Der Brexit und die Politik der britischen Regierung treiben der Unabhängigkeitsbewegung in Wales neue Anhänger zu. Umfragen zufolge beträgt die Zustimmung derzeit knapp ein Drittel. „Das ist weit von den beständigen Mehrheiten entfernt, wie wir sie zuletzt in Schottland gesehen haben“, sagte der Politologe Richard Wyn Jones von der Universität Cardiff. „Aber für walisische Verhältnisse ist das ein ziemlicher Anstieg.“ Bisher habe die Unabhängigkeitsfrage im zweitkleinsten Landesteil des Vereinigten Königreichs eine geringe Rolle gespielt. Aber vor der Parlamentswahl am 6. Mai sei sie eines der bestimmenden Themen.
Die konservative britische Regierung nutze den Brexit, um die politische Macht wieder stärker in London zu zentralisieren, statt den Regionalregierungen weitere Befugnisse zu geben, sagte Jones. Vor allem junge Leute zeigten sich daher offen für die Loslösung von Großbritannien. „Wenn sie zwischen Zentralisierung und Unabhängigkeit wählen müssten, würden sie für die Unabhängigkeit stimmen.“
Sorgen vor einem wirtschaftlichen schwachen, selbstständigen Wales gebe es nicht. „Der Brexit zerstört, was von der Wirtschaft hier übrig geblieben ist“, sagte Jones mit Blick auf Handelsprobleme mit der EU seit dem Austritt Großbritanniens aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion. „Wir verlieren viele junge, kluge Menschen, die nie zurückkommen.“ Unabhängigkeitsbefürworter betonten, das Land sei alleine besser in der Lage, die Wirtschaft voranzubringen. Beim Brexit-Referendum 2016 hatten die Waliser noch für den Austritt aus der EU gestimmt.
Viel hänge von der Entwicklung in Schottland ab, sagte der Experte. Dort strebt die Regionalregierung nach der Parlamentswahl ein neues Unabhängigkeitsreferendum an. Komme es trotz Widerstands der Zentralregierung dazu und stimme Schottland für die Unabhängigkeit, werde dies einen Domino-Effekt auch in Wales auslösen.
Die Pro-Unabhängigkeitspartei Plaid Cymru (deutsch: Walisische Partei), die Schwester der schottischen Regierungspartei SNP, könne aber nicht von der Stimmung profitieren. Bei der Wahl deutet dem Experten zufolge vielmehr alles auf einen erneuten Erfolg der Labour-Partei hin. Viele Befürworter der Unabhängigkeit fühlten sich bei Labour gut aufgehoben und lobten die ruhige Hand von Regierungschef Mark Drakeford in der Coronakrise. Labour selbst ist gegen eine Unabhängigkeit und strebt vielmehr eine größere Autonomie an, zeigt aber Verständnis für die Forderungen. (dpa/calü)

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