißhundeführer nie genau, was ihn erwartet und wie lange er unterwegs sein wird.

Dies hängt nicht zuletzt auch von der Art der Verletzung des Tieres ab. Ein Äser-Schuss, d.h. ein Schuss in den Kiefer, geht beispielsweise nicht oft mit einer großen Wunde oder Blutverlust einher, sodass die Hunde Schwierigkeiten haben, die Spur aufzunehmen. „Das bereitet mir dann schlaflose Nächte“, sagt Joseph Krings. „Ich kann mich an die Suche nach einem Hirsch erinnern, die zwei Tage gedauert hat.“ Für ihn kehrt dann die Zufriedenheit und innere Ruhe ein, wenn die Suche erfolgreich war. Für seine vierbeinige Kollegen gibt es eine schmackhafte Belohnung. Das ist ihre Motivation, der ungewöhnlichen Tätigkeit nachzugehen.

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