Paasch: „Wir brauchen immer noch Ausdauer und Solidarität“

<p>Ministerpräsident Oliver Paasch bei seiner Neujahrsansprache</p>
Ministerpräsident Oliver Paasch bei seiner Neujahrsansprache | Screenshot: GrenzEcho

„Hinter uns liegt ein Jahr, wie wir es noch nicht erlebt haben und nie mehr erleben wollen. Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle dazu aufgerufen, sich den neuen Herausforderungen generations-, gesellschafts- und parteiübergreifend zu stellen. Damals ahnten wir noch nicht, welche große Aufgabe auf uns zukommen würde. Im Februar haben wir noch Karneval gefeiert. Wenige Wochen später wirbelte Corona unser ganzes Leben durcheinander“, so der Regierungschef.

„Unser Gesundheitswesen stand kurz vor dem Kollaps. Mediziner und Pflegekräfte gerieten an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Wenn ein Gesundheitswesen kollabiert, müssen Mediziner entscheiden, wen sie sterben und leben lassen. Eine unmenschliche Entscheidung. Ich will mir nicht vorstellen müssen, dass man meinen Kindern oder meinen Eltern zum Beispiel nach einem Unfall sagt, man könne sie nicht mehr behandeln, weil für sie keine Zeit und kein Platz mehr ist“, fügte er hinzu. Dass solche Situationen „in letzter Minute“ verhindert werden konnten, verdanke man den europäischen Nachbarn, die Patienten aufgenommen hätten, aber vor allem den Bürgerinnen und Bürgern: „Ich bedanke mich bei allen, die sich nun schon seit Monaten diszipliniert an die Schutzmaßnahmen halten. Ihr Durchhaltevermögen hat Leben gerettet.“

2020 habe man in Belgien fast 15.000 Tote mehr beklagen müssen als in einem normalen Jahr. „Hinter dieser Zahl stecken Menschen, Schicksale, Familien, Freunde. Ohne Ihre Solidarität wäre es noch sehr viel schlimmer gekommen. Der Preis jedoch, den wir im Kampf gegen Corona zahlen müssen, ist hoch. Wir vermissen vieles von dem, was unser Leben so lebenswert macht. Auch für uns Politiker ist die Krise eine nie dagewesene Herausforderung“, meinte Oliver Paasch.

Ein hochansteckendes Virus ohne Medikamente oder Impfstoffe zu steuern, sei in einer globalisierten Welt nicht einfach. „Einerseits die Menschen vor einem gefährlichen Virus zu schützen, und andererseits ein Maximum an Freiheiten aufrechtzuerhalten, das ist eine extrem sensible Gratwanderung, für die es keine Blaupause gibt. Bei solchen Entscheidungen werden leider auch Fehler gemacht. Das müssen wir Politiker zugeben. Gleichzeitig bemühen wir uns zu helfen.“ Oliver Paasch erwähnte in diesem Zusammenhang die DG-Direkthilfen in Höhe von 70 Millionen Euro. „Wir haben nahezu alle Instrumente unserer Autonomie eingesetzt, um die Menschen zu unterstützen. Dabei haben sowohl Mehrheit und Opposition im Parlament der DG als auch Regierung und Gemeinden eng und parteiübergreifend zusammengearbeitet.“

Die DG-Regierung habe dem Parlament im September 20 konkrete Zukunftsprojekte vorgeschlagen, um die ersten richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen. In den nächsten zehn Jahren wolle die DG 600 Millionen Euro in den Standort investieren – und dies in fast allen Zuständigkeitsbereichen und darüber hinaus (wie beim Ausbau des Glasfasernetzes). „Wir müssen dafür sorgen, dass Ostbelgien gestärkt aus der Krise hervorgeht und eine Region bleibt, in der man gut und gerne leben und arbeiten kann. Es gibt - allem Frust und allen Sorgen zum Trotz - viele Gründe, zuversichtlich in das neue Jahr zu blicken. Im Laufe dieses Jahres werden wir über wirksame Medikamente bzw. Impfstoffe gegen Covid-19 verfügen. Dann werden die Einschränkungen mit und mit wieder aufgehoben und wir in ein normales Leben zurückfinden können. Es stimmt, dass bis dahin noch Zeit vergehen wird. Wir brauchen immer noch Ausdauer und Solidarität. Das ist nicht einfach, weil wir alle dieses Virus satt sind.“

Ostbelgien sei aber eine starke Gemeinschaft: „Unsere Vorfahren haben sehr viel Schlimmeres erlitten und unsere Heimat trotzdem wieder aufgebaut. Es gibt viele Zeichen der Hoffnung. Wir sind diesem Virus nicht hilflos ausgeliefert. Wir alle können uns und andere durch unser Verhalten schützen. Mögen wir irgendwann auf diese schwierige Zeit in der Gewissheit zurückschauen können, dass der Zusammenhalt der Ostbelgierinnen und Ostbelgier einmal mehr entscheidend dazu beigetragen hat, eine große Krise zu überwinden und gestärkt aus ihr hervorzugehen“, so Oliver Paasch. (sc)

Kommentare

  • Beim Zitieren von Textstellen aus der Neujahrsansprache von Oliver Paasch ist dem GE ein kleiner aber bedeutsamer Fehler unterlaufen. Das kleine Wort „hoffentlich“ ist beim Zitieren verloren gegangen, denn Oliver Paasch sagte wortwörtlich: „Im Laufe dieses Jahres werden wir HOFFENTLICH über wirksame Medikamente bzw. Impfstoffe gegen Covid-19 verfügen.“ (https://m.brf.be/reportagen/925031/, ab 04:30)

    Dieses Wort „hoffentlich“ ist insofern von Bedeutung, da es die Ratlosigkeit der föderalen und auch der ostbelgischen Regierung unterstreicht. Was ist denn nun der Plan B, der aus der Schublade geholt wird, wenn die Impfung nicht den erwarteten Erfolg bringt?

    Diese Frage ist von entscheidender Bedeutung, da Oliver Paasch offenkundig die Aufhebung der Einschränkungen und die Rückkehr in ein normales Leben von der Erfüllung seiner oben zitierten Hoffnung abhängig macht. Ich befürchte, diese Hoffnung wird bereits dann einen Dämpfer erfahren, sobald er einen Blick auf den Kurs der Aktie von Biontech wirft, da diese seit dem 10. Dezember knapp 40% an Wert verloren hat. Könnte es sein, dass die Börsianer mehr wissen als die Öffentlichkeit, oder nehmen sie aktuelle Analysen zur Impffreudigkeit ernster, wenn diese einen Schwund der Akzeptanz von 70% im März auf unter 50% im Oktober feststellen? (https://www.mdpi.com/2076-393X/9/1/16/pdf).

    Und dass der MP jetzt die Verdienste der Bevölkerung im Kampf gegen Corona so salbungsvoll vorträgt, steht im Widerspruch zu seiner Aussage vom 23.10.2020. Ich zitiere: „Wenn z.B. ein zweiwöchiger Lockdown beschlossen würde, könne niemand sagen, ob das zu einer maßgeblichen Verbesserung der sanitären Situation beitragen würde.“
    In anderen Worten, noch im Oktober war Oliver Paasch keineswegs davon überzeugt, dass Lockdowns (oder sonstige Einschränkungen) überhaupt von Nutzen sind, sprich der "heldenhafte Kampf" der Bürger, die alle Corona-Einschränkungen geduldig ertragen haben, vielleicht letztendlich nun doch ein Kampf gegen Windmühlen war und ist.

  • Hallo Gerhard,
    Fehler ist in dem Fall relativ: Wir haben die Rede schriftlich erhalten, und in der Redevorlage stand das Wort hoffentlich nicht.
    Das nur zur Transparenz und Klarstellung.

    Lieben Gruß,
    Christian Schmitz
    GE-Redaktion

Kommentar verfassen

2 Comments