Bei der Plenarsitzung am Montagnachmittag ergriff zunächst Parlamentspräsident Karl-Heinz Lambertz (SP) das Wort. Er war an der Seite von Joseph Maraite Minister und hatte diesen 1999 als Ministerpräsident beerbt. Lambertz blickte zunächst auf die politische Karriere Maraites zurück. Die kurze Beschreibung seiner politischen Laufbahn mache deutlich: Joseph Maraite habe die Autonomie der DG „geprägt und tatkräftig mitgestaltet“. So habe er beispielsweise Anfang der 1980er Jahre als Mitglied des „Ostbelgienkabinetts“ und enger Mitarbeiter des damaligen Premierministers Wilfried Martens aktiv dazu beigetragen, dass die DG Gesetzgebungshoheit in ihren Zuständigkeiten erlangt habe und eine eigene, vor dem Parlament verantwortliche Regierung eingesetzt wurde. „Als Ministerpräsident hat er im Zuge der weiteren Staatsreformen durch seine vielfältigen Kontakte dafür gesorgt, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft nicht vergessen wurde. Dabei hat er wahrhafte Pionierarbeit geleistet“, meinte Karl-Heinz Lambertz.

„Vielfältige Kontakte“: Das sei mit Sicherheit der Begriff, der den „homo politicus“ Joseph Maraite am treffendsten beschreibe. „Joseph war ein absoluter ‘Networker’, würde man heutzutage sagen. Durch seine joviale, offene und menschliche Art gelang es ihm, ein dichtes und weitverzweigtes Netz an Kontakten und Beziehungen im In- und Ausland aufzubauen.“ Dieses Netzwerk sei eine der Grundlagen dafür gewesen, dass sich die DG im institutionellen Gefüge Belgiens habe behaupten und entwickeln können. Zur Pflege der Kontakte seien ihm der Griff zum Hörer oder ein persönliches Gespräch von Mensch zu Mensch stets lieber als offizielle Schreiben oder lange, wissenschaftliche Erörterungen gewesen. „Zu dieser direkten, schnörkellosen Art der Kommunikation gesellte sich meist eine gute Portion Humor, ein Zitat oder auch schon mal eine etwas flapsige Bemerkung. So gelang es ihm auf beeindruckende und unverwechselbare Weise, ‘das Eis zu brechen’ oder – zum Leidwesen so mancher seiner Kontrahenten – die Lacher auf seiner Seite zu haben.“
„Sorgen und Nöte seiner Landsleute lagen ihm sehr am Herzen.“
Bei aller Jovialität habe er seine politischen Ziele und seine von christlichen Werten geprägten Überzeugungen nie aus den Augen verloren. „Dazu gehörte insbesondere die Sorge um eine solide Finanzierung der Autonomie und der Aufbau einer effizienten und bürgernahen Verwaltung. Darüber hinaus lagen ihm die Sorgen und Nöte seiner ostbelgischen Landsleute sehr am Herzen. Mit unermüdlichem Engagement und viel Herzblut setzte er sich für deren Interessen ein. Seine authentische Bodenständigkeit und seine tiefe Verankerung im gesellschaftlichen Leben seiner Heimat kamen ihm dabei ohne Zweifel zugute“, erklärte Karl-Heinz Lambertz. Joseph Maraites „unermüdlicher und beständiger Einsatz“ für die Belange der DG verdienten aufrichtigen Dank und uneingeschränkte Hochachtung. Er habe sich in außerordentlichem Maße um die DG verdient gemacht.
Ministerpräsident Oliver Paasch (ProDG) meinte, die Nachricht von Maraites Tod habe ihn „tief bestürzt“: „Sein Tod geht mir nahe. Er macht mich und viele andere traurig.“ Er bezeichnete Joseph Maraite als „politisches Urgestein“ und als „Pionier der ersten Stunden“ der Gemeinschaftsautonomie. Oliver Paasch: „Ich habe großen Respekt vor der Aufbauarbeit, die er mit anderen in den 80er Jahren geleistet hat, in einer Zeit großer Herausforderungen, in der man als Regierung praktisch bei Null anfangen musste; in der es noch keine richtige Verwaltung gab; in der alles erst einmal auf den Weg gebracht werden musste.“ Joseph Maraite habe die DG geprägt. „Wir haben ihm viel zu verdanken. Er gehörte nicht meiner Partei an. Als er die Regierungsgeschäfte leitete, saß ich auf der Oppositionsbank; wir waren also im Grunde politische Kontrahenten. Trotzdem habe ich Joseph sehr geschätzt. Ich habe gerne mit ihm zusammengearbeitet.“ Dazu habe häufiger die Gelegenheit bestanden, vor allem in Maraites Zeit als Bürgermeister von Burg-Reuland (2003-2017). „Joseph war einer der beliebtesten Politiker, die unsere Gemeinschaft bislang gekannt hat. Seine Mitmenschen mochten ihn. Und sie haben ihm sein Engagement bei vielen Wahlen mit hervorragenden Vorzugsstimmenergebnissen gedankt. Dazu beigetragen hat ganz bestimmt seine menschliche Bürgernähe.“ Maraite sei immer erreichbar gewesen, habe interessiert zugehört und sich um jedes Anliegen gekümmert, das an ihn herangetragen wurde. „Joseph interessierte sich für seine Mitmenschen und vergaß dabei niemanden. Sein ausgezeichnetes Gedächtnis hat mich oft beeindruckt. Er konnte sich hervorragend Namen und Gesichter merken. Wenn er einem Menschen nicht zum ersten Mal begegnete, wusste er sofort, um wen es sich handelte, wann und in welchem Kontext er ihn schon mal getroffen hatte.“
Nicht selten sei Maraite sogar in der Lage gewesen, dessen Stammbaum spontan aus dem Gedächtnis abzurufen. „Genauso wie ihm praktisch zu jeder Situation eine Metapher, eine Lebensweisheit, häufig auch ein Zitat aus der Bibel einfiel. Damit gelang es ihm oftmals, ernste Konfliktsituationen zu entspannen und Kompromisse zu ermöglichen. Seine Sprüche wirkten erheiternd. Sie waren lustig und jovial, enthielten aber meistens eine ernste und tiefgründige Botschaft.“ Die zahlreichen persönlichen Gespräche mit ihm habe er stets als angenehm empfunden, so Oliver Paasch. „Ich habe ihn als offenen, jovialen und herzensguten Menschen erlebt. Er hat mir gerne Ratschläge gegeben, zugegeben manchmal ungefragt; aber stets ernst, wohl und gut gemeint. Ja, im demokratischen Wettstreit waren wir Konkurrenten. Aber ich glaube, das war ihm egal. Er hat es mich jedenfalls nie spüren lassen.“
Seine „wohltuende freundliche, offene Art“ sei nicht nur in der DG anerkannt worden. „Er verfügte über weitreichende Netzwerke, wurde parteiübergreifend geschätzt und hatte viele Freunde aus unterschiedlichen Parteien in ganz Belgien, in der Euregio und in der Großregion. Joseph Maraite hat sich um unsere Gemeinschaft verdient gemacht“, sagte Oliver Paasch. Und er schloss mit den Worten: „Ruhe in Frieden, Jüppchen.“

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