Human Rights Watch spricht von „Kriegsverbrechen“ in Syrien

<p>Die sechsjährige Kenana Yassin, die zusammen mit drei Familienmitgliedern bei einem Luftangriff der syrischen Regierung auf die von den Rebellen kontrollierte Provinz Idlib verletzt wurde, wird behandelt.</p>
Die sechsjährige Kenana Yassin, die zusammen mit drei Familienmitgliedern bei einem Luftangriff der syrischen Regierung auf die von den Rebellen kontrollierte Provinz Idlib verletzt wurde, wird behandelt. | Foto: Anas Alkharboutli/dpa

Zu diesem Schluss kommt HRW in einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht. Auf 167 Seiten werden 46 Luft- und Bodenangriffe dokumentiert, die nach Einschätzung der Organisation direkt auf zivile Einrichtungen in der syrischen Rebellenhochburg Idlib abzielten.

„Das Argument der syrischen und russischen Armee, dass sie nur militärische Ziele ins Visier nehmen, ist offenkundig falsch“, sagte HRW-Expertin Belkis Wille. „Wir konnten bei keinem der von uns dokumentierten Angriffe Militärpersonal, Ausrüstung oder Waffen in unmittelbarer Nähe feststellen.“ Sie zeigten „eine gefühllose Missachtung des zivilen Lebens“, sagte HRW-Geschäftsführer Kenneth Roth. Vermutlich sollten zivile Einrichtungen zerstört und die Bevölkerung damit vertrieben werden.

Die untersuchten Fälle seien nur ein Bruchteil der Angriffe, die in dieser Zeit in der Region verübt wurden, heißt es im Bericht. Bei Angriffen auf Krankenhäuser, Schulen und Märkte von April 2019 bis März 2020 seien mehr als 220 Zivilisten getötet und rund 560 weitere verletzt worden.

Im Mai hatte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) bereits einen Bericht über gezielte Angriffe syrischer und russischer Truppen auf Krankenhäuser und Schulen vorgelegt. Auch darin war von Kriegsverbrechen sowie „ernsthaften Verstößen gegen humanitäres Völkerrecht“ und Verbrechen gegen die Menschlichkeit die Rede. Sie seien Teil einer „etablierten Methode“ der Regierung von Präsident Baschar al-Assad im Bürgerkrieg.

Syrische Regierungstruppen hatten im Frühjahr 2019 mit russischer Unterstützung eine Offensive begonnen, um die letzte Rebellenhochburg Idlib und umliegende Gebiete zurückzuerobern. Vorwürfe über angebliche Angriffe auf zivile Einrichtungen wiesen die beiden Verbündeten stets zurück und erklärten, sie würden Rebellen und „Terroristen“ angreifen. Seit Anfang 2019 wurden 1,4 Millionen Menschen durch die Kämpfe in Idlib vertrieben. (dpa)

Kommentare

Kommentar verfassen

0 Comment