Es ist der Tag danach, als in Deutschland Zehntausende Hand in Hand zusammenstehen. 12. März 2011: Nur wenige Stunden zuvor hat sich viele Tausend Kilometer weiter ereignet, was als größter anzunehmender Unfall in die Geschichte eingehen wird.
In Baden-Württemberg bilden Atomkraftgegner eine kilometerlange Menschenkette. Der Protest war lange geplant, der Widerstand gegen AKW dauert in Deutschland schon Jahrzehnte. Doch nach dem Erdbeben in Japan bekommt er ungeahnte Aktualität. Die nukleare Gefahr ist Realität. Die Welt verfolgt das Flammeninferno von Fukushima live.
In Deutschland beginnt ein Wochenende, an dessen Ende ein historischer Entschluss stehen wird. Am Montag tritt Angela Merkel vor die Presse. „Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, sagt die Bundeskanzlerin. Sie spricht dabei auch als Vorsitzende der CDU und als Physikerin. Als eine Frau, die ein solches Unglück in einem Hochtechnologie-Land wie Japan nicht hatte kommen sehen.
Merkel verkündet nach dem Super-GAU in Japan die Kehrtwende. Deutschland verabschiedet sich aus der Atomenergie, schaltet wenige Monate später gleich acht von 17 Reaktoren ab. Die Folgen des Tsunami rütteln die Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP wach - die nur wenige Wochen zuvor noch eine Laufzeitverlängerung der Atommeiler beschlossen und damit den rot-grünen Ausstieg von 2002 gekippt hatte. Die Ereignisse überschlagen sich.
Im Land der Menschenkette wird Winfried Kretschmann am 27. März der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands - und setzt damit in Baden-Württemberg einer jahrzehntelangen CDU-Ära ein Ende. Weitere grüne Wahlerfolge sollten die politische Landschaft in Deutschland nachhaltig prägen.
„Ich kann das immer nur mit der Vorgeschichte erklären“, sagt Jürgen Trittin, wenn man ihn nach den Ereignissen jenes Frühjahrs fragt. Als Umweltminister der rot-grünen Koalition brachte er den Atomausstieg auf den Weg: Deutschland, so steht es im Ausstiegsgesetz von 2002, solle bis 2021 kein AKW mehr betreiben. Das war der Plan vor der Laufzeitverlängerung. Zur Kehrtwende der Kanzlerin nach Fukushima sagt der Grünen-Politiker, Merkels Qualität zeichne sich dadurch aus, „dass sie nicht zweimal gegen die gleiche Wand“ laufe.
Aber die Wand hat es in sich. Die schwarz-gelbe Laufzeitverlängerung erweist sich als Kernproblem. Schadenersatzansprüche von Betreiberfirmen hätte es ohne sie nicht gegeben, sagt Trittin. Knackpunkt: weggefallene Strommengen, mit denen die Konzerne Eon, RWE & Co. nach früheren Plänen gerechnet hatten und die sie nicht mehr erzeugen durften.
Zehn Jahre danach ist die Schadenersatzfrage weiter offen. Die Konzerne fordern einen dreistelligen Millionenbetrag von der deutschen Regierung. Das Bundesverfassungsgericht gibt ihnen Rückendeckung. Der schwedische Energieriese Vattenfall klagt zusätzlich vor dem Schiedsgericht der Weltbank. Wie teuer es für die Steuerzahler am Ende wird, ist noch nicht absehbar.
So unabsehbar wie die Zukunft der Energiewende - auch das eine Folge des schnelleren Atomausstiegs. Wind- und Sonnenergie bekommen einen historischen Schub. 2000 beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien an der Bruttostromerzeugung noch 6,6 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft 44,6 Prozent. Bis 2030 will Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bis zu 80 Prozent.
Parallel geht der Atomenergie-Anteil zurück. Aktuell sind noch sechs AKW in Deutschland am Netz. Anders in Ländern wie Frankreich oder Finnland, die ihre Energieversorgung aus Überzeugung auf Nuklearenergie stützen. Auch China baut kräftig zu. Selbst im Super-GAU-Land Japan ist Ausstieg keine Option.
Ein deutscher Sonderweg? Oder Irrweg gar? Nein, sagt Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Umweltministerium. Erneuerbare Energien würden immer günstiger, Atomenergie rentiere sich nicht, sei auch kein Beitrag zum Klimaschutz. Diejenigen, die sich nach ihr zurücksehnten oder gar neue Reaktortypen anpriesen, nennt Flasbarth „Realitätsverweigerer“. Für ihn ist klar: Einen Weg zurück kann es nicht geben. Auch wenn noch viele Fragen offen sind.
Etwa die nach einem Endlager für den hochradioaktiven Müll. Das soll bis 2031 gefunden sein. Die Vorsitzende des Bundestags-Umweltausschusses, Sylvia Kotting-Uhl, hält diesen Zeitplan für unrealistisch.
Auch zehn Jahre nach Fukushima reißt in Deutschland der Protest nicht ab. Klima- und Anti-Atom-Aktivisten sind alles andere als still - auch wenn sie derzeit keine Menschenketten bilden dürfen. Sie haben alte Sorgen und neue Fragen.

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