Wijdan: „Ich kämpfte mit all meinen Kräften“

<p>Wijdan kommt aus dem Irak und wohnt seit 2011 in Belgien.</p>
Wijdan kommt aus dem Irak und wohnt seit 2011 in Belgien. | Foto: Belgisches Rotes Kreuz

Lebenslust, Energie und positive Ausstrahlung: mit diesen drei Wörtern können wir unser Interview mit Wijdan beschreiben. Wijdan kommt aus dem Irak und wohnt seit 2011 in Belgien. In seinem Heimatland studierte er Sportwissenschaften, und gleich nach dem Masterabschluss wurde er Professor an zwei irakischen Universitäten und an einer Universität in Syrien. Er fing auch eine Promotion an, die er aufgrund des Krieges abbrechen musste. Er zog weiter in die Türkei, und trotz der prekären Situation gelang es ihm schnell, verschiedene Tätigkeiten auszuüben, unter anderem als Übersetzer für Arabisch und Englisch und als Verkäufer. Allerdings war das Leben von Wijdan nicht nur von akademischen und beruflichen Erfolgen geprägt: er erlebte drei Kriege in seinem Heimatland. Und alle diese schwierigen Ereignisse brachten ihn nach Belgien, um hier ein neues Leben anzufangen. Wijdan hat in allen drei Sprachgemeinschaften Belgiens gelebt, und als er seine Papiere bekam, ließ er sich in Eupen nieder.

„Ich hatte schon Pläne, aber kurz nach meiner Niederlassung wurde mir Krebs diagnostiziert, ein Lymphom. Mein Leben fror für anderthalb Jahre ein. Aber ich kämpfte mit all meinen Kräften. Nach aller Gewalt und Brutalität, die ich in meinem Leben gesehen habe, war das für mich nur eine weitere Hürde, die es zu bewältigen galt. Und ich habe es überlebt. Die wahre Herausforderung war, all das allein und ohne die Wärme und Hilfe meiner Familie zu überwinden.“

Die Familie von Wijdan ist nämlich überall in der Welt zerstreut: „Meine Kinder sehe ich seit viel zu vielen Jahren nicht mehr. Aber ich weiß, dass sie in Sicherheit sind. Sie machen mich mit ihren Lebenserfolgen richtig stolz! Ich bin mit allen anderen Familienangehörigen in Übersee ständig in Kontakt, aber meine richtige Heimat, wo meine Wurzeln sind, fehlt mir sehr.“

Nach der Krankheit konnte er endlich mit dem Integrationsparcours beginnen. „Als ich nach Belgien kam, war die Sprache sicherlich eine große Schwierigkeit. Aber durch die Sprachkurse im Rahmen des Integrationsparcours und der großen Unterstützung meiner Lehrerin, konnte ich die A2-Deutsch-Prüfung erfolgreich bestehen. Das gleiche Niveau erreichte ich auch in Französisch, und jetzt ist es mein Ziel, diese beiden Sprachen weiter zu verbessern, um meine beruflichen Chancen zu erweitern.“ Da Wijdan schon in vier verschiedenen Ländern gelebt hat, hatte er seit dem Anfang eine klare Vorstellung, wie er sein Leben hier aufbauen wird: „Jedes Mal musste ich bei null beginnen. Und hier in Belgien war es nicht anders. Aber bei mir waren die Schritte glasklar: ich muss zunächst die Sprache lernen, um die Regeln und das System zu verstehen und vor allem Kontakte zu hiesigen Leuten zu knüpfen.“ In Eupen war er immer zufrieden, und dank seiner Aufgeschlossenheit konnte er relativ schnell Leute kennenlernen: „In meiner Zeit in Belgien traf ich natürlich einige Personen, die misstrauisch waren. Aber hier in Eupen traf ich viele andere nette Menschen, die bereit waren, mir zuzuhören und mich, meinen Hintergrund und meine Geschichte kennenzulernen.“ Hier hat er auch die Chance bekommen, seine größte Leidenschaft zu verfolgen: als Sportlehrer in der Schule zu arbeiten. „Ganz am Anfang waren einige Leute von meinem Aussehen eingeschüchtert. Aber schnell konnte ich zeigen, wie sehr ich meine Arbeit liebe. ‘Do what you love and love what you do’. So lautet mein Lebensmotto. Als Lehrer hat man die große Verantwortung, die Schüler*innen dazu zu bringen, ihre Leidenschaften zu verfolgen und sie zu motivieren, für die eigenen Ziele hart zu arbeiten. Das verschafft große Befriedigung! Auch meine Kollegin*innen sagen mir immer, ich strahle Freude und positive Energie aus.“ Und nach kurzer Zeit bekam er weitere Aufträge: er unterrichtet Arabisch für einige hochbegabte Kinder und ist auch in der Förderschule tätig: „Da muss man ein guter Zuhörer sein. Zu manchen Kindern darf man nur mit den Augen und mit einem offenen Herz sprechen. Ich habe von ihnen so viel gelernt!“

Das Alltagsleben von Wijdan ist ziemlich voll: wenn er nicht in der Schule ist, trainiert er Jugendliche für einen lokalen Sportverein. Aber nicht nur. Er ist zurzeit Doktorand bei einer amerikanischen Universität: „Als ich krank war, meldete mich meine Schwester als Geschenk für ein internationales Doktor-Programm in den USA an. Jede Woche besuche ich die Vorlesungen online und diskutiere mit anderen Doktoranden aus aller Welt. Mein Forschungsprojekt zielt darauf ab, die Integrationspolitik und ihren Einfluss auf irakische und syrische Geflüchtete in Belgien zu bewerten. Das ist ein brandaktuelles Thema und ich möchte auch meinen Beitrag für die Weiterentwicklung von Integrationsmaßnahmen leisten.“

Die Pläne für Wijdans Zukunft sehen die Arbeit und den Abschluss der Promotion vor, um vielleicht eines Tages Professor an der Universität hier in Belgien zu werden. Doch auch jetzt tauchen wieder Hindernisse auf: „Letztes Jahr wurde mir noch ein Hautkrebs diagnostiziert. Das war ein schwerer Schlag und das legte mir einen weiteren Stein in den Weg. Man braucht Zeit, um all das zu überwinden, aber was für Möglichkeiten gibt es, außer weiter zu kämpfen? Die Arbeit in der Schule, die anderen Tätigkeiten und meine Zukunftspläne geben mir jeden Tag die Kraft, nach vorne zu schauen.“ Und von dieser starken Motivation können wir uns nur inspirieren lassen.

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